Es gibt Entscheidungen, die verändern eine Nation.
Dann gibt es Entscheidungen, die verändern den Geräuschpegel.
Der Deutsche Bundestag soll künftig Zwischenrufe nach Lautstärke bewerten. Damit endet eine jahrzehntelange Phase unkontrollierter Zurufe und beginnt die Ära der professionellen parlamentarischen Akustik.
Schon in den ersten Minuten nach Bekanntwerden der Neuerung herrschte hektische Betriebsamkeit.
Nicht in den Fraktionsbüros.
In den Musikgeschäften.
Mikrofontrainer meldeten ausgebuchte Kalender, Opernsänger wurden plötzlich als politische Berater gehandelt und mehrere HNO-Ärzte kündigten Sonderöffnungszeiten für Abgeordnete an, die ihre Stimmbänder auf Regierungstauglichkeit überprüfen lassen wollten.
Einige Parlamentarier begannen noch am selben Abend mit Stimmtraining.
Nachbarn berichteten von seltsamen Geräuschen.
Mal klang es wie Wagner.
Mal wie ein startender Rasenmäher.
Mal wie eine besonders engagierte Möwe.
Alles völlig normal.
Es war schließlich Demokratie in Vorbereitung.
Die Bundestagsverwaltung ließ sich selbstverständlich nicht lumpen.
Noch bevor die ersten Zwischenrufe offiziell vermessen werden konnten, entstand eine neue Behörde.
Das Bundesamt für Parlamentarische Schallereignisse.
Dort arbeiten künftig hoch spezialisierte Dezibel-Sachverständige mit schusssicheren Gehörschützern und geeichten Messgeräten.
Jeder Zwischenruf wird wissenschaftlich dokumentiert.
War der Ruf impulsiv?
War er nachhaltig?
Hatte er Hall?
Gab es Echo von der Opposition?
Wurde das Wort "Skandal!" mit ausreichender Bruststimme vorgetragen?
Fragen über Fragen.
Zur objektiven Bewertung soll künftig ein Ampelsystem dienen.
Unter 60 Dezibel gilt ein Zwischenruf als höfliche Meinungsäußerung.
Zwischen 60 und 80 Dezibel wird er als parlamentarisch engagiert eingestuft.
Ab 90 Dezibel erhält der Redner automatisch einen Eintrag im Schallprotokoll.
Wer die magische Grenze von 110 Dezibel überschreitet, muss damit rechnen, dass die Gläser in der Bundestagskantine kurz vibrieren.
Ab 120 Dezibel erscheint automatisch der Hausmeister.
Nicht aus Sicherheitsgründen.
Er möchte nur wissen, ob irgendwo Bauarbeiten stattfinden.
Schon nach wenigen Tagen entwickelten die Fraktionen unterschiedliche Strategien.
Einige setzten auf Masse.
Zehn gleichzeitig rufende Abgeordnete sollten gemeinsam einen demokratischen Klangteppich erzeugen.
Andere bevorzugten Qualität.
Dort wurde gezielt an einem einzigen perfekt platzierten "Ohhh!" gearbeitet, dessen Nachhall noch bis in den Bundesrat reichen sollte.
Ein besonders ehrgeiziger Parlamentarier engagierte einen ehemaligen Chorleiter.
Drei Wochen später gelang ihm ein Zwischenruf in vierstimmigem Bariton.
Die Verwaltung war beeindruckt.
Das Protokoll ebenfalls.
Selbst die Bundestagspräsidentin musste kurz innehalten.
Inzwischen werden im Reichstagsgebäude neue Displays installiert.
Neben Redezeit und Tagesordnung erscheint künftig in Echtzeit der aktuelle Geräuschrekord.
"Redebeitrag: 8 Minuten."
"Applaus: 17 Sekunden."
"Zwischenruf: 104,7 Dezibel."
"Persönlicher Saisonrekord."
Sportverbände beobachten die Entwicklung mit großem Interesse.
Es gibt bereits Überlegungen, den Parlamentarismus in den Deutschen Leichtathletik-Verband aufzunehmen.
