Die Vereinigten Staaten verfügen über Atom-U-Boote, Tarnkappenbomber, Satellitennetzwerke, Hyperschallwaffen und Flugzeugträger, die technisch ungefähr so komplex sind wie eine mittelgroße deutsche Steuererklärung – nur übersichtlicher.
Doch nun könnte ausgerechnet bei einem der modernsten Kriegsschiffe der Welt ein technologisches Prinzip gelten, das sonst vor allem Liebhaber historischer Eisenbahnen begeistert:
Mehr Dampf!
US-Präsident Donald Trump möchte bei künftigen Flugzeugträgern der Ford-Klasse auf elektromagnetische Flugzeugkatapulte verzichten und zur älteren Dampftechnik zurückkehren. Verteidigungsminister Pete Hegseth soll dafür innerhalb von 60 Tagen einen Plan vorlegen.
Damit erreicht die amerikanische Technologiepolitik eine faszinierende neue Evolutionsstufe:
Fortschritt durch Rückwärtsgang.
Betroffen ist unter anderem die bereits im Bau befindliche USS Doris Miller. Das Problem: Das Schiff wurde für das elektromagnetische Startsystem EMALS konstruiert.
Das ist ungefähr so, als würde man während des Baus eines Elektroautos feststellen:
„Eigentlich mochte ich Vergaser lieber.“
Und anschließend verlangen, dass die Ingenieure bitte Motor, Tank, Auspuffanlage und vielleicht noch ein Kassettenradio einbauen.
Trump möchte wieder ordentlich Dampf machen
Donald Trump kritisiert elektromagnetische Katapulte bereits seit Jahren. Seine Begeisterung für Dampfsysteme besitzt inzwischen eine Beständigkeit, von der manche amerikanische Außenpolitik nur träumen kann.
EMALS nutzt elektromagnetische Kräfte, um Flugzeuge vom Deck zu beschleunigen.
Dampfkatapulte verwenden dagegen – Überraschung – Dampf.
Damit ist das Prinzip für politische Kommunikation natürlich unschlagbar.
„Elektromagnetisches Flugzeugstartsystem“ klingt nach Ingenieursstudium.
„Dampf“ versteht jeder.
Dampf ist heiß.
Dampf zischt.
Dampf macht Geräusche.
Und vor allem kann niemand einen Flugzeugträger betrachten und sagen:
„Da fehlt mir irgendwie die Atmosphäre einer Lokomotive von 1937.“
Bis jetzt.
Mark Kelly empfiehlt Präsidenten technischen Sicherheitsabstand
Besonders wenig begeistert zeigt sich Senator Mark Kelly.
Kelly war Kampfpilot der US Navy, Testpilot und später NASA-Astronaut. Heute gehört er dem Streitkräfteausschuss des Senats an.
Damit besitzt er für eine Diskussion über Flugzeugträger und Luftfahrt einen unfairen Vorteil:
Er kennt sich tatsächlich damit aus.
Trotz seiner Erfahrung, erklärte Kelly, würde selbst er den Navy-Ingenieuren nicht vorschreiben, wie sie einen Flugzeugträger konstruieren sollen.
Bei Donald Trump sieht Kelly diese Zurückhaltung offenbar noch dringender geboten.
„Donald Trump hat davon keine Ahnung“, erklärte der Senator und bezeichnete den Präsidenten zusätzlich als „gescheiterten Immobilienentwickler mit mehreren Insolvenzen“.
Damit dürfte die amerikanische Debattenkultur endgültig den Bereich verlassen haben, in dem anschließend noch jemand freundlich sagt:
„Vielen Dank für diesen interessanten Impuls.“
Kellys Lebenslauf umfasst Kampfflugzeuge, Testflüge, Raumfahrt und Navy-Erfahrung.
Trumps Lebenslauf umfasst Immobilien, Hotels, Golfplätze und die Präsidentschaft.
Der technische Unterschied besteht vor allem darin, dass bei einem Hochhaus normalerweise niemand versucht, eine F/A-18 mit 250 Stundenkilometern vom Dach zu katapultieren.
Kleine Änderung für mehrere Milliarden
Nun könnte man denken: Dann baut man eben das andere Katapult ein.
Leider funktioniert moderner Schiffbau nicht wie ein Lego-Set.
Die USS Doris Miller befindet sich bereits im Bau und wurde für EMALS ausgelegt. Eine Umrüstung auf Dampf könnte deshalb umfangreiche Neuplanungen notwendig machen.
Experten rechnen mit möglichen Mehrkosten in Milliardenhöhe.
