Es war der große Tag der deutschen Verwaltungsmodernisierung. Kameras klickten, Mikrofone wurden ausgerichtet und unzählige Aktenordner bildeten einen würdigen Hintergrund für eine historische Ankündigung.
Das Ministerium für Entbürokratisierung präsentierte seinen Masterplan.
Zur wirksamen Bekämpfung der Bürokratie werden zunächst 300 neue Formulare eingeführt.
Der Applaus fiel höflich aus. Viele Anwesende waren allerdings noch damit beschäftigt, den Antrag auf Teilnahme am Applaus vollständig auszufüllen.
Nach Angaben des Ministeriums handelt es sich selbstverständlich nicht um zusätzliche Bürokratie.
Nein.
Es sei "vorbereitende Entbürokratie mit administrativem Optimierungspotenzial."
Allein dieser Begriff benötigt vermutlich drei Genehmigungen und einen Dolmetscher.
Die neuen Formulare tragen klangvolle Namen wie:
E-17b – Antrag auf Beantragung eines Antrags.
F-82 – Erklärung zur beabsichtigten Vereinfachung einer Vereinfachung.
A-114 – Selbstauskunft über bereits ausgefüllte Selbstauskünfte.
B-300 – Bestätigung, dass Formular B-299 vollständig gelesen wurde, obwohl es noch gar nicht veröffentlicht ist.
Besonders innovativ gilt Formular Z-99.
Es dient ausschließlich dazu, die Existenz aller übrigen Formulare zu bestätigen.
Das spart selbstverständlich Zeit.
Zumindest irgendwo.
Eine Sprecherin des Ministeriums erklärte voller Stolz, der Verwaltungsaufwand werde künftig deutlich sinken.
Allerdings müsse zunächst jeder Bürger sämtliche neuen Unterlagen ausfüllen, damit anschließend festgestellt werden könne, welche Formulare überflüssig seien.
Dieser Prozess werde nach ersten Schätzungen lediglich sieben bis zwölf Jahre dauern.
Optimisten rechnen mit acht.
Pessimisten haben bereits einen Ordner dafür angelegt.
Natürlich wurde auch an die Digitalisierung gedacht.
Jedes Formular kann bequem online heruntergeladen werden.
Anschließend muss es ausgedruckt, handschriftlich unterschrieben, eingescannt, digital hochgeladen, erneut ausgedruckt und zur Sicherheit zusätzlich per Einschreiben verschickt werden.
Wer wirklich modern sein möchte, darf den Bearbeitungsstand anschließend in einem Online-Portal verfolgen.
Dort erscheint nach wenigen Sekunden zuverlässig die Meldung:
"Bitte haben Sie Geduld."
Ein Klassiker deutscher Softwareentwicklung.
Im Ministerium herrscht dennoch Aufbruchsstimmung.
Neue Stellen wurden geschaffen.
Es gibt inzwischen Referate für Formularharmonisierung, Antragsästhetik, Kästchenkoordination, Seitenzählungsmanagement sowie eine eigens eingerichtete Stabsstelle für Büroklammerlogistik.
Deren Leiter erklärte, man wolle künftig Büroklammern klimaneutral sortieren.
Die Entscheidung werde jedoch erst nach Abschluss einer Machbarkeitsstudie getroffen.
Diese umfasst 1.842 Seiten.
Exklusive Anlagen.
Die Wirtschaft reagierte überrascht.
Papierhersteller meldeten Rekordumsätze.
Druckerhersteller kündigten Sonderschichten an.
Hersteller von Tonerkartuschen beantragten vorsorglich den Status als kritische Infrastruktur.
Selbst Wälder zeigten sich nervös.
Ein Baum soll vorsorglich einen Anwalt konsultiert haben.
In den Behörden selbst wurde das Projekt mit Begeisterung aufgenommen.
Viele Beschäftigte sehen endlich wieder klare Perspektiven.
Früher reichte ein Aktenschrank.
Heute benötigt jede Sachbearbeitung eine eigene Lagerhalle.
Einige Rathäuser planen bereits mehrstöckige Formularparkhäuser.
Etage eins:
Anträge.
Etage zwei:
Anlagen.
Etage drei:
Nachweise.
Etage vier:
Nachweise darüber, dass die Nachweise tatsächlich Nachweise sind.
Auch Bürgerinnen und Bürger lernen schnell.
Sie treffen sich inzwischen regelmäßig zu Selbsthilfegruppen.
"Hallo, ich bin Thomas."
"Hallo Thomas."
"Ich habe gestern Formular E-17b ausgefüllt."
Betretenes Schweigen.
Mitfühlendes Nicken.
Jemand reicht Taschentücher.
Ein anderer erklärt, dass er seit drei Wochen versucht, die richtige Version des Deckblatts zu finden.
Der Raum applaudiert.
Es gibt Hoffnung.
Besonders spannend gestaltet sich das neue Kontrollsystem.
Um sicherzustellen, dass Formulare korrekt ausgefüllt wurden, wurde Formular K-44 eingeführt.
Zur Überprüfung von Formular K-44 existiert Formular K-44a.
Für eventuelle Fehler in K-44a steht Formular K-44a-Ergänzung bereit.
Sollte dabei Unklarheit entstehen, verweist das Ministerium freundlich auf Formular U-1.
Den Antrag auf U-1 erhält man selbstverständlich ausschließlich nach erfolgreicher Beantragung von U-0.
Die Digitalisierung schreitet derweil unaufhaltsam voran.
Eine eigens entwickelte Künstliche Intelligenz soll künftig beim Ausfüllen helfen.
Nach zwei Stunden kündigte sie.
Als Begründung hinterließ sie lediglich den Satz:
"Ich habe meine Grenzen."
International sorgt das Konzept bereits für Aufmerksamkeit.
Delegationen aus aller Welt reisen an.
Nicht um das Verfahren zu übernehmen.
Sondern um sicherzugehen, dass es wirklich existiert.
Mehrere Wissenschaftler vermuten inzwischen, Bürokratie könne eine erneuerbare Energiequelle sein.
Sie wächst schließlich zuverlässig nach.
Je mehr Formulare abgeschafft werden sollen, desto schneller entstehen neue.
Es handelt sich um den ersten Verwaltungs-Perpetuum-Mobile der Menschheitsgeschichte.
Am Ende der Pressekonferenz verkündete das Ministerium stolz den nächsten Schritt.
Zur weiteren Vereinfachung werde eine Expertenkommission eingerichtet.
Diese soll prüfen, ob künftig eventuell weniger Formulare erforderlich seien.
Das Ergebnis wird in einem Abschlussbericht veröffentlicht.
Voraussichtlicher Umfang:
3.600 Seiten.
Mit 47 Anlagen.
Zwölf Anhängen.
Einer Zusammenfassung auf 180 Seiten.
Und selbstverständlich einem Begleitformular.
Denn Ordnung muss sein.
Schließlich wäre es doch vollkommen bürokratisch, eine Entbürokratisierung ohne die nötigen Formulare durchzuführen.




