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POLITIK

Magdeburg beschließt den politischen Turbomodus – Zehn Tage Arbeit, hundert Tage Ansagen und ein Fahnenmast für jede Gelegenheit

admin · 12.07.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: Hundert Tage, tausend Formulare und große Pläne
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Es gibt Parteitage, nach denen Journalisten müde nach Hause fahren und sich fragen, ob sie gerade drei Stunden oder drei Jahrzehnte ihres Lebens verloren haben.

Und dann gibt es Parteitage wie den in Magdeburg.

Schon beim Betreten der Halle hatte man den Eindruck, irgendwo müsse ein Countdown laufen. Nicht weil gleich eine Rakete starten sollte, sondern weil offenbar beschlossen wurde, dass ein komplettes Bundesland künftig innerhalb weniger Wochen neu sortiert werden könne – ungefähr so, wie man am Samstagmorgen beschließt, endlich den Keller aufzuräumen und am Sonntagabend zwischen Weihnachtsdeko von 1998 und einem Röhrenfernseher kapituliert.

Ulrich Siegmund trat mit der Gelassenheit eines Mannes auf, der überzeugt ist, dass hundert Tage vollkommen ausreichen, um politische Geschichte zu schreiben.

Hundert Tage.

Andere brauchen schon hundert Tage, um einen neuen Drucker in einer Behörde genehmigen zu lassen.

Doch hier wurde groß gedacht.

Sehr groß.

Der Plan wirkte wie eine Mischung aus Regierungsprogramm, Wunschzettel und Einkaufszettel eines Menschen, der mit leerem Magen in den Baumarkt gegangen ist.

Nach dem Motto:

"Wenn wir schon da sind, nehmen wir gleich alles."

Während andernorts Arbeitsgruppen gegründet werden, um zunächst die Farbe des Titelblatts einer Machbarkeitsstudie zu diskutieren, schien in Magdeburg bereits festzustehen, dass künftig alles schneller gehen werde.

Selbst die Bürokratie dürfte kurz nervös geworden sein.

Nicht lange.

Nur ungefähr drei Sekunden.

Dann erinnerte sie sich daran, dass sie immer noch über achtzehn Formulare, sechs Genehmigungen und einen Stempel verfügt, der ausschließlich dienstags zwischen 9:17 Uhr und 9:24 Uhr benutzt werden darf.

Sie entspannte sich wieder.

Einige Vorhaben erinnerten dabei an den Versuch, einen ICE mit einem Akkuschrauber zu beschleunigen.

Andere wirkten, als hätte jemand sämtliche politischen Schlagzeilen der letzten Jahre ausgeschnitten, in einen Hut geworfen und anschließend blind zehn Lose gezogen.

Besonders faszinierend war die Vorstellung, künftig könne Verwaltung funktionieren wie eine Kochsendung.

"Willkommen bei Deutschland in 100 Tagen.

Heute entfernen wir zwei Ministerien, geben eine Prise Fahnen dazu, würzen mit einem Untersuchungsausschuss und lassen alles bei mittlerer Empörung ziehen."

Die Zuschauer applaudieren.

Die Opposition sucht den Notausgang.

Und irgendwo ruft ein Verwaltungsrichter bereits vorsorglich den Urlaub ab.


Währenddessen hatte Martin Reichardt einen ganz eigenen Sport entdeckt.

Politisches Gewichtheben.

Mit jeder Rede hob er die Vorwürfe ein Stück höher.

Die CDU bekam verbale Hantelscheiben verpasst, Sven Schulze wurde mehrfach in den Ring gebeten, und spätestens nach wenigen Minuten entstand der Eindruck, der eigentliche Parteitag sei versehentlich mit einer Meisterschaft im politischen Armdrücken verwechselt worden.

Das Publikum verfolgte das Spektakel ungefähr so gespannt wie Menschen, die auf der Autobahn zufällig an einer Baustelle vorbeifahren.

Eigentlich möchte man weiter.

Aber irgendwie schaut man doch hin.


Besonders spannend dürfte künftig der Alltag in Sachsen-Anhalt werden.

Stellen wir uns einen gewöhnlichen Montagmorgen vor.

7:30 Uhr.

Vor jeder Schule beginnt die tägliche Zeremonie.

Der Hausmeister marschiert geschniegelt über den Schulhof.

Ein Schüler spielt Trompete.

