Im Kreml herrscht offenbar große Besorgnis über den zunehmend aggressiven Kurs Deutschlands. Berlin hat nämlich etwas geradezu Ungeheuerliches getan: Es hat nach einer mutmaßlichen russischen Sabotageaktion gewagt, Russland zu verdächtigen.
Für Moskau ist damit eine rote Linie überschritten. Vermutlich sogar mehrere, von denen bislang niemand wusste, dass sie existieren.
Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte sinngemäß, Deutschland müsse schwere Anschuldigungen schließlich mit Beweisen untermauern. Eine Forderung, die aus Moskau natürlich besonderes Gewicht besitzt. Russland gilt schließlich international als Hochburg transparenter Beweisführung – gleich hinter „Mein Hund hat die Hausaufgaben gefressen“ und „Der Fallschirm ist von allein aus dem Fenster gesprungen“.
Konkret geht es um eine nicht gezündete Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle. Russland bestreitet jede Beteiligung. Damit wäre der Fall aus Moskauer Sicht eigentlich geklärt. Denn in der russischen Außenpolitik gilt traditionell die juristische Faustregel: Was der Kreml dementiert, ist anschließend ungefähr so gründlich untersucht wie ein verschwundener Kugelschreiber im Lehrerzimmer.
Besonders empört zeigt sich Peskow darüber, dass Deutschland Sanktionen erwägt. Das sei Eskalation.
Die diplomatische Logik dahinter ist bestechend: Sollte jemand nachts einen Stein durch Ihr Wohnzimmerfenster werfen und anschließend vor Ihrer Haustür stehen und sagen: „Beweisen Sie erst mal, dass das mein Stein war“, wäre es offensichtlich unverantwortlich eskalierend, die Polizei zu rufen.
Vermutlich müsste man sich stattdessen entschuldigen.
„Sehr geehrter unbekannter Steineigentümer, wir bedauern zutiefst, dass unser Fenster Ihrem möglicherweise völlig unbeteiligten Wurfgeschoss im Weg gestanden hat.“
Im Auswärtigen Amt dürfte deshalb bereits fieberhaft an einer neuen Russlandstrategie gearbeitet werden: Deutschland verzichtet künftig auf Anschuldigungen und schickt bei verdächtigen Zwischenfällen nur noch höfliche Fragebögen nach Moskau.
Frage 1: Waren Sie es?
☐ Nein
☐ Auf keinen Fall
☐ Diese Frage ist eine Provokation des Westens
Bei drei angekreuzten Antworten gilt Russland automatisch als entlastet.
Peskows Forderung nach Beweisen ist natürlich grundsätzlich vollkommen richtig. Schwere Vorwürfe müssen belegt werden. Bemerkenswert ist lediglich die dramatische Geschwindigkeit, mit der aus dieser Forderung anschließend der Vorwurf entsteht, Deutschland befinde sich auf einem „Eskalationskurs“.
Denn Berlin hat bislang weder Panzer Richtung Moskau geschickt noch den Roten Platz zum deutschen Kreisverkehr erklärt. Es droht mit Sanktionen.
In der Kreml-Version internationaler Diplomatie entspricht das offenbar bereits ungefähr der Invasion der Normandie.
Am Ende bleibt also ein faszinierendes geopolitisches Prinzip:
Russland bestreitet.
Deutschland ermittelt.
Deutschland erwägt Konsequenzen.
Und Moskau ruft:
„Hört sofort auf zu eskalieren!“
Internationale Politik kann manchmal kompliziert sein.
Manchmal ist sie aber auch einfach nur ein sehr langer Loriot-Sketch mit Atomwaffen.




