Amerika hatte Geburtstag. Kein runder Geburtstag, sondern ein monumentaler. Einer, bei dem andere Länder vermutlich eine Torte backen, eine Blaskapelle bestellen und anschließend gemeinsam Kartoffelsalat essen würden.
Nicht so die Vereinigten Staaten.
Hier musste der Geburtstag selbstverständlich die Dimension einer Hollywood-Produktion erreichen – mit allem, was dazugehört: Flugzeuge, Fahnen, Marschmusik, riesige Bühnen, patriotische Klänge und ein Feuerwerk, das vermutlich sogar aus dem Weltall noch als spontane Sonnenfinsternis hätte durchgehen können.
Im Mittelpunkt stand allerdings nicht die Geschichte der Vereinigten Staaten.
Im Mittelpunkt stand Donald Trump.
Und Donald Trump schaffte das Kunststück, einen Geburtstag so zu moderieren, als hätte er persönlich dafür gesorgt, dass sich die Geschichte bereits Jahrhunderte vor seiner Geburt auf dieses Ereignis vorbereitet hatte.
Man konnte fast glauben, George Washington habe damals beim Unterzeichnen historischer Dokumente beiläufig gesagt: „Lasst etwas Platz für später. Irgendwann kommt noch Donald.“
Die Bühne wirkte derart gewaltig, dass selbst Monumente daneben aussahen wie liebevoll aufgestellte Gartenzwerge. Kampfjets zeichneten Linien an den Himmel, als wollten sie Autogramme in die Wolken schreiben. Hinter der Bühne stapelten sich Flaggen in einer Anzahl, bei der selbst patriotische Adler vermutlich kurz den Überblick verloren.
Donald Trump trat ans Rednerpult mit jener Gelassenheit eines Menschen, der überzeugt ist, dass Applaus lediglich eine höfliche Form des natürlichen Donnerns sei.
Er sprach über Größe.
Über Stärke.
Über Erfolg.
Über Siege.
Über Zukunft.
Über Vergangenheit.
Über Amerika.
Und gelegentlich schien es, als verschwämmen diese Begriffe zu einem einzigen Satz:
„Amerika ist groß. Donald Trump auch. Zufall? Sicher nicht.“
Dabei gelang ihm eine rhetorische Meisterleistung.
Während andere Politiker versuchen, politische Gegner mit Argumenten herauszufordern, bevorzugte Donald Trump den Schnellzug.
Wer anderer Meinung war, wurde kurzerhand in die ideologische Großraumabteilung einsortiert. Offenbar existiert dort inzwischen ein riesiges Hochregallager, in dem sämtliche politischen Etiketten alphabetisch sortiert bereitliegen.
Der Lagermeister dürfte Überstunden machen.
Besonders bemerkenswert war die kreative Bildsprache.
Manche Redner verwenden Metaphern wie Gewürze – sparsam und geschmackvoll.
Donald Trump bevorzugte offenbar den industriellen Großbehälter.
So entstand zeitweise der Eindruck, als befände sich das Publikum weniger auf einer Jubiläumsfeier als in der Premiere eines Actionfilms, dessen Drehbuch gleichzeitig von einem Historiker, einem Wrestling-Kommentator und einem Pyrotechniker geschrieben worden war.
Zwischendurch wurden Veteranen geehrt.
Ein würdevoller Moment.
Doch kaum war der feierliche Applaus verklungen, sprang die Veranstaltung mit der Eleganz eines Trampolins direkt wieder in den Wahlkampfmodus.
Es wirkte ungefähr so, als würde jemand während einer Hochzeit plötzlich Wahlplakate zwischen die Blumensträuße stellen.
Natürlich durfte auch das Lieblingsprojekt des Präsidenten nicht fehlen.
Donald Trump präsentierte erneut seinen „Save America Act“.
Das Gesetz reist inzwischen seit Monaten durch die politischen Institutionen wie ein Koffer ohne Namensschild auf einem Flughafen.
Jeder sieht ihn.
Niemand nimmt ihn mit.
Donald Trump hingegen behandelt ihn weiterhin wie einen zukünftigen Bestseller, dessen Verfilmung bereits fest eingeplant ist.
Anschließend folgte eine ausführliche Aufzählung eigener Erfolge.
Man hätte meinen können, sämtliche historischen Entwicklungen der vergangenen Jahre seien ausschließlich deshalb eingetreten, weil Donald Trump morgens besonders motiviert aufgestanden war.
