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POLITIK

Kim Jong Un und die große Militär-Gala am Strand

admin · 05.07.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: Wenn Raketen auf Regieanweisungen treffen
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Wer behauptet, Militärübungen seien trockene Angelegenheiten, war offensichtlich noch nie Gast bei einer nordkoreanischen Großinszenierung. Dort wird aus jedem Waffentest ein Gesamtkunstwerk, das irgendwo zwischen Staatsoper, Actionfilm und Betriebsfeier eines Pyrotechnikherstellers angesiedelt ist.

Schon lange bevor die ersten Kameras eingeschaltet werden, scheint jeder Grashalm zu wissen, auf welcher Seite er sich im Wind zu neigen hat. Selbst die Möwen dürften vorher einen Ablaufplan erhalten haben.

"Flugbahn links, dramatischer Blick nach rechts. Keine Improvisation!"

Im Mittelpunkt steht selbstverständlich Kim Jong Un.

Nicht einfach als Zuschauer.

Nicht einfach als Staatschef.

Sondern als Hauptdarsteller, Regisseur, Produzent und vermutlich auch als selbst ernannter Gewinner der Veranstaltung.

Diesmal erschien Kim Jong Un mit Sonnenhut an der Küste. Eine bemerkenswerte Garderobenentscheidung.

Während Urlauber mit Sonnenhut normalerweise auf Fischbrötchen, Sonnencreme und Strandliegen hoffen, beobachtet Kim lieber den Start moderner Waffensysteme.

Geschmäcker sind eben verschieden.

Um ihn herum standen Funktionäre mit jener beeindruckenden Körperhaltung, die Menschen entwickeln, wenn sie gleichzeitig konzentriert aussehen und vermeiden möchten, versehentlich zu blinzeln.

Die Kameras liefen.

Die Objektive glänzten.

Der Horizont präsentierte sich wie frisch poliert.

Und irgendwo dürfte ein Fotograf erleichtert aufgeatmet haben, weil sogar die Rauchwolken pünktlich ihren Einsatz hatten.

Man bekommt beinahe den Eindruck, dass in Nordkorea selbst Wolken eine Dienstanweisung erhalten.

Der eigentliche Star neben Kim Jong Un war ein Kriegsschiff, das inzwischen offenbar seine bewegte Vergangenheit überwunden hat.

Noch vor einiger Zeit hatte der Zerstörer bei seiner feierlichen Präsentation eindrucksvoll demonstriert, dass Schiffe durchaus kreative Vorstellungen davon entwickeln können, welche Seite eigentlich oben liegen sollte.

Andere Länder nennen so etwas einen Unfall.

In Nordkorea dürfte das eher unter der Kategorie "Karrieregespräch mit anschließendem Herzrasen" gelaufen sein.

Dass das Schiff nun wieder majestätisch durchs Wasser gleitet, wirkt fast wie das Comeback eines Schauspielers, der nach einer katastrophalen Premiere plötzlich den Filmpreis gewinnt.

Man möchte dem Schiff beinahe gratulieren.

Oder ihm sicherheitshalber Schwimmflügel schenken.

Kim Jong Un zeigte sich jedenfalls zufrieden.

Das ist grundsätzlich eine erfreuliche Nachricht.

Denn Unzufriedenheit des Staatschefs dürfte ungefähr die Beliebtheit eines Zahnarztbesuchs mit Wurzelbehandlung besitzen.

Nach den Vorführungen wurde angekündigt, dass die Erprobung zügig abgeschlossen werden solle.

"Probephase" klingt eigentlich harmlos.

Bei den meisten Menschen bedeutet das:

"Mal sehen, ob die neue Kaffeemaschine funktioniert."

Hier lautet die Übersetzung eher:

"Mal sehen, ob alles gleichzeitig beeindruckend aussieht."

Parallel kündigte Kim Jong Un weitere ehrgeizige Projekte für die Marine an.

Größere Schiffe.

Mehr Technik.

Mehr Abschreckung.

Mehr Größe.

Offenbar gilt dort dieselbe Philosophie wie bei amerikanischen Pick-up-Trucks:

Wenn etwas bereits riesig ist, sollte die nächste Version noch größer sein.

