Es gibt Entscheidungen, die trifft man spontan.
Man bestellt um drei Uhr morgens einen XXL-Döner.
Man kauft ein Fitnessgerät im Teleshopping.
Man schneidet sich selbst die Haare.
Und manchmal verlässt man einen Staatenbund mit über 400 Millionen Einwohnern.
Zehn Jahre nach dem Brexit beschäftigt sich Großbritannien nun mit einer faszinierenden Frage:
War das vielleicht doch nicht die brillanteste Idee seit der Erfindung des Regenschirms?
Die Antwort fällt inzwischen erstaunlich eindeutig aus.
Immer mehr Briten blicken auf das historische Referendum zurück wie auf eine Urlaubsbuchung, bei der die Fotos im Prospekt eine traumhafte Villa versprachen und man am Ende in einem feuchten Keller mit Blick auf eine Mülltonne landete.
Damals war die Stimmung anders.
Damals wurde der Brexit präsentiert wie ein Sonderangebot im Supermarkt.
Mehr Freiheit!
Mehr Wohlstand!
Mehr Kontrolle!
Mehr Souveränität!
Mehr Großbritannien!
Wer genau erklärte, wie das alles funktionieren sollte, blieb allerdings häufig ungefähr so präzise wie ein Wetterbericht für das Jahr 2087.
Trotzdem funktionierte die Kampagne hervorragend.
Viele Menschen waren begeistert.
Andere waren skeptisch.
Wieder andere waren hauptsächlich verwirrt.
Und einige glaubten vermutlich, sie würden über die Abschaffung von Brüssel, Gurkenkrümmungen und schlechtem Wetter gleichzeitig abstimmen.
Heute sitzt das Vereinigte Königreich da wie ein Mann, der nach einer spektakulären Scheidung feststellt, dass die gemeinsame Waschmaschine, das Auto und die Hälfte der Möbel plötzlich fehlen.
Natürlich behauptet dieser Mann weiterhin, die Trennung sei absolut richtig gewesen.
Aber gleichzeitig schaut er jeden Abend heimlich die Social-Media-Profile seiner Ex an.
Genau so wirkt derzeit die Beziehung zwischen London und Brüssel.
Keir Starmer befindet sich dabei in einer bemerkenswerten Lage.
Er versucht, die Nähe zur Europäischen Union zu erhöhen, ohne den Eindruck zu erwecken, er erhöhe die Nähe zur Europäischen Union.
Das entspricht ungefähr dem Versuch, in ein Schwimmbad zu springen, ohne nass zu werden.
Tag für Tag erklärt er:
„Wir wollen keine Rückkehr.“
Und unmittelbar danach:
„Aber wir hätten gerne etwas mehr Zusammenarbeit.“
Dann:
„Keine Mitgliedschaft.“
Gefolgt von:
„Vielleicht etwas mehr Integration.“
Anschließend:
„Kein Wiedereintritt.“
Und direkt danach:
„Wir sollten allerdings gemeinsam Standards abstimmen.“
Politikwissenschaftler sprechen von einer strategischen Gratwanderung.
Normale Menschen nennen es Schlangenlinien.
Andy Burnham hingegen sitzt irgendwo in Manchester und denkt sich offenbar:
„Warum reden wir nicht einfach ehrlich darüber?“
Allein diese Idee löst in Westminster regelmäßig Schnappatmung aus.
Denn das Wort „Wiedereintritt“ wirkt in Teilen der britischen Politik ungefähr so beruhigend wie ein Feueralarm in einer Munitionsfabrik.
Währenddessen beobachtet Brüssel das Schauspiel mit der Gelassenheit eines ehemaligen Partners, der vor Jahren verlassen wurde und nun plötzlich wieder Nachrichten erhält.
„Hey.“
„Wie geht's?“
„Alles gut bei dir?“
„Nur so gefragt.“
„Vermisst du mich manchmal?“
„Rein theoretisch natürlich.“
Die Europäische Union reagiert höflich.
Aber man spürt förmlich, wie zahlreiche Diplomaten gleichzeitig denken:
„Moment mal. Warst nicht du derjenige, der damals unbedingt gehen wollte?“
Besonders amüsant ist die Frage der Sonderrechte.
Jahrzehntelang verfügte Großbritannien über Ausnahmen, Rabatte und Speziallösungen.
London war innerhalb der EU ungefähr das politische Äquivalent eines Stammkunden, der jedes Mal einen Rabatt verlangt, obwohl er bereits einen Rabatt bekommen hat.
Und auf den Rabatt hätte man gerne noch einen weiteren Rabatt.
Die Vorstellung, dass diese Extrawürste erneut auf den Tisch kommen könnten, sorgt in Brüssel für spontane Augenroll-Wettbewerbe.
Ein EU-Beamter soll beim Gedanken daran kurzzeitig versucht haben, seinen Schreibtisch zu essen.
Andere reagierten ähnlich.
Denn eines ist klar:
Sollte Großbritannien zurückkehren wollen, wird niemand eine goldene Willkommensbrücke mit Rabattmarken und Bonuspunkten bauen.
Es wird Formulare geben.
Viele Formulare.
Sehr viele Formulare.
Europäische Formulare.
Britische Formulare.
Formulare zur Beantragung weiterer Formulare.
Manche Experten vermuten, dass allein die Antragsunterlagen einen eigenen Postleitzahlenbereich benötigen würden.
Dabei gibt es durchaus Länder innerhalb der EU, die Großbritannien vermissen.
Vor allem wirtschaftsliberal orientierte Staaten erinnern sich gerne an die Zeit zurück, als London regelmäßig französische Ideen blockierte.
In Paris wiederum erinnert man sich an dieselbe Zeit deutlich weniger romantisch.
Dort genießt man inzwischen die ungewohnte Ruhe.
Frankreich konnte in den vergangenen Jahren häufiger seine Vorstellungen durchsetzen.
Einige französische Beamte betrachten die aktuelle Debatte vermutlich mit derselben Begeisterung wie ein Restaurantbesitzer, dessen lautester Gast plötzlich wieder Stammkunde werden möchte