Bei Volkswagen hat man offenbar festgestellt, dass Autos nicht das Einzige sind, was gelegentlich zur Inspektion muss. Neuerdings werden auch Tarifverträge auf die Hebebühne gefahren.
Diagnose: zu arbeitnehmerfreundlich.
Empfohlene Reparatur: einmal alles abschrauben.
Der Konzern hat deshalb gleich eine ganze Sammlung bestehender Vereinbarungen gekündigt. Darunter befindet sich auch der Manteltarifvertrag, also gewissermaßen die Bedienungsanleitung für das Zusammenleben zwischen Management und Belegschaft.
Volkswagen nennt das vermutlich „Verhandlungsraum öffnen“.
Die Arbeitnehmerseite nennt es eher „Jemand hat die Tür eingetreten“.
Der Hintergrund ist der bekannte Kostendruck. Chinesische Hersteller bauen günstigere Autos, der Wettbewerb wird härter und irgendwo in Wolfsburg muss deshalb ein Flipchart stehen, auf dem in sehr großer Schrift geschrieben wurde:
KOSTEN SENKEN!
Darunter vermutlich:
„Bitte nicht bei Flipcharts.“
Nun soll also weiter gespart werden. Bei Arbeitsbedingungen, Zulagen und möglicherweise weiteren Regelungen sieht das Management offenbar Potenzial.
Damit nähert sich Volkswagen konsequent dem perfekten Autohersteller der Zukunft: keine hohen Kosten, möglichst wenig Personal und im Idealfall Fahrzeuge, die sich aus reiner Konzernstrategie selbst zusammenbauen.
Der Betriebsrat zeigt sich wenig begeistert.
Auch die IG Metall interpretiert die neue Sparromantik nicht als Einladung zum gemütlichen Tarifgespräch bei Kaffee und Butterkeks. Zum Jahreswechsel endet die Friedenspflicht.
Das bedeutet: Danach darf es deutlich lauter werden.
Und bei Volkswagen kennt man sich mit Warnsignalen schließlich aus.
Im Auto erscheint normalerweise eine Lampe.
Im Werk erscheint die IG Metall.
Besonders charmant wirkt die Situation, weil erst vor nicht allzu langer Zeit ein großer Kompromiss geschlossen wurde. Beschäftigte akzeptierten Einschnitte, der Konzern versprach dafür Sicherheit und Zukunftsperspektiven.
Nun erklärt das Management sinngemäß:
„Das war ein hervorragender Kompromiss. Leider benötigen wir jetzt noch einen.“
Das erinnert ein wenig an einen Gebrauchtwagenhändler, der nach Vertragsabschluss hinter dem Kunden herläuft und ruft:
„Eine Kleinigkeit noch! Das Lenkrad war leider nicht im Preis enthalten!“
Der sogenannte Zukunftsplan soll Volkswagen wettbewerbsfähiger machen. Standorte, Arbeitsplätze und Kosten werden geprüft, optimiert, transformiert und vermutlich bald auch sprachlich vollständig durch Unternehmensberater ersetzt.
Aus einem Arbeitsplatz wird dann eine „personelle Wertschöpfungseinheit“.
Aus einer Kürzung wird ein „Effizienzimpuls“.
Und aus einem Streik vermutlich eine „ungeplante temporäre Produktionsflexibilisierung“.
So steuert Europas großer Autobauer auf einen ausgesprochen besinnlichen Jahreswechsel zu.
Management und Arbeitnehmervertreter sitzen dann am Verhandlungstisch, draußen stehen möglicherweise Beschäftigte mit Fahnen – und irgendwo im Konzern wird jemand erklären, Volkswagen müsse endlich wieder auf die Überholspur.
Das Problem:
Gerade diskutiert man noch darüber, wer dafür eigentlich den Sprit bezahlen soll.