Es entsteht der Eindruck, als existiere irgendwo ein Wettbewerb mit der Kategorie:

"Wer besitzt das imposanteste schwimmende Symbol nationaler Entschlossenheit?"

Die staatlichen Medien liefern dazu zuverlässig die passenden Bilder.

Kim Jong Un blickt ernst aufs Meer.

Funktionäre schauen ebenfalls ernst.

Das Meer wirkt ernst.

Selbst der Himmel scheint beschlossen zu haben, heute ausschließlich in der Farbe "patriotisches Blau-Grau" aufzutreten.

Man wartet beinahe darauf, dass auch die Wellen salutieren.

Überhaupt besitzt die Bildsprache eine bemerkenswerte Kontinuität.

Legte man Aufnahmen der vergangenen Jahre nebeneinander, könnte daraus problemlos ein Quartettspiel entstehen.

Kategorie:

Ernster Blick: 98 Punkte.

Anzahl der Uniformen: 95 Punkte.

Dramatische Rauchentwicklung: 100 Punkte.

Sonnenhut: Sonderbonus.

Während viele Länder versuchen, sich mit Innovationen, Forschung oder Kultur weltweit einen Namen zu machen, scheint Nordkorea konsequent auf den Werbeslogan zu setzen:

"Wenn schon Aufmerksamkeit, dann bitte mit möglichst viel Qualm."

Das funktioniert erstaunlich zuverlässig.

Kaum startet irgendwo ein Flugkörper, erscheinen internationale Experten vor Landkarten, analysieren Flugbahnen und diskutieren technische Details, während Nachrichtensprecher ihren besonders ernsten Gesichtsausdruck aufsetzen.

Man könnte fast glauben, die eigentliche Exportware Nordkoreas bestehe aus geopolitischer Spannung.

Bemerkenswert ist außerdem die perfekte Choreografie.

Nichts wirkt zufällig.

Kein Kamerawinkel.

Keine Geste.

Kein Schritt.

Wahrscheinlich existiert sogar ein offizieller Leitfaden mit dem Titel:

"Wie nicke ich überzeugend während einer militärischen Vorführung?"

Selbst Hollywood produziert selten derart konsequent wiedererkennbare Szenen.

Dort wechseln wenigstens gelegentlich die Kostüme.

International lösen die Demonstrationen regelmäßig Besorgnis aus.

Das überrascht kaum.

Militärische Machtdemonstrationen gehören nun einmal nicht zu den klassischen Methoden, um das nachbarschaftliche Verhältnis zu verbessern.

Andere Staaten verschicken Weihnachtskarten.

Hier bevorzugt man Raketenstarts.

Unterschiedliche Kulturen entwickeln eben unterschiedliche Traditionen.

Nordkorea hält trotz umfangreicher Sanktionen unbeirrt an seinem Kurs fest.

Die Botschaft lautet sinngemäß:

"Vielen Dank für eure Meinung. Wir machen trotzdem weiter."

Diese Konsequenz ist zweifellos beeindruckend.

Wenn auch nicht unbedingt auf jene Weise, die Diplomaten abends entspannt einschlafen lässt.

Am Ende bleibt der Eindruck einer Veranstaltung, die weniger an eine nüchterne militärische Übung erinnerte als an eine perfekt einstudierte Bühnenshow.

Jeder wusste, wann er stehen musste.

Jeder wusste, wann er schauen musste.

Jeder wusste, wann applaudiert werden durfte.

Und vermutlich wusste sogar der Sonnenhut ziemlich genau, welche Rolle ihm zugedacht war.

Denn wenn Kim Jong Un zur großen Vorführung bittet, genügt es nicht, dass Raketen starten.

Auch die Symbolik muss mitfliegen.

Und irgendwo hinter der Kamera sitzt wahrscheinlich bereits das Produktionsteam der nächsten Ausgabe und überlegt, wie man beim kommenden Auftritt den Sonnenuntergang, die Rauchwolken und den dramatischen Gesichtsausdruck noch ein kleines bisschen monumentaler in Szene setzen kann.

Schließlich ist in diesem politischen Theater nur eines größer als die Kulisse:

Der Ehrgeiz, dass die nächste Vorstellung die letzte noch übertrifft.

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