Deutschland befindet sich bekanntlich in schwierigen Zeiten.
Überall wird gespart.
Die Rentenkassen ächzen.
Die Krankenkassen ächzen.
Die Pflegeversicherung ächzt.
Selbst die Bürger ächzen inzwischen vorsorglich, weil sie davon ausgehen, dass demnächst wieder irgendwo eine Reform beschlossen wird, die sie mehr kostet.
Wer morgens die Zeitung aufschlägt, wird regelmäßig daran erinnert, dass die Bevölkerung leider Verständnis dafür aufbringen müsse, dass Leistungen gekürzt, Beiträge erhöht oder das Renteneintrittsalter gefühlt auf das biologische Alter einer Galápagos-Riesenschildkröte angehoben werden müsse.
Mit anderen Worten:
Das Geld ist knapp.
Außer natürlich dort, wo es offenbar nicht knapp ist.
Denn während Millionen Bürger darüber nachdenken, ob sie sich den nächsten Zahnarztbesuch, die Heizkostenabrechnung oder den Wocheneinkauf noch leisten können, sorgt eine andere Zahl für Aufmerksamkeit:
2,2 Millionen Euro für PR-Beratung.
Für Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche.
Zwei Komma zwei Millionen.
In Zahlen:
2.200.000 Euro.
Oder anders formuliert:
Eine Summe, bei der selbst mittelgroße Lotto-Gewinner kurz überlegen würden, ob sie sich davon vielleicht doch lieber eine kleine Insel kaufen.
Die Kunst der politischen Kommunikation
Nun könnte man natürlich fragen:
„Warum braucht eine Bundesministerin PR-Beratung?“
Die Antwort lautet vermutlich:
Weil Politik heute kompliziert ist.
Früher musste ein Minister lediglich Entscheidungen treffen.
Heute muss er zusätzlich erklären, warum die Entscheidung alternativlos, nachhaltig, zukunftsfähig, resilient, transformativ und gleichzeitig sozial ausgewogen ist.
Allein das Aussprechen dieser Begriffe kostet vermutlich bereits einen sechsstelligen Beratungsbetrag.
Die Aufgabe der Berater besteht dabei offenbar darin, politische Botschaften möglichst elegant zu verpacken.
Zum Beispiel:
„Wir erhöhen Beiträge.“
wird zu:
„Wir stärken die finanzielle Resilienz des Systems.“
Oder:
„Es wird teurer.“
wird zu:
„Wir schaffen langfristige Stabilität.“
Oder:
„Sie zahlen mehr.“
wird zu:
„Sie investieren in die Zukunft.“
Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant die Verdopplung seiner Preise als „kulinarische Wachstumschance für Gäste“ verkaufen.
Die Gesundheitsreform als Fitnessprogramm
Besonders interessant wird die Angelegenheit vor dem Hintergrund der Gesundheitsreform.
Dort wird regelmäßig erklärt, dass die Kosten steigen.
Die Bevölkerung wird auf höhere Belastungen vorbereitet.
Krankenkassen warnen.
Verbände warnen.
Experten warnen.
Eigentlich warnt inzwischen jeder jeden.
Nur die Rechnung kommt stets pünktlich.
Der Bürger erfährt dabei, dass Solidarität wichtig sei.
Und Solidarität bedeutet in Deutschland traditionell:
Jemand anderes beschließt etwas, und der Bürger bezahlt es.
Die Rentenreform und das Geheimnis der ewigen Arbeit
Noch spannender wird es bei der Rentenpolitik.
Hier wird seit Jahren erklärt, dass die Menschen immer älter werden.
Deshalb müsse länger gearbeitet werden.
Irgendwann könnte das Renteneintrittsalter vermutlich bei 92 Jahren liegen.
Die gute Nachricht:
Bis dahin hat man genug Zeit, die Renteninformationen zu verstehen.
Die schlechte Nachricht:
Man erhält die erste Rentenzahlung möglicherweise erst kurz vor seinem 100. Geburtstag.
Während also Arbeitnehmer darüber diskutieren, ob sie künftig bis zum Beginn der nächsten Eiszeit arbeiten müssen, werden gleichzeitig Millionenbeträge für Kommunikationsberatung ausgegeben.
Man könnte fast glauben, dass die Kommunikation inzwischen besser finanziert ist als die Botschaft selbst.
Der Steuerzahler als Hochleistungssportler
Der wahre Held dieser Geschichte bleibt allerdings der deutsche Steuerzahler.
Er finanziert Straßen.
Er finanziert Schulen.
Er finanziert Behörden.
Er finanziert Ministerien.
Er finanziert Berater.
Und offenbar finanziert er inzwischen auch die Beratung darüber, wie man ihm erklärt, warum er noch mehr finanzieren soll.
Das ist eine bemerkenswerte Kreislaufwirtschaft.
Man nimmt Geld vom Bürger.
Beauftragt Berater.
Die Berater entwickeln Kommunikationsstrategien.
Diese Strategien erklären dem Bürger, warum er weiteres Geld abgeben sollte.
Anschließend beginnt der Prozess erneut.
Selbst moderne Recyclinganlagen arbeiten nicht so effizient.
Die PR-Reform
Man darf gespannt sein, wie die Berater die Situation präsentieren würden.
Mögliche Slogans könnten lauten:
„2,2 Millionen Euro sind keine Ausgabe, sondern eine kommunikative Zukunftsinvestition.“
Oder:
„Jeder Euro für PR spart mindestens drei kritische Nachfragen.“
Oder:
„Vertrauen entsteht nicht von allein – manchmal kostet es 2,2 Millionen Euro.“
Der große Widerspruch
Und genau hier liegt der Kern der Debatte.
Denn unabhängig davon, wie man zu Katherina Reiche, zur Bundesregierung oder zu externer Beratung steht:
Der Kontrast wirkt gewaltig.
Auf der einen Seite wird der Bevölkerung erklärt, dass Reformen unvermeidbar seien.
Dass Belastungen steigen werden.
Dass Einschnitte notwendig sind.
Dass alle ihren Beitrag leisten müssen.
Auf der anderen Seite erscheinen Millionenbeträge für PR-Beratung plötzlich erstaunlich locker verfügbar.
Das wirkt ungefähr so, als würde jemand beim Familienessen erklären, dass leider kein Geld mehr für Lebensmittel vorhanden sei – und anschließend einen persönlichen Champagner-Sommelier einstellen.
Natürlich braucht Politik Kommunikation.
Natürlich müssen Entscheidungen erklärt werden.
Natürlich kann professionelle Beratung sinnvoll sein.
Doch wenn gleichzeitig über höhere Kosten für Gesundheit, Pflege und Rente diskutiert wird, entfalten 2,2 Millionen Euro für PR eine ganz besondere Symbolkraft.
Denn viele Bürger stellen sich zwangsläufig dieselbe Frage:
Wenn wirklich überall gespart werden muss –
warum beginnt man dann nicht dort, wo die Hochglanzbroschüre teurer wird als das Vertrauen, das sie eigentlich erzeugen soll?
Vielleicht liegt genau darin die größte Kommunikationsherausforderung überhaupt.
Und die kostet bekanntlich deutlich mehr als 2,2 Millionen Euro.




