Xi Jinping – Der Mann, bei dem das Organigramm nur noch nach oben zeigt
Name: Xi Jinping
Geboren: Juni 1953 in Peking
Beruf: Staatspräsident, Parteichef, Militärchef und vermutlich Administrator des chinesischen Gruppen-Chats
Dienstort: Peking
Spezialgebiete: Parteidisziplin, Fünfjahrespläne, geopolitische Geduld und Sitzungen, bei denen überraschend wenig dazwischen gerufen wird
Politischer Aggregatzustand: zentralisiert
Lieblingsfarbe: Rot
Lieblingswort: Stabilität
Gefährlichstes Bürogerät: Mikrofon mit Rückfragetaste
Frühe Jahre – vom Land nach ganz oben
Xi Jinping wurde 1953 in Peking geboren.
Sein Vater Xi Zhongxun gehörte zu den frühen Führungskadern der Volksrepublik. Während der Kulturrevolution geriet die Familie jedoch politisch unter Druck, und der junge Xi wurde im Rahmen der damaligen Kampagnen aufs Land geschickt.
Dort verbrachte er mehrere Jahre.
Später trat er der Kommunistischen Partei bei und begann seine politische Karriere.
Diese führte ihn über verschiedene Provinz- und Parteiämter schließlich an die Spitze des Landes.
Andere Menschen erklimmen eine Karriereleiter.
Xi nahm offenbar den Hochgeschwindigkeitszug.
Endstation:
alles.
Der Aufstieg
Xi arbeitete sich über Jahrzehnte durch den chinesischen Parteiapparat.
Das ist ungefähr so, als würde man sich durch ein Organigramm kämpfen, das gleichzeitig Arbeitgeber, Regierung, Karriereportal und Endgegner ist.
2012 wurde Xi Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission.
2013 wurde er Staatspräsident.
Damit besaß er schließlich drei außerordentlich wichtige Funktionen.
Parteichef.
Staatspräsident.
Militärchef.
Ein westlicher Personalberater würde vermutlich fragen:
„Herr Xi, haben Sie schon einmal über Delegation nachgedacht?“
Kurze Stille.
Der Personalberater arbeitet jetzt vermutlich in einer anderen Branche.
Die große Zentralisierung
Unter Xi wurde politische Macht stärker auf die Parteispitze und seine Person konzentriert.
Das macht Verwaltung übersichtlich.
Früher bestand ein Organigramm aus Kästchen, Linien, Pfeilen und Zuständigkeiten.
Heute könnte man es vereinfachen:
Xi Jinping
↓
↓
↓
China
PowerPoint beendet.
Das spart Druckkosten.
Die Sache mit der Amtszeit
2018 wurde die Begrenzung der Amtszeiten für den chinesischen Staatspräsidenten aus der Verfassung gestrichen.
Das war organisatorisch praktisch.
Andere Länder müssen sich regelmäßig mit lästigen Fragen beschäftigen:
Wer kandidiert?
Wer gewinnt?
Wer übernimmt?
Wer zieht ins Präsidentenbüro?
China entschied offenbar:
Warum ständig die Namensschilder austauschen?
Nachhaltigkeit beginnt schließlich im Büro.
Ein Namensschild kann Jahrzehnte halten, wenn man politisch sorgfältig damit umgeht.
Xi Jinping und die Partei
Die Kommunistische Partei spielt unter Xi eine noch zentralere Rolle in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.
Parteidisziplin besitzt entsprechend große Bedeutung.
In normalen Unternehmen gibt es ein Mitarbeiterhandbuch.
In China gibt es Parteivorgaben.
Der Unterschied:
Das chinesische Exemplar sollte man vermutlich tatsächlich lesen.
Sehr aufmerksam.
Mit Textmarker.
Und ohne ironische Randnotizen.
Anti-Korruption
Seit seinem Machtantritt betreibt Xi eine umfangreiche Anti-Korruptionskampagne.
Dabei wurde gegen zahlreiche Funktionäre vorgegangen.
Die offizielle Botschaft:
Korruption wird bekämpft.
Die praktische Botschaft für Funktionäre:
Der Chef schaut hin.
Sehr genau.
Man stelle sich eine chinesische Behörde am Montagmorgen vor:
„Wo ist Direktor Wang?“
„Untersuchung.“
„Und Direktor Li?“
„Auch.“
„Direktor Zhang?“
Kurze Pause.
„Wir sollten vielleicht einfach arbeiten.“
Produktivität durch Atmosphäre.
Fünfjahrespläne
China liebt langfristige Planung.
Während westliche Demokratien manchmal Schwierigkeiten haben, vorherzusagen, wer nächsten Dienstag Finanzminister ist, plant Peking gern gleich mehrere Jahre voraus.
Fünfjahresplan.
Industriestrategie.
Technologiestrategie.
