Es gibt viele Möglichkeiten, auf einen schweren Vorwurf zu reagieren.
Man kann Beweise verlangen. Man kann Ermittlungen abwarten. Man kann diplomatisch protestieren.
Oder man erklärt seine völlige Unschuld und ergänzt ungefähr drei Sätze später, welche Gebäude im Land des Anklägers sich hervorragend für Raketen eignen würden.
Moskau hat sich offenbar für Variante vier entschieden.
Nachdem die Bundesregierung Russland für den versuchten Anschlag mit einer Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich gemacht hatte, wies Präsident Wladimir Putin die Vorwürfe zurück. Die Beweise seien gefälscht, Deutschland handle aus innenpolitischen Motiven.
Soweit ist das klassische Diplomatie: Wir waren es nicht. Wo sind die Beweise?
Dann kam Dmitri Medwedew.
Und plötzlich bekam die russische Unschuldsvermutung ungefähr die kommunikative Eleganz eines Mannes, der auf der Polizeiwache erklärt:
„Ich habe das Haus nicht angezündet! Und wenn Sie mich weiter verdächtigen, sage ich Ihnen gern, welches Haus als Nächstes brennt.“
Medwedew erklärte sinngemäß, Deutschland verdiene direkte Angriffe auf Produktionsstätten für militärische Ausrüstung. Auch andere Orte in Berlin könnten betroffen sein.
Das ist natürlich kein Beweis dafür, dass Russland hinter Leipzig steckt.
Aber als Imagekampagne für die eigene Unschuld ist es zumindest ungewöhnlich.
Man stelle sich einen Bankraub vor.
Polizei: „Wir verdächtigen Sie.“
Verdächtiger: „Unverschämtheit! Ich war es nicht!“
Polizei: „Wir haben Hinweise.“
Verdächtiger: „Gefälscht!“
Polizei: „Wir ermitteln weiter.“
Verdächtiger: „Nur interessehalber: Wann schließt Ihre Filiale morgen?“
Auch Russlands Botschafter bezeichnet die Anschuldigungen als absurd und vermutet eine Inszenierung. Deutschland, die Ukraine, europäische Politiker und vermutlich irgendwo noch die Rüstungsindustrie hätten offenbar gemeinsam beschlossen, eine internationale Verschwörung zu organisieren.
Es fehlt eigentlich nur noch IKEA.
Besonders faszinierend bleibt die Frage: Reagiert ein völlig unschuldiger Staat so?
Die seriöse Antwort lautet: Das Verhalten allein beweist gar nichts. Staaten reagieren auf Anschuldigungen aus strategischen Gründen häufig aggressiv, unabhängig davon, ob sie verantwortlich sind.
Die satirische Antwort lautet:
Wenn jemand „ICH WAR ES NICHT!“ ruft und anschließend eine PowerPoint mit möglichen Vergeltungszielen öffnet, darf zumindest die Nachfrage erlaubt sein.
Moskau präsentiert damit eine bemerkenswerte neue Verteidigungsstrategie:
Phase 1: Alles bestreiten.
Phase 2: Beweise als Fälschung bezeichnen.
Phase 3: Deutschland Eskalation vorwerfen.
Phase 4: Deutschland mit Angriffen drohen.
Phase 5: Sich über die eskalierende Stimmung wundern.
Russische Diplomatie funktioniert inzwischen offenbar wie ein Feuermelder, der bei Rauch nicht klingelt, sondern dem Hausbewohner mit Brandstiftung droht.
Und irgendwo sitzt gerade ein Kremlsprecher vor einem Mikrofon und erklärt völlig ernst:
„Wir wollen selbstverständlich keine Eskalation.“
Während Medwedew im Hintergrund bereits fragt:
„Hat jemand die Adresse von Rheinmetall?“




