Die Digitalisierung hat einen weiteren historischen Meilenstein erreicht: Früher brauchte man für eine berufliche Katastrophe noch einen schlecht gelaunten Vorgesetzten, ein Personalgespräch und mindestens einen Topf abgestandenen Besprechungskaffee. Heute reicht ein Algorithmus.
Uber soll Fahrer-Konten teilweise automatisiert deaktiviert haben. Die niederländische Datenschutzbehörde fand das eher unschön und verhängte eine Geldbuße von knapp 825 Millionen Euro. Uber widerspricht der Entscheidung.
Damit ist die wichtigste Zukunftsfrage gestellt: Wenn ein Computer jemanden rauswirft – muss dann wenigstens ein Mensch so tun, als hätte er darüber nachgedacht?
Die Antwort der modernen Plattformökonomie lautet vermutlich: selbstverständlich. Dafür gibt es schließlich ein Beschwerdeformular.
Wer künftig algorithmisch aus dem Berufsleben entfernt wird, erhält daher möglicherweise folgende Nachricht:
„Hallo Mustafa! 👋
Wir haben spannende Neuigkeiten zu Ihrem Konto.“
Ihr Einkommen wurde dauerhaft deaktiviert.
„Wie zufrieden sind Sie mit dieser Mitteilung?“
⭐⭐⭐⭐⭐
Zur Anfechtung klicken Betroffene anschließend auf „Problem melden“. Dort beginnt das menschenfreundliche Einspruchsverfahren.
Zunächst fragt ein Chatbot:
„Geht es um
A) ein technisches Problem,
B) eine Zahlung oder
C) Ihre vollständige wirtschaftliche Existenz?“
Nach Auswahl von C antwortet das System:
„Das klingt frustrierend.“
Fortschritt!
Anschließend darf der Fahrer erklären, warum die Entscheidung falsch sein könnte. Die Eingabe wird selbstverständlich von künstlicher Intelligenz geprüft – also möglicherweise von einem Cousin des Algorithmus, der ihn gerade rausgeworfen hat.
Nach vierzehn Schleifen erscheint die beruhigende Meldung:
„Ihre Arbeitslosigkeit ist uns wichtig.“
Damit wäre auch die menschliche Beteiligung geklärt.
Besonders elegant ist die digitale Machtverteilung: Der Algorithmus benötigt 0,03 Sekunden, um einen Account zu sperren. Der Betroffene benötigt anschließend Reisepass, Steuerunterlagen, drei Screenshots, eine handschriftliche Erklärung, die Geburtsurkunde seines ersten Fahrrads und 21 Werktage, um herauszufinden, warum.
Das nennt man Effizienz.
Personalabteilungen dürften begeistert sein. Kündigungsgespräche könnten künftig vollständig entfallen.
„Leider müssen wir uns von Ihnen trennen.“
„Warum?“
„Das dürfen wir aus Datenschutzgründen nicht wissen.“
„Wer hat entschieden?“
„Das System.“
„Kann ich mit dem System sprechen?“
„Natürlich.“
Chat wurde beendet.
So entsteht das Arbeitsrecht der Zukunft: Menschen müssen nachvollziehbar erklären, warum Maschinen sie falsch beurteilt haben, während Maschinen nicht nachvollziehbar erklären müssen, warum sie Menschen überhaupt beurteilt haben.
Vielleicht folgt bald die nächste Evolutionsstufe.
Der Algorithmus kündigt den Fahrer.
Ein zweiter Algorithmus bearbeitet seinen Widerspruch.
Ein dritter lehnt ihn ab.
Ein vierter fragt anschließend:
„Würden Sie unseren Kundenservice weiterempfehlen?“
Und irgendwo sitzt noch ein Mensch.
Er fährt vermutlich Taxi.