Infrastrukturstrategie.
Entwicklungsstrategie.
Strategie für die Umsetzung der Strategie.
Vermutlich existiert irgendwo auch ein Plan dafür, wann der nächste Plan geplant wird.
Das unterscheidet politische Systeme.
Deutschland fragt:
„Haben wir dafür ein Formular?“
China fragt:
„In welchem Fünfjahresplan steht die Fabrik?“
Die Neue Seidenstraße
2013 präsentierte Xi die Initiative, die international als Belt and Road Initiative bekannt wurde.
Straßen.
Häfen.
Eisenbahnen.
Energieprojekte.
Handelsverbindungen.
China investierte und engagierte sich in zahlreichen Ländern.
Früher bedeutete „Seidenstraße“:
Kamele.
Gewürze.
Seide.
Heute bedeutet es eher:
Containerhafen mit Finanzierungskonzept.
Marco Polo hätte wahrscheinlich begeistert gefragt:
„Wo sind die Kamele?“
Peking:
„Nicht skalierbar.“
Xi und die Wirtschaft
China entwickelte sich über Jahrzehnte zu einer wirtschaftlichen Großmacht.
Unter Xi versucht das Land zugleich, technologische Eigenständigkeit und stärkere Kontrolle strategischer Branchen voranzutreiben.
Halbleiter.
Elektroautos.
Batterien.
Solartechnik.
Künstliche Intelligenz.
Westliche Wirtschaftsminister betrachten chinesische Industriepolitik inzwischen ungefähr so, wie ein Hobbygärtner einen industriellen Mähdrescher betrachtet:
„Das ist aber… ziemlich groß.“
Xi nennt das vermutlich Dienstag.
Xi und Unternehmen
Chinesische Tech-Konzerne wurden riesig.
Alibaba.
Tencent.
Andere Plattformunternehmen.
Irgendwann stellte die Partei offenbar fest:
Moment.
Die sind sehr groß.
Fast ein bisschen zu selbstbewusst groß.
Und plötzlich lernten chinesische Tech-Unternehmer eine zentrale Lektion moderner Unternehmensführung:
Man kann CEO eines Milliardenkonzerns sein.
Aber im chinesischen Organigramm gibt es darüber noch ein Kästchen.
Und darüber steht nicht:
Shareholder Value.
Taiwan
Taiwan gehört zu den sensibelsten geopolitischen Fragen Chinas.
Peking betrachtet Taiwan als Teil Chinas und schließt den Einsatz von Gewalt zur sogenannten Wiedervereinigung nicht aus.
Taiwan wiederum besitzt eine demokratisch gewählte Regierung und sieht seine politische Zukunft ausgesprochen anders.
Damit existiert eine Situation, die diplomatisch ungefähr so entspannt ist wie zwei Menschen, die gleichzeitig behaupten, derselbe Parkplatz gehöre ihnen.
Nur mit Flugzeugträgern.
Xi:
„Eine China.“
Taipeh:
„Wir sollten darüber reden.“
Washington:
„Wir stehen zufällig auch hier.“
Die gesamte Welt:
„Bitte nichts anfassen.“
Xi und die USA
Das Verhältnis zwischen China und den Vereinigten Staaten ist besonders faszinierend.
Beide Länder konkurrieren.
Beide handeln miteinander.
Beide kritisieren einander.
Beide brauchen einander.
Das ist geopolitisch ungefähr eine Ehe, bei der beide Partner gleichzeitig Scheidungsanwälte und gemeinsame Hypotheken besitzen.
Washington:
„China ist unser strategischer Wettbewerber.“
Peking:
„Die USA versuchen, China einzudämmen.“
Containerhafen:
„Soll ich trotzdem weiterarbeiten?“
Beide:
„JA!“
Xi trifft Trump
Treffen zwischen Xi Jinping und Donald Trump besitzen einen besonderen Unterhaltungswert.
Auf der einen Seite:
Xi.
Kontrolliert.
Diszipliniert.
Langfristig.
Auf der anderen:
Trump.
Superlative.
Improvisation.
Truth Social.
Das ist weniger ein Gipfeltreffen als ein Experiment verschiedener Betriebssysteme.
XiOS:
Update langfristig geplant.
TrumpOS:
Update verfügbar.
Installation beginnt automatisch.
Neustart während Pressekonferenz.
Öffentliche Inszenierung
Xi präsentiert sich meist kontrolliert und staatsmännisch.
Keine oberkörperfreien Pferderitte.
Keine Kettensägen.
Keine täglichen Social-Media-Eruptionen.
Keine Bratwurst-Selfies.
Xi braucht das alles nicht.
Er besitzt etwas viel Mächtigeres:
eine Parteitagsbühne.
Große Halle.
Rote Fahnen.
Delegierte.
Applaus.
Sehr viel Applaus.
