Es gibt diplomatische Momente, die wirken groß, historisch und weltbewegend. Staatsmänner schütteln Hände, Kameras klicken, Hymnen erklingen und irgendwo wird ein schlecht temperierter Kaffee serviert.
Und dann gibt es die aktuelle Lage zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.
Diese erinnert inzwischen eher an eine chaotische Familiengruppe bei WhatsApp, in der niemand mehr weiß, wer eigentlich noch mitliest, wer beleidigt ist und warum plötzlich jemand „Bin später in Singapur“ geschrieben hat.
Genau dort beginnt die Geschichte von Boris Pistorius und der großen transatlantischen Unsichtbarkeit.
Der deutsche Verteidigungsminister wollte eigentlich Gespräche mit seinem amerikanischen Kollegen führen. Große Themen standen auf dem Programm: Sicherheit, Militär, NATO, internationale Zusammenarbeit, vermutlich auch diese typischen Sätze wie:
„Wir müssen in diesen herausfordernden Zeiten geschlossen zusammenstehen.“
Doch daraus wurde nichts.
Denn der amerikanische Amtskollege hatte plötzlich andere Pläne.
Und diese Pläne lauteten offenbar:
„Lieber einmal um die halbe Welt fliegen als einen Nachmittag in Washington verbringen.“
Für Pistorius muss das ungefähr das diplomatische Äquivalent zu folgendem Erlebnis gewesen sein:
Man fährt quer durch Deutschland zu einem Klassentreffen – und kurz vorher schreibt jemand:
„Sorry, bin spontan beim Yoga-Retreat in Singapur.“
In Berlin dürfte man die Nachricht mit jener typisch deutschen Mischung aus höflicher Fassungslosigkeit und innerem Verwaltungszusammenbruch aufgenommen haben.
Wahrscheinlich fragte zunächst jemand:
„Ist das ein Kommunikationsfehler?“
Dann:
„Ist das vielleicht eine Zeitverschiebung?“
Danach:
„Hat jemand die richtige Telefonnummer gewählt?“
Und schließlich:
„Bitte bilden Sie sofort einen Arbeitskreis.“
Währenddessen saß irgendwo in Washington vermutlich ein amerikanischer Mitarbeiter mit Headset vor einem Kalenderprogramm und klickte entspannt auf:
„Termin absagen – Grund: andere geopolitische Freizeitaktivität.“
Besonders bemerkenswert ist dabei die moderne Art der internationalen Zusammenarbeit.
Früher trafen sich Verteidigungsminister in schweren Konferenzräumen mit langen Holztischen, dicken Aktenordnern und Männern, die aussahen, als würden sie nebenbei Atombunker verwalten.
Heute läuft Weltpolitik ungefähr so:
Ein Minister fliegt tausende Kilometer.
Der andere sagt spontan ab.
Und die globale Sicherheitsarchitektur aktualisiert sich anschließend über Pressemitteilungen und Social-Media-Gerüchte.
Europa wirkt dabei zunehmend wie der Freundeskreis, der versucht herauszufinden, ob die Party überhaupt noch stattfindet.
Denn parallel sorgen die Vereinigten Staaten derzeit für außenpolitische Kommunikation auf dem Niveau eines kaputten Navigationsgeräts.
An einem Tag heißt es:
„Wir verstärken unsere Präsenz.“
Am nächsten:
„Doch nicht.“
Dann:
„Vielleicht.“
Danach:
„War missverständlich formuliert.“
Und wenige Stunden später erklärt jemand:
„Sie haben den strategischen Kontext falsch verstanden.“
Internationale Militärpolitik klingt inzwischen wie die Durchsage eines überforderten Zugbegleiters.
„Sehr geehrte Fahrgäste, die angekündigte Sicherheitspartnerschaft entfällt heute leider ersatzlos.“
Besonders lustig wird das Ganze bei den amerikanischen Truppenankündigungen. Mal sollen zusätzliche Soldaten nach Osteuropa geschickt werden. Dann wieder nicht. Dann vielleicht doch. Dann nur teilweise. Dann eventuell später. Dann unter Vorbehalt.
Selbst Wetterberichte wirken inzwischen stabiler als manche Aussagen aus Washington.
