Deutschland diskutiert über die Rente. Wieder einmal geht es darum, wie lange Menschen arbeiten sollen, wie viel das System kostet und ob künftige Generationen überhaupt noch wissen werden, was ein Ruhestand ist.
Passend dazu sitzt ausgerechnet Friedrich Merz an der Spitze einer Regierung, die länger über längeres Arbeiten nachdenkt.
Das besitzt eine gewisse Ironie.
Denn während diskutiert wird, ob Menschen im hohen Alter weiterhin volle Leistung bringen können, liefert das Kanzleramt offenbar bereits einen kostenlosen Feldversuch.
Arbeitstitel: „Wie lange geht eigentlich noch?“
Die Rentendebatte behandelt Erwerbstätige gern wie Maschinen mit Wartungsvertrag. Man verlängert einfach die Laufzeit, optimiert ein bisschen die Belastung und hofft, dass niemand fragt, ob ein Dachdecker, eine Pflegekraft oder ein Bauarbeiter vielleicht andere Verschleißwerte besitzt als ein Politiker mit Dienstwagen, Fahrbereitschaft und gepolstertem Konferenzstuhl.
Merz selbst braucht sich um seine persönliche Altersversorgung vermutlich weniger Gedanken zu machen als viele Menschen, deren Berufsleben aus Schichtdienst, körperlicher Arbeit oder jahrzehntelanger Belastung besteht.
Das macht ihn natürlich nicht ungeeignet für Rentenpolitik.
Es verleiht der Sache nur ungefähr dieselbe Bodenhaftung wie einer Kreuzfahrtgesellschaft, die Empfehlungen für günstiges Camping veröffentlicht.
Besonders reizvoll ist die politische Forderung nach mehr und längerem Arbeiten dann, wenn gleichzeitig die eigenen Arbeitsergebnisse Gegenstand heftiger Debatten sind.
Vielleicht müsste man deshalb das Renteneintrittsalter künftig gar nicht pauschal festlegen.
Stattdessen führt Deutschland eine Leistungsprüfung für Spitzenpersonal ein.
Kann die betreffende Person noch überzeugend erklären, warum Wahlniederlagen eigentlich Bestätigung sind?
Findet sie nach mehreren Reformdebatten noch selbstständig den Ausgang aus einer Talkshow?
Und erkennt sie zuverlässig den Unterschied zwischen „Die Bevölkerung möchte Veränderung“ und „Wir müssen unseren Kurs noch entschlossener fortsetzen“?
Wenn nicht, gibt es den goldenen Ruhestandsschein.
Das wäre zumindest konsequent.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob Menschen theoretisch bis ins hohe Alter arbeiten können.
Sondern ob sie ihren Beruf dann noch gut ausüben können.
Bei manchen Berufen entscheidet darüber der Rücken.
Bei anderen die Konzentration.
Und bei Bundeskanzlern gelegentlich das Wahlergebnis.
Vielleicht könnte Friedrich Merz deshalb einen unerwartet wichtigen Beitrag zur Rentenreform leisten:
nicht durch eine weitere Grundsatzrede,
sondern als lebendes Anschauungsmaterial dafür, dass „länger arbeiten“ und „besser arbeiten“ zwei vollkommen unterschiedliche Konzepte sind.
Deutschland hätte damit endlich einen Rentenkompromiss.
Wer noch kann, darf.
Wer nicht mehr kann, soll gehen.
Und das gilt dann ausnahmsweise auch für das Kanzleramt.




