Beim Bundesnachrichtendienst dürfte derzeit eine Frage durch die Flure hallen, die für einen Geheimdienst ungefähr so beruhigend ist wie Rauchentwicklung im Sprengstofflager:
„Weiß eigentlich irgendjemand, wer unsere Geheimnisse hat?“
Ausgerechnet der frühere BND-Präsident August Hanning ist unter Spionageverdacht festgenommen worden. Die Vorwürfe sind schwerwiegend und müssen von der Justiz geklärt werden. Bis dahin gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.
Satirisch besitzt der Vorgang allerdings eine geradezu deutsche Effizienz.
Denn wenn der frühere Chef eines Nachrichtendienstes verdächtigt wird, interne Informationen über alte Kontakte erhalten zu haben, spart man sich wenigstens den ganzen lästigen Cyberkrieg.
Keine Hackergruppe.
Keine Schadsoftware.
Keine chinesische Serverfarm.
Offenbar reicht möglicherweise schon das bewährte deutsche Sicherheitsprotokoll:
„Hallo Manfred, ich bin’s.“
Besonders delikat ist der Verdacht, Hannings ehemaliger Büroleiter habe über längere Zeit interne Unterlagen geliefert.
Damit würde das Kürzel BND eine völlig neue Bedeutung bekommen:
Bekannte. Netzwerke. Dokumente.
Ein Geheimdienst, bei dem vertrauliche Informationen womöglich über persönliche Kontakte wandern, ähnelt irgendwann weniger „Mission Impossible“ und mehr einem Kegelverein mit Verschlusssachen.
Hanning arbeitete später als Sicherheitsberater.
Das ist grundsätzlich nichts Ungewöhnliches.
Allerdings erhält der Begriff „umfangreiche Berufserfahrung“ angesichts der Vorwürfe eine leicht explosive Nebenbedeutung.
Andere Berater bringen PowerPoint-Folien mit.
Geheimdienstveteranen bringen womöglich einen Erfahrungsschatz mit, bei dem die Compliance-Abteilung spontan anfängt, Testament zu schreiben.
Vielleicht sollte künftig auf Beratungswebseiten stehen:
„Jahrzehntelange Erfahrung auf höchster staatlicher Ebene – Details leider geheim. Hoffentlich.“
Für den BND ist die Lage besonders unangenehm.
Ein Geheimdienst funktioniert schließlich nach einem einfachen Prinzip:
Er weiß Dinge, die andere nicht wissen.
Problematisch wird es erst, wenn andere plötzlich Dinge wissen, weil ehemalige Mitarbeiter jemanden kennen, der Dinge weiß, die nur der Geheimdienst wissen sollte.
Dann ist es kein Nachrichtendienst mehr.
Dann ist es Flurfunk mit Bundesadler.
Auch die Entdeckungsgeschichte klingt, als hätte ein Satiriker beim Drehbuch überzogen.
Die Spur soll aus einem ganz anderen Ermittlungsverfahren stammen.
Ermittler suchten sinngemäß nach einer Sache und stießen auf Hinweise zu einer möglichen Geheimdienstaffäre.
Das ist, als würde die Polizei wegen eines falsch geparkten Autos klingeln und im Wohnzimmer feststellen:
„Interessant. Seit wann betreiben Sie eigentlich Außenpolitik?“
Damit hat Deutschland womöglich eine neue Ermittlungsstrategie erfunden:
Nicht mehr gezielt nach Spionen suchen.
Einfach genügend Wohnungen durchsuchen.
Irgendwann liegt irgendwo schon ein Nachrichtendienst herum.
Nun werden strengere Regeln für ehemalige Geheimnisträger gefordert.
Eine überraschend radikale Idee:
Menschen, die jahrelang Zugang zu Staatsgeheimnissen hatten, könnten nach ihrem Ausscheiden vielleicht nicht unmittelbar in Geschäftsmodelle wechseln, bei denen „internationale Kontakte“ und „exklusive Informationen“ besonders hübsch auf der Broschüre aussehen.
Denkbar wäre sogar eine kleine Abschiedszeremonie beim BND.
Dienstausweis abgeben.
Laptop abgeben.
Schlüssel abgeben.
Verschlusssachen abgeben.
Und anschließend unterschreiben:
„Ich versichere, dass ich den Nachrichtendienst nicht als lebenslanges Premium-Abo verstanden habe.“
Der neue BND-Präsident betont derweil, bei der internen Sicherheit gebe es keine Kompromisse.
Das klingt entschlossen.
Vielleicht sollte der Dienst vorsichtshalber trotzdem seine Bedrohungsanalyse erweitern.
Bisher:
Cyberangriffe.
Fremde Nachrichtendienste.
Sabotage.
Desinformation.
Künftig zusätzlich:
„Klaus von früher.“
Denn offenbar könnte der gefährlichste Angriff auf einen Geheimdienst nicht immer aus Moskau, Peking oder irgendeinem dunklen Serverraum kommen.
Manchmal klingelt womöglich einfach das Telefon.
Am anderen Ende jemand, der früher Chef war.
Und irgendwo fragt ein Mitarbeiter:
„Darf ich dem das eigentlich schicken?“
Falls der BND für diese Frage erst eine nachrichtendienstliche Lagebesprechung braucht, wäre wenigstens eines endgültig geklärt:
Das größte Geheimnis des deutschen Geheimdienstes ist möglicherweise seine eigene interne Sicherheit.