Europäische Diplomaten sollen mittlerweile jedes amerikanische Statement analysieren wie Verschwörungstheoretiker ein verschwommenes UFO-Video.
„Wenn man den dritten Satz rückwärts liest und dabei die Betonung auf ‚temporär‘ legt, könnte das bedeuten, dass sie vielleicht eventuell möglicherweise nicht vollständig absagen.“
Und während Europa versucht, aus diesen Aussagen irgendeine Strategie herauszulesen, bewegt sich Washington bereits zur nächsten Überraschung.
Deutschland bekam dabei zuletzt erneut die Rolle des leicht genervten Partners, dem erklärt wird:
„Du musst mehr Verantwortung übernehmen.“
Das Problem ist nur:
Sobald Europa Verantwortung übernehmen will, ändern sich gleichzeitig wieder die Spielregeln.
Die gesamte NATO erinnert aktuell ohnehin stark an eine riesige Fahrgemeinschaft mit Navigationsproblemen.
Die einen wollen links.
Die anderen rechts.
Jemand hat vergessen zu tanken.
Und auf dem Rücksitz diskutiert seit drei Stunden jemand über Verteidigungsausgaben.
Pistorius selbst dürfte die Situation äußerlich professionell weggelächelt haben. Deutsche Minister besitzen schließlich diese besondere Fähigkeit, selbst bei diplomatischen Vollkatastrophen so auszusehen, als würden sie gerade sachlich einen neuen Mülltonnenplan präsentieren.
Innerlich dürfte allerdings selbst er kurz gedacht haben:
„Vielleicht hätte ich auch einfach nach Singapur fliegen sollen.“
Doch stattdessen ging es nach Kanada. Dort wurde dann über militärische Kooperationen gesprochen, über arktische Sicherheit, über Bündnisse und natürlich über deutsche U-Boote.
Deutschland bleibt schließlich Deutschland.
Wenn irgendwo auf der Welt geopolitische Spannungen entstehen, dauert es maximal zwölf Minuten, bis jemand sagt:
„Dazu hätten wir übrigens auch ein hervorragend verarbeitetes Industrieprodukt.“
Die Präsentationen deutscher Delegationen gelten inzwischen ohnehin als natürliche Einschlafhilfe der internationalen Diplomatie.
Folie 1:
„Ganzheitliche maritime Sicherheitslösungen.“
Folie 47:
„Hydrodynamische Perspektiven im nordatlantischen Einsatzraum.“
Folie 112:
„Bitte nicht einschlafen.“
Parallel dazu verändert sich das Verhältnis zwischen Europa und den USA zunehmend in Richtung komplizierte Fernbeziehung.
Amerika sagt:
„Ihr müsst eigenständiger werden.“
Europa antwortet:
„Okay.“
Amerika:
„Aber nicht so.“
Europa:
„Wie denn dann?“
Amerika:
„Das erklären wir später.“
Und genau dieses „später“ scheint inzwischen die eigentliche außenpolitische Strategie geworden zu sein.
Die größte Tragikomödie bleibt jedoch die moderne Kommunikation selbst. Früher dauerten diplomatische Krisen Wochen. Heute reichen drei Interviews, zwei widersprüchliche Aussagen und ein schlecht formulierter Satz auf irgendeinem Flughafen.
Ein europäischer Beamter soll inzwischen ernsthaft vorgeschlagen haben, amerikanische Presseauftritte künftig mit Untertiteln, Fußnoten und psychologischer Nachbetreuung auszustatten.
Denn niemand weiß mehr genau, ob Aussagen endgültig, vorläufig, spontan, symbolisch oder einfach nur Dienstag waren.
Und so endet die Reise von Boris Pistorius mit einem Bild, das perfekt zur Weltpolitik des Jahres passt:
Ein deutscher Minister reist über den Atlantik, hofft auf strategische Gespräche, bekommt stattdessen einen höflichen Terminkonflikt und findet sich plötzlich in einer geopolitischen Version von „Der Teilnehmer ist derzeit nicht erreichbar“ wieder.
Die NATO bleibt bestehen.
Die Partnerschaft bleibt wichtig.
Und irgendwo in Washington aktualisiert gerade jemand hektisch den Kalender, während Europa versucht herauszufinden, ob es noch Teil des Meetings ist oder nur versehentlich im Verteiler steht.