Das wäre selbst für amerikanische Militärverhältnisse eine bemerkenswerte Methode, Geld zu sparen:
Man ersetzt ein System, das jährlich geringere Betriebskosten ermöglichen soll, durch ein älteres System und gibt dafür zunächst Milliarden aus.
Finanzpolitisch könnte das unter der Kategorie laufen:
„Wir müssen investieren, damit wir anschließend weniger sparen.“
Auch die geplante Indienststellung um 2034 könnte sich bis gegen Ende der 2030er-Jahre verschieben.
Das eröffnet allerdings neue Möglichkeiten.
Bis der umgebaute Flugzeugträger fertig ist, könnte die Navy feststellen, dass elektromagnetische Katapulte inzwischen hervorragend funktionieren.
Dann müsste man lediglich wieder zurückbauen.
Das schafft Arbeitsplätze.
Navy meldet störende Fakten
Besonders ungünstig für die Dampfoffensive ist, dass die US Navy bei ihren Tests offenbar Vorteile der elektromagnetischen Technik festgestellt hat.
Erste Auswertungen der USS Gerald R. Ford zeigten laut Navy eine höhere Zahl möglicher Flugzeugstarts als bei älteren Trägern der Nimitz-Klasse. Auch das neue Fangsystem habe dazu beigetragen.
Außerdem benötigt die elektromagnetische Technik weniger Personal und soll geringere Wartungskosten verursachen.
Bei einem Träger der Ford-Klasse könnten dadurch ungefähr 100 Millionen Dollar jährlich eingespart werden.
Das ist natürlich ärgerlich.
Denn damit stehen sich nun zwei technische Bewertungsmethoden gegenüber.
Auf der einen Seite:
Ingenieure, Tests, Betriebsdaten und Erfahrungen der Navy.
Auf der anderen:
Donald Trump findet Dampf besser.
Die Entscheidung dürfte knapp werden.
Pete Hegseth bekommt 60 Tage für „Operation Teekessel“
Verteidigungsminister Pete Hegseth hat nun 60 Tage Zeit, einen entsprechenden Plan vorzulegen.
Man kann sich die erste Sitzung bereits vorstellen.
Ein Admiral öffnet eine Präsentation mit 468 Folien über Energieversorgung, Deckkonstruktion, Reaktorsysteme, Wartungszyklen und Flugzeugstartprofile.
Nach sieben Minuten fragt jemand:
„Kann das Ganze auch ordentlich zischen?“
Anschließend wird die Präsentation geschlossen.
Das Weiße Haus argumentiert, Trumps Memorandum solle langfristige Probleme beim Bau und bei der Reparatur amerikanischer Kriegsschiffe lösen.
Das Ziel klingt durchaus nachvollziehbar.
Die Methode erinnert allerdings ein wenig daran, eine kaputte WLAN-Verbindung dadurch zu reparieren, dass man wieder Brieftauben anschafft.
Zuverlässig?
Vielleicht.
Modern?
Diskussionswürdig.
Die USS Doris Miller könnte zum schwimmenden Technikmuseum werden
Sollte Trump seinen Willen bekommen, könnte die USS Doris Miller irgendwann ein ganz besonderes Schiff werden: ein hochmoderner atomgetriebener Flugzeugträger des 21. Jahrhunderts mit einem Startsystem, das bewusst auf ältere Technik zurückgeführt wurde.
Vielleicht lässt sich das Konzept noch erweitern.
Radar könnte durch besonders aufmerksame Matrosen mit Ferngläsern ersetzt werden.
Digitale Navigation bekommt als Backup einen Sextanten.
Und für besonders schwierige Situationen erhält der Kapitän eine Seekarte mit der Aufschrift:
„Hier könnten Drachen sein.“
Der Vorteil wäre beträchtlich: Sollte das Schiff erst Ende der 2030er-Jahre fertig werden, könnte die Navy es gleichzeitig als Flugzeugträger und Technikmuseum betreiben.
Eintritt: 35 Dollar.
Kinder bis zwölf Jahre dürfen kostenlos das Dampfkatapult ansehen.
Donald Trump bekäme vermutlich eine lebenslange Ehrenkarte.
Mark Kelly wahrscheinlich Hausverbot im Souvenirshop.
Und irgendwo tief im Maschinenraum könnte ein Navy-Ingenieur stehen, auf Milliarden Dollar Umbaukosten blicken und jenen Satz sagen, der technische Großprojekte seit Menschengedenken begleitet:
„Das war ursprünglich anders geplant.“
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