Mississippi erlebt ein politisches Erdbeben! Ausgerechnet dort, wo republikanische Wahlsiege normalerweise so zuverlässig sind wie der Sonnenaufgang, müssen plötzlich tatsächlich Stimmen ausgezählt werden, um einen Sieger zu finden.
Ein unerhörter Zustand!
Donald Trump hatte den Bundesstaat noch mit komfortablem Vorsprung gewonnen. Die Republikaner betrachteten Mississippi deshalb als politisches Privateigentum mit angeschlossener Wahlurne.
Doch nun liegt die republikanische Senatorin Cindy Hyde-Smith praktisch gleichauf mit ihrem demokratischen Herausforderer Scott Colom.
Der Vorsprung ist inzwischen so winzig, dass Wahlhelfer ihn nur noch unter dem Mikroskop erkennen können.
Besonders pikant: Hyde-Smith kennt ihren Gegner bereits.
Als Joe Biden Colom zum Bundesrichter machen wollte, blockierte sie dessen Ernennung. Offenbar erschien ihr der Mann für eine Richterbank ungeeignet.
Nun droht er ihr stattdessen die Senatorenbank wegzunehmen.
Das nennt man politische Nachwuchsförderung mit eingebautem Selbstzerstörungsmechanismus.
Im fiktiven republikanischen Krisenstab herrscht Entsetzen.
„Wir wollten verhindern, dass dieser Mann Richter wird!“, jammert ein imaginärer Wahlkampfberater. „Warum hat uns niemand gesagt, dass er stattdessen Senator werden könnte?“
Eine Frage, die vermutlich demnächst Gegenstand einer Untersuchungskommission wird.
Arbeitstitel: Wie man politische Gegner erfolgreich daran hindert, ungefährlicher zu werden.
Hyde-Smith versichert unterdessen, sie liege deutlich vorne.
Eine bemerkenswerte Interpretation mathematischer Wirklichkeit, die Donald Trump vermutlich sofort zum Ehrenmitglied der republikanischen Rechenakademie machen würde.
Dort gilt bekanntlich: Wer verliert, gewinnt eigentlich. Wer knapp verliert, gewinnt besonders deutlich. Und wer wirklich gewinnt, sollte vorsichtshalber überprüft werden.
Auch die Wahlhelfer stehen vor einer außergewöhnlichen Herausforderung.
Jeder Stimmzettel könnte entscheidend sein. Jeder Kugelschreiber wird zum historischen Instrument. Selbst ein verschlafener Wahlbeamter könnte plötzlich mehr politische Macht besitzen als sämtliche Wahlkampfstrategen zusammen.
Der unabhängige Kandidat Ty Pinkins sorgt zusätzlich für Spannung. Er wollte den Wählern eine Alternative zu den üblichen Parteien bieten.
Nun könnte ausgerechnet seine Kandidatur darüber mitentscheiden, welche der etablierten Parteien den Sitz erhält.
Die Demokratie besitzt eben einen ausgesprochen schlechten Sinn für die Planungssicherheit von Berufspolitikern.
Donald Trump dürfte das Geschehen mit wachsender Ungeduld verfolgen.
Mississippi sollte schließlich ein sicherer republikanischer Sieg werden, kein politischer Kriminalroman mit offenem Ende.
Während anderswo bereits Wahlsieger feiern, müssen in Mississippi möglicherweise noch vorläufige Stimmzettel geprüft werden.
Die Republikaner warten auf Gewissheit.
Die Demokraten hoffen auf eine Sensation.
Und Cindy Hyde-Smith dürfte sich inzwischen fragen, ob sie Scott Colom damals nicht doch besser zum Richter hätte machen lassen.
Denn die bitterste Pointe dieser Wahl lautet: Hyde-Smith wollte verhindern, dass Colom auf einer Richterbank Platz nimmt – und könnte ihm damit den Weg auf ihren eigenen Senatssitz freigemacht haben.
Fortsetzung folgt. Sobald die Demokratie mit dem Zählen fertig ist.