Wäre irgendwo ein Regenbogen erschienen, hätte vermutlich jemand erklärt, dieser sei ebenfalls Bestandteil des Regierungsprogramms gewesen.
Dann kam endlich der Moment, auf den Millionen Augen warteten.
Das Feuerwerk.
Die Veranstalter hatten nicht gekleckert.
Sie hatten offensichtlich sämtliche Lagerbestände der amerikanischen Feuerwerksindustrie gleichzeitig bestellt.
Raketen stiegen in den Himmel.
Sterne explodierten.
Farben tanzten.
Der Nachthimmel verwandelte sich in ein gigantisches Gemälde.
Vermutlich diskutierten Astronauten auf der Internationalen Raumstation kurz darüber, ob sie versehentlich über Las Vegas geflogen seien.
Doch ausgerechnet in diesem Augenblick meldete sich ein weiterer Ehrengast.
Das Wetter.
Seit Tagen hatte Washington Temperaturen erlebt, bei denen selbst Klimaanlagen erschöpft Urlaub beantragen wollten.
Nun schoben sich dunkle Wolken heran.
Donner grollte.
Blitze zuckten.
Der Himmel schien beschlossen zu haben, dass auch er Anspruch auf einen Programmpunkt besitzt.
Für einen kurzen Moment entstand der Eindruck, Mutter Natur habe beschlossen, den Wettbewerb „Wer liefert heute die eindrucksvollste Lichtshow?“ spontan zu eröffnen.
Das Publikum blickte abwechselnd nach oben, nach vorne und wieder nach oben.
Pyrotechnik links.
Gewitter rechts.
Präsident in der Mitte.
Ein visuelles Sandwich.
Die Organisatoren mussten Besucher zeitweise in Sicherheit bringen.
Selbst das Unwetter schien allerdings höflich genug zu sein, den Hauptredner nicht dauerhaft unterbrechen zu wollen.
Bemerkenswert war außerdem die Laufzeit der Rede.
Donald Trump hatte im Vorfeld große Erwartungen geweckt.
Viele rechneten bereits vorsorglich mit einer Veranstaltung, für die man Proviant, Campingstuhl und Wechselkleidung benötigen würde.
Doch überraschenderweise blieb der Auftritt vergleichsweise kompakt.
Manche Zuhörer wirkten irritiert.
Andere hatten gerade erst ihre Sitzposition gefunden.
Wieder andere vermuteten, der eigentliche Hauptteil beginne erst nach einer kurzen Pause.
Auch das kulturelle Rahmenprogramm entwickelte eine ganz eigene Dynamik.
Mehrere Künstler hatten auf eine Teilnahme verzichtet.
Donald Trump löste dieses Problem mit der ihm eigenen mathematischen Logik.
Wenn Künstler fehlen, erhöht sich automatisch der Marktanteil des verbliebenen Stars.
Eine Rechnung, die vermutlich nur funktioniert, wenn man gleichzeitig Hauptredner, Hauptattraktion und gefühlter Moderator sämtlicher historischen Ereignisse sein möchte.
Währenddessen blickten Meinungsforscher weiterhin auf sinkende Zustimmungswerte.
Doch Umfragen besitzen einen entscheidenden Nachteil:
Sie machen keine Geräusche.
Ein Feuerwerk knallt.
Kampfjets donnern.
Applaus hallt.
Prozentzahlen hingegen stehen schweigend in Tabellen herum und verweigern jede dramatische Inszenierung.
Am Ende verabschiedete sich der Abend mit einem Himmel voller Licht und einer Bühne voller Pathos.
Amerika hatte seinen Geburtstag gefeiert.
Donald Trump hatte Donald Trump gefeiert.
Die Raketen hatten den Himmel gefeiert.
Das Gewitter hatte die Raketen gefeiert.
Und irgendwo zwischen patriotischen Hymnen, historischen Erinnerungen und politischer Selbstvermarktung dürfte sich selbst die Freiheitsstatue kurz gefragt haben, ob sie sich für künftige Jubiläen vielleicht ebenfalls einen Wahlkampfberater zulegen sollte.
Denn eines bewies dieser Abend eindrucksvoll:
Wenn Donald Trump eine Festrede hält, bekommt sogar das Feuerwerk Konkurrenz – und der Donner muss sich anstrengen, überhaupt noch zu Wort zu kommen.
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