Disziplinen könnten sein:
Freihändiges Empören.
Synchrones Dazwischenrufen.
Staffelprotest.
Und natürlich der parlamentarische Weitschall.
Fernsehübertragungen gewinnen dadurch völlig neue Spannung.
Kommentatoren analysieren künftig nicht nur Inhalte.
"Ein technisch sauber vorgetragener Zwischenruf."
"Sehr gute Atemtechnik."
"Minimal zu früh eingesetzt."
"Hier hätte mehr Zwerchfellarbeit geholfen."
Zeitlupen zeigen anschließend den exakten Moment, in dem sich drei Fraktionen gleichzeitig zum kollektiven "Moment mal!" entschließen.
Im Hintergrund berechnet eine künstliche Intelligenz den Schallverlauf.
Meteorologen prüfen vorsorglich, ob Zwischenrufe das lokale Wetter beeinflussen.
Auch die Bundestagskantine passt sich an.
Auf der Speisekarte finden sich nun Gerichte wie:
"Stimmband-Suppe."
"Demokratie-Gurgeltee."
"Koalitions-Kamillentee."
Und als Dessert:
"Dezibel-Pudding – besonders schwingungsfähig."
Besonders leidenschaftlich diskutiert wird die Einführung einer Fairnessregel.
Soll ein Zwischenruf berücksichtigt werden, wenn der Redner gleichzeitig hustet?
Zählt ein empörtes Lachen als halber Zwischenruf?
Ist rhythmisches Tischklopfen ein akustischer Vorteil?
Eine Expertenkommission arbeitet bereits an einem 480 Seiten starken Regelwerk.
Band zwei beschäftigt sich ausschließlich mit Echoeffekten unter der Reichstagskuppel.
Währenddessen floriert die Wirtschaft.
Hersteller von Stimmbonbons erleben Rekordumsätze.
Fitnessstudios bieten erstmals den Kurs "Parlamentarisches Stimmvolumen" an.
Logopäden vergeben Wartelisten bis ins nächste Jahr.
Ein Unternehmen entwickelt sogar den "SmartSpeaker 3000" – einen intelligenten Blazer, der den Träger warnt:
"Bitte noch 6 Dezibel lauter, sonst zählt der Zwischenruf nur als Flüstern."
Andere Parteien investieren bereits in Trainingslager.
Nicht in den Alpen.
Sondern in Fußballstadien.
Wo könnte man Lautstärke schließlich besser trainieren als zwischen Fangesängen?
Einige Abgeordnete kehren von dort mit beeindruckender Kondition zurück.
Andere mit heiserer Stimme.
Die Demokratie fordert eben Opfer.
Selbst Wissenschaftler beschäftigen sich inzwischen mit dem Phänomen.
Eine Universität kündigt den neuen Studiengang "Angewandte Parlamentsakustik" an.
Masterarbeiten tragen Titel wie:
"Die Resonanz politischer Empörung unter historischen Kuppelbauten."
Oder:
"Akustische Wechselwirkungen zwischen Zwischenruf und Sitzungsleitung."
International sorgt das Modell für Aufmerksamkeit.
Delegationen aus aller Welt reisen an.
Sie möchten erleben, wie Politik funktioniert, wenn Lautstärke plötzlich messbar wird.
Nach der ersten Plenarsitzung verlassen sie das Gebäude mit leichtem Ohrensausen, aber großer Bewunderung.
Am Ende bleibt nur eine Erkenntnis:
Im Bundestag wird weiterhin leidenschaftlich gestritten, debattiert und argumentiert.
Nur eines hat sich verändert.
Wer künftig unbedingt gehört werden möchte, braucht nicht nur gute Argumente.
Ein ordentlich trainiertes Zwerchfell kann ebenfalls nicht schaden.
Und irgendwo im Plenarsaal sitzt bereits ein alter Haustechniker neben seinem neuen Schallpegelmesser.
Er lächelt zufrieden.
Denn endlich bekommt auch das lauteste Geräusch des politischen Betriebs eine offizielle Maßeinheit.
Die Demokratie war noch nie so messbar.