Der chinesische Volkskongress besitzt gelegentlich eine Abstimmungsdramaturgie, bei der westliche Wahlforscher vermutlich wenig Bedarf an einem Prognosemodell sehen.
Der Applaus
Applaus ist in der Politik wichtig.
In westlichen Parlamenten applaudiert manchmal die eigene Fraktion.
Manchmal niemand.
Manchmal ruft jemand dazwischen.
In China kann eine politische Veranstaltung optisch deutlich harmonischer wirken.
Xi spricht.
Applaus.
Xi beendet den Satz.
Applaus.
Xi setzt sich.
Applaus.
Vermutlich könnte Xi versehentlich sagen:
„Entschuldigung, ich habe meine Unterlagen vergessen.“
Saal:
👏👏👏👏👏👏👏
Effiziente Feedbackkultur.
Typischer Arbeitstag
06:00 Uhr: Aufstehen.
06:30 Uhr: China prüfen.
Groß.
Gut.
07:00 Uhr: Wirtschaftsbericht.
07:30 Uhr: Wachstum soll wachsen.
Notiert.
08:00 Uhr: Parteisitzung.
08:01 Uhr: Parteidisziplin.
09:00 Uhr: Industriepolitik.
09:30 Uhr: Fabrik planen.
09:35 Uhr: Zweite Fabrik planen.
09:40 Uhr: Hafen dazu.
10:00 Uhr: Handelsstreit mit USA.
10:30 Uhr: Langfristig denken.
11:00 Uhr: Fünfjahresplan.
12:00 Uhr: Mittagessen.
13:00 Uhr: Neue Seidenstraße.
14:00 Uhr: Treffen mit Unternehmern.
14:01 Uhr: Erinnerung, wer hier langfristig plant.
15:00 Uhr: Taiwan-Briefing.
Raumtemperatur sinkt.
16:00 Uhr: Internationale Videokonferenz.
16:05 Uhr: Zusammenarbeit betonen.
16:10 Uhr: Kerninteressen betonen.
16:15 Uhr: Zusammenarbeit erneut betonen.
Diplomatie abgeschlossen.
17:00 Uhr: Parteidokument unterschreiben.
18:00 Uhr: Applaus.
18:30 Uhr: Morgen planen.
Bis 2035.
Besondere Fähigkeiten
Xi Jinping besitzt eine Fähigkeit, von der europäische Regierungen nur träumen können:
Er kann einen langfristigen politischen Plan vorstellen, ohne dass unmittelbar ein Koalitionspartner erklärt:
„Davon wussten wir nichts.“
Er muss auch nicht jeden Sonntagabend in einer Talkshow sitzen und erklären, warum der Parteivorstand gestern etwas anderes gesagt hat.
Das spart enorm viel Zeit.
Allerdings besitzt dieses Modell einen entscheidenden Nachteil:
Wenn an der Spitze jemand falschliegt, wird es kompliziert.
Denn ein politisches System, in dem alle nach oben schauen, hat Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der nach oben ruft:
„Chef, vielleicht noch mal rechnen!“
Das Xi-Prinzip™
Das Xi-Prinzip lässt sich einfach zusammenfassen:
Problem?
Plan.
Großes Problem?
Fünfjahresplan.
Internationales Problem?
Strategische Partnerschaft.
Wirtschaftliches Problem?
Industriepolitik.
Innerparteiliches Problem?
Disziplin.
Kritik?
Interessante Frage.
Nächste Frage.
Lebensmotto
„Warum Macht verteilen, wenn man das Organigramm vereinfachen kann?“
Kurzprofil
Xi Jinping ist Staatspräsident, Parteichef und Militärchef einer der mächtigsten Nationen der Erde.
Unter seiner Führung wurde Macht stark zentralisiert, China verfolgt ehrgeizige wirtschaftliche und geopolitische Strategien und die Kommunistische Partei beansprucht eine zentrale Rolle in praktisch allen wichtigen Bereichen.
Andere Regierungschefs müssen Koalitionen koordinieren.
Xi koordiniert China.
Andere Politiker planen bis zur nächsten Wahl.
China plant bis zum nächsten Jahrzehnt.
Andere Parteichefs fürchten rebellierende Landesverbände.
Xi dürfte dieses Problem eher theoretisch kennen.
Vielleicht lässt sich sein politisches System deshalb am besten mit einem chinesischen Hochgeschwindigkeitszug vergleichen:
Schnell.
Groß.
Langfristig geplant.
Der Lokführer sitzt vorne.
Die Strecke steht fest.
Alle Fahrgäste kennen das Ziel.
Und irgendwo im letzten Waggon hebt jemand vorsichtig die Hand:
„Entschuldigung, könnten wir vielleicht auch einmal links abbiegen?“
Durchsage:
„Dieser Zug fährt auf Schienen.“
Problem gelöst.