Ein anderer hält versehentlich den Besen für den Fahnenmast.

Der Wind entscheidet spontan, heute nicht mitzuarbeiten.

Zwanzig Erwachsene diskutieren nun ernsthaft über aerodynamische Probleme der Nationalfarben.

Im Lehrerzimmer wird gleichzeitig geprüft, ob Kreide noch den korrekten Farbton besitzt.

Ein Elternbeirat beantragt vorsorglich einen Unterausschuss für Fahnenfalten.

Die erste Unterrichtsstunde fällt aus.

Aus organisatorischen Gründen.


Parallel beginnt in der Staatskanzlei das große Ministeriums-Wichteln.

Niemand weiß mehr genau, welches Ressort morgen überhaupt noch existiert.

Die Beschäftigten laufen mit Umzugskartons durch die Flure.

Türschilder werden schneller gewechselt als Sonderangebote im Discounter.

Ein Staatssekretär verirrt sich versehentlich ins Landwirtschaftsministerium und stellt erst nach zwei Wochen fest, dass er inzwischen Digitalminister geworden ist.

Der Pförtner weiß ebenfalls nichts Genaues.

Er verteilt Sicherheitshalber Besucherausweise mit der Aufschrift:

"Vielleicht zuständig."


Auch sämtliche Behörden bereiten sich intensiv auf die angekündigte Beschleunigung vor.

Dazu wird zunächst eine Projektgruppe gegründet.

Die Projektgruppe gründet einen Lenkungsausschuss.

Der Lenkungsausschuss beauftragt eine Koordinierungsstelle.

Die Koordinierungsstelle erstellt einen Zwölf-Punkte-Plan zur Beschleunigung.

Dieser wird nach acht Monaten geprüft.

Anschließend beginnt Phase Eins.

Deutschland bleibt eben Deutschland.


Selbst der Untersuchungsausschuss dürfte nicht zu kurz kommen.

Kaum sind die Mikrofone aufgebaut, erscheinen Experten, Gutachter, ehemalige Experten, neue Gutachter und Menschen, die zwar nichts beitragen können, aber immerhin einen sehr dicken Ordner besitzen.

Nach der fünfzigsten Sitzung stellt jemand fest, dass man versehentlich die Tagesordnung vergessen hat.

Es wird ein weiterer Termin vereinbart.

Die Demokratie schnauft zufrieden.


Auch die geplanten Sparmaßnahmen entfalten plötzlich ungeahnte Nebenwirkungen.

Ministerien verschwinden.

Dafür entstehen Orientierungstafeln.

Besucher erhalten künftig Navigationsgeräte.

Ein Beamter fragt:

"Wo sitzt eigentlich das Innenministerium?"

Antwort:

"Kommt darauf an, welchen Wochentag wir haben."


Ulrich Siegmund wirkt währenddessen bemerkenswert gelassen.

Er präsentiert alles mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der überzeugt ist, dass zwischen Idee und Umsetzung höchstens eine Kaffeepause liegt.

Irgendwo im Hintergrund lacht allerdings leise die deutsche Verwaltung.

Sie hat schon Kaiser, Könige, Ministerpräsidenten, Reformen, Digitalisierungsoffensiven und unzählige Organisationsprojekte erlebt.

Sie weiß:

Nichts ist stärker als Formular Nummer 47b.

Außer vielleicht Formular 47b in dreifacher Ausfertigung.


Während sich politische Konkurrenten bereits mit Koalitionsrechnern, Mehrheitsmodellen und Sitzverteilungen beschäftigen, sitzt irgendwo ein alter Verwaltungsbeamter entspannt an seinem Schreibtisch.

Er nimmt einen Schluck Filterkaffee.

Er öffnet langsam den Aktenschrank.

Er legt einen neuen Leitz-Ordner hinein.

Dann lächelt er wissend.

Nicht aus Überheblichkeit.

Sondern aus jahrzehntelanger Erfahrung.

Denn Regierungen kommen und gehen.

Parteitage enden.

Wahlprogramme vergilben.

Koalitionen wechseln.

Doch irgendwo im Keller eines Landesministeriums steht immer ein Aktenschrank, der sämtliche politischen Großpläne geduldig einsortiert – alphabetisch, gelocht und selbstverständlich mit einem Vermerk:

„Bearbeitung voraussichtlich innerhalb der nächsten hundert Werktage.“

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