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POLITIK

Kadyrows 71.000-Mann-TikTok-Bataillon

admin · 16.08.2026 · 3 Min. Lesezeit
Grafik: Kadyrows Kriegs-Show für Wladimir Putin
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Ramsan Kadyrow bezeichnete seine Gefolgsleute einst als „Putins Infanterietruppen“. Offiziell will der tschetschenische Machthaber den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit 71.000 Soldaten unterstützen. Eine beeindruckend präzise Zahl. Offenbar wurde jeder mitgezählt, der eine Uniform besitzt, einen Geländewagen kennt oder schon einmal entschlossen in eine Kamera geblickt hat.

Berechnungen der russischen Plattform „Mediazona“, über die „The Economist“ berichtete, zeichnen allerdings ein anderes Bild. Demnach kamen bis Mitte Juli 2026 insgesamt 539 tschetschenische Kämpfer in der Ukraine ums Leben. Das entspreche 0,2 Prozent aller russischen Gefallenen, obwohl Tschetschenen 1,1 Prozent der russischen Bevölkerung ausmachen.

Die Zahlen zeigen nicht automatisch, wie viele Soldaten eingesetzt wurden. Laut den Berichten nähren sie jedoch den Verdacht, dass Kadyrows militärischer Beitrag stärker auf Sichtbarkeit als auf Frontnähe optimiert ist.

Kurz gesagt: weniger Infanterie, mehr Influenterie.

Russische Militärblogger nennen Kadyrows Einheiten spöttisch „TikTok-Kämpfer“. Laut „The Economist“ produzieren sie gern aufwendige Videos fernab der eigentlichen Kampfhandlungen. Dort durchsuchen sie eindrucksvoll leere Gebäude, bewachen strategisch bedeutsame Parkplätze und blicken so entschlossen in die Ferne, als hätte die Ferne gerade kapituliert.

Vor einem Einsatz wird vermutlich zuerst die Lage geprüft: Sitzt die Uniform? Glänzt der Geländewagen? Ist das Licht dramatisch genug? Und kann der Kameramann rückwärtslaufen, ohne über die heroisch platzierte Munitionskiste zu stolpern?

Ein Insider aus Kadyrows Umfeld erklärte dem „Economist“, die Kämpfer sollten zwar den Eindruck einer Teilnahme vermitteln, es aber nicht übertreiben und auf sich achten. Das klingt weniger nach militärischem Befehl als nach einem Betriebsausflug: Bitte bei der Kriegsdarstellung ausreichend trinken und den Sicherheitsabstand zur Front einhalten.

Für Wladimir Putin bleibt Ramsan Kadyrow dennoch wichtig. Er sichert Moskaus Kontrolle über Tschetschenien, hält regionale Eliten auf Kremlkurs und liefert zuverlässig martialische Treueschwüre. Das Verhältnis ähnelt einem politischen Theaterabonnement: Putin erhält regelmäßig eine neue Vorstellung, Kadyrow darf Intendant bleiben.

Auf der Bühne ruft Kadyrow: „Wir sind Putins Infanterie!“ Hinter dem Vorhang fragt jemand: „Aber bitte nicht zu weit nach vorn, ja?“

Die Vorsicht hat laut „The Economist“ historische Gründe. Die Erinnerung an Moskaus brutales Vorgehen in den Tschetschenienkriegen ist besonders bei älteren Menschen lebendig. Kadyrow kämpfte zunächst für die Unabhängigkeitsbewegung, wechselte später die Seite und wurde von Putin mit Macht belohnt.

Er weiß daher, dass Loyalität zu Moskau überzeugender wirkt, solange sie nicht massenhaft in Särgen zurückkehrt. Zu viele tschetschenische Verluste könnten alte Wunden öffnen und Kadyrows Herrschaft gefährden. Seine Strategie lautet deshalb: maximal kriegerisch aussehen, minimal innenpolitisches Risiko erzeugen.

Die versprochenen 71.000 Soldaten könnten somit teilweise eine mediale Armee sein. Einige kämpfen, andere bewachen Kreuzungen, weitere halten Kameras – und der Rest existiert in Pressemitteilungen. Dort gelten besondere Naturgesetze: Ein Bataillon passt in ein Hochkantvideo, jeder Geländewagen wird durch dramatische Musik zum Panzerverband und ein leerer Hinterhof zum strategischen Schlüsselgebiet.

Passend wäre eine neue Auszeichnung: das Goldene Ringlicht am Bande. Verliehen für außergewöhnliche Tapferkeit vor laufender Kamera, tadellose Bartpflege und mindestens drei entschlossene Blicke in Richtung möglicher Kampfhandlungen.

Auch der militärische Lagebericht könnte modernisiert werden: „Video erfolgreich hochgeladen, Filter stabil, Gegner nicht im Bild.“ Verluste würden in Followern gemessen, Geländegewinne in Reichweite und Rückzüge als „Content-Pause“ bezeichnet.

So verkauft Ramsan Kadyrow Wladimir Putin möglicherweise eine imposante Armee nach dem Prinzip eines geopolitischen Versandhauses: Auf dem Katalogbild stehen 71.000 Kämpfer. Im Kleingedruckten heißt es: „Abbildung ähnlich. Lieferung kann von der dargestellten Frontnähe abweichen.“

Kadyrow bleibt damit Putins lautester Infanterist – zumindest dort, wo der Empfang hervorragend, die Kamera eingeschaltet und der Krieg sicher außerhalb des Bildausschnitts ist.

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