BERLIN – Deutschland hat es geschafft. Nach jahrelangen Investitionen in Bildungspläne, Digitalisierungskonzepte, Kompetenzraster, Schulreformen und pädagogische Arbeitskreise erreichen deutsche Schülerinnen und Schüler bei PISA nun die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Erhebungen.
Ein historischer Erfolg.
Nur leider in die falsche Richtung.
In Mathematik und Lesen sanken die Leistungen gegenüber 2022 weiter, in den Naturwissenschaften gelang immerhin eine bemerkenswerte Stabilisierung des Elends.
Das Bildungsministerium dürfte erleichtert sein: Endlich gibt es Zahlen, die auch ohne komplizierte Prozentrechnung eindeutig schlecht aussehen.
Besonders beeindruckend ist Mathematik. Seit 2015 stieg der Anteil leistungsschwacher Schüler um 17 Prozentpunkte. Experten empfehlen deshalb, diese Entwicklung künftig nicht mehr in Prozent auszudrücken. Das könnte Teile der Zielgruppe unnötig überfordern.
Deutschland liegt trotzdem ungefähr im OECD-Durchschnitt.
Das beruhigt.
Wenn das eigene Schiff sinkt, ist schließlich alles halb so schlimm, solange nebenan ebenfalls jemand Wasser schöpft.
Noch schöner: 52 Prozent der deutschen 15-Jährigen besuchen Schulen, an denen laut Schulleitungen Lehrkräftemangel den Unterricht beeinträchtigt. Im OECD-Durchschnitt sind es 39 Prozent.
Deutschland ist also weiterhin Weltklasse.
Nur inzwischen vor allem beim Nichtvorhandensein des Personals, das Weltklasse erklären könnte.
Hinzu kommt die Digitalisierung. Ein Drittel der Jugendlichen berichtet, dass Mitschüler im Unterricht durch digitale Geräte abgelenkt werden.
Damit kann die deutsche Schuldigitalisierung endlich einen messbaren Erfolg vorweisen:
Die Geräte sind da.
Ob darauf Unterrichtsmaterial geöffnet ist oder TikTok, war im Digitalpakt offenbar keine technische Anforderung.
Besonders nachdenklich stimmt allerdings eine andere Zahl: 33 Prozent der Jugendlichen halten Schule für Zeitverschwendung. Im OECD-Durchschnitt sind es nur 24 Prozent.
Das deutsche Bildungssystem besitzt damit ein bemerkenswertes Effizienzproblem: Man bekommt zu wenig Lehrer, immer schlechtere Ergebnisse und gleichzeitig Schüler, die das Ganze auch noch für überflüssig halten.
In der Wirtschaft würde man das vermutlich Transformation nennen.
Noch ernster ist der Zusammenhang zwischen Elternhaus und Bildungserfolg. Sozial benachteiligte Kinder haben in Deutschland deutlich schlechtere Chancen. Nur zwei von hundert erreichen starke Leistungen, gegenüber 25 von hundert sozial privilegierten Schülern.
Das Bildungssystem funktioniert damit ein bisschen wie Business Class:
Theoretisch fliegen alle zum gleichen Ziel.
Praktisch beginnt die Reise für manche mit Lounge, Beinfreiheit und Priority Boarding – während andere noch am Sicherheitscheck ihren Taschenrechner suchen.
Nach dem ersten PISA-Schock 2000 reformierte Deutschland sein Bildungssystem energisch.
Dann wurden die Ergebnisse besser.
Also tat Deutschland das einzig Konsequente:
Es entspannte sich wieder.
Vielleicht sollte PISA deshalb künftig nur noch eine Frage stellen:
„Deutschland, hast du aus dem letzten Test etwas gelernt?“
Antwort:
„Können Sie die Frage bitte vorlesen?“




