Washington gilt als Hauptstadt der Superlative. Hier werden Milliarden beschlossen, Kriege diskutiert und gelegentlich Fragen gestellt, die in jedem anderen Beruf nach spätestens drei Sekunden beantwortet wären.
Bei der Anhörung von Todd Blanche gelang genau das Gegenteil.
Die entscheidende Frage lautete nämlich sinngemäß:
"Wessen Interessen vertreten Sie eigentlich?"
Eine Frage, die normalerweise ungefähr so kompliziert ist wie:
„Wie heißen Sie?“
Doch Washington wäre nicht Washington, wenn selbst der eigene Name zunächst durch drei Ausschüsse, zwei Gutachten und eine parteipolitische Bewertung müsste.
Todd Blanche erschien geschniegelt, geschniegelt genug, um jedes Fernsehstudio automatisch in den Modus „Historische Anhörung“ zu versetzen.
Die Kameras liefen.
Die Senatoren saßen bereit.
Die Mikrofone wirkten nervös.
Und irgendwo im Hintergrund wurde vorsorglich schon einmal die Titelmusik für die abendlichen Nachrichtensendungen vorbereitet.
Die ersten Fragen verliefen noch vergleichsweise harmlos.
Juristische Erfahrung.
Verwaltung.
Organisation.
Alles Routine.
Dann kam der Moment.
„Vertreten Sie Donald Trump oder die Vereinigten Staaten?“
Im Saal entstand jene besondere Stille, die normalerweise nur eintritt, wenn jemand beim Familienessen fragt, wer eigentlich den Kartoffelsalat vergessen hat.
Todd Blanche holte Luft.
Er antwortete, er sei Donald Trumps Anwalt.
Kurze Pause.
Dann folgte die Korrektur.
Er sei gewesen.
Im Senat wurden augenblicklich mehrere Grammatikexperten alarmiert.
War das Präsens?
War das Perfekt?
War das politische Plusquamperfekt?
Ein Linguist erklärte später im Fernsehen, selten habe ein einzelnes Verb so viele Analysten beschäftigt.
Die Börse reagierte vorsichtshalber gar nicht.
Im Justizministerium begann unterdessen hektische Betriebsamkeit.
Nicht etwa wegen neuer Gesetze.
Sondern weil plötzlich sämtliche Visitenkarten überprüft wurden.
„Steht da eigentlich noch Anwalt drauf?“
„Oder schon Justizminister?“
Ein Praktikant schlug vor, künftig einfach Bleistift zu verwenden.
Dann könne man Titel jederzeit anpassen.
Im Senat entwickelte sich die Anhörung zunehmend zu einem politischen Tennismatch.
Die demokratischen Senatoren Chris Coons und Sheldon Whitehouse servierten Vorwürfe mit der Präzision olympischer Aufschläger.
Todd Blanche retournierte energisch.
Zwischendurch hatte man beinahe den Eindruck, beide Seiten spielten unterschiedliche Sportarten.
Die einen spielten Tennis.
Die anderen Schach.
Das Publikum versuchte währenddessen herauszufinden, wer eigentlich gerade den Punkt gemacht hatte.
CNN blendete vorsorglich einen Spielstand ein.
Demokraten: Interpretation.
Republikaner: Widerspruch.
Unentschieden nach Werbepause.
Der Sitzungssaal erinnerte langsam an ein Casting für die Rolle des obersten Juristen.
Frage Nummer eins:
„Sind Sie unabhängig?“
Frage Nummer zwei:
„Wie unabhängig genau?“
Frage Nummer drei:
„Könnten Sie diese Unabhängigkeit bitte noch etwas unabhängiger erklären?“
Todd Blanche antwortete mit der Gelassenheit eines Mannes, der vermutlich ahnte, dass jede Silbe später mindestens vierundzwanzig Stunden lang in Dauerschleife gesendet werden würde.
Im Zuschauerbereich begann währenddessen ein kleines Spiel.
Jedes Mal, wenn jemand das Wort „Loyalität“ sagte, durfte man einen Schluck Wasser trinken.
Nach zwölf Minuten waren sämtliche Wasserspender leer.
Auch die Presse hatte ihre Freude.
Reporter entwickelten bereits neue Schlagzeilen.
„Die Anhörung des Jahrhunderts.“
„Der Mann zwischen Mandat und Ministerium.“
„Juristische Gymnastik auf höchstem Niveau.“
Eine Zeitung entschied sich schließlich für:
„Er war's. Oder ist's. Oder war's gewesen.“
Grammatiklehrer im ganzen Land kündigten daraufhin ihren Beruf.
Parallel arbeitete das Weiße Haus angeblich bereits an einer neuen App.
Attorney Tracker Pro.
Sie beantwortet automatisch folgende Fragen:
Wer vertritt wen?
Seit wann?
Bis wann?
Und hat sich das während der letzten Antwort möglicherweise schon wieder geändert?
Die Premium-Version enthält zusätzlich einen politischen Kompass.
Er dreht sich automatisch in Richtung der gerade laufenden Pressekonferenz.
Auch Donald Trump dürfte die Berichterstattung aufmerksam verfolgt haben.
In Washington erzählt man sich bereits, dass künftig jeder Ministerkandidat vor seiner Anhörung ein spezielles Training absolvieren muss.
Modul eins:
Ruhig bleiben.
Modul zwei:
Nicht zu schnell antworten.
Modul drei:
Wenn möglich, vollständige Sätze verwenden.
Modul vier:
Verben sorgfältig auswählen.
Besonders das vierte Modul gilt inzwischen als Königsklasse.
Im Justizministerium werden derweil neue Büros vorbereitet.
Türschilder entstehen.
Aktenordner werden sortiert.
Kaffeetassen beschriftet.
Eine Reinigungskraft soll gefragt haben:
„Soll ich den alten Namen schon abnehmen?“
Darauf antwortete ein Beamter:
„Warten wir lieber noch die nächste Anhörung ab.“
Selbst Historiker meldeten sich zu Wort.
Sie erinnerten daran, dass Washington seit Jahrhunderten politische Debatten liebt.
Neu sei allerdings, dass inzwischen selbst Personalfragen die Dramaturgie eines Kriminalromans erreichen.
Der Erzähler sagt:
„Es betrat ein Jurist den Raum.“
Und plötzlich diskutiert das gesamte Land über Loyalität, Unabhängigkeit, Gewaltenteilung und die Vergangenheit eines einzigen Berufs.
Das schafft vermutlich auch nur die amerikanische Politik.
Zum Abschluss der Anhörung wirkte der Sitzungssaal ein wenig erschöpft.
Die Senatoren hatten gefragt.
Todd Blanche hatte geantwortet.
Die Kommentatoren hatten kommentiert.
Die Kommentatoren der Kommentatoren hatten ebenfalls kommentiert.
Im Internet erschienen bereits Videos mit dem Titel:
„Die 27 bedeutendsten Gesichtsausdrücke während der Anhörung.“
Millionen Klicks.
Die Demokratie lebt schließlich auch von Nahaufnahmen.
Am Ende bleibt eine beruhigende Erkenntnis.
In Washington kann selbst die scheinbar einfache Frage nach der Rolle eines Juristen eine mehrstündige Veranstaltung füllen.
Und falls irgendwann doch einmal völlige Klarheit herrscht, wird vermutlich sofort ein Sonderausschuss eingesetzt, um zu untersuchen, wie es überhaupt dazu kommen konnte.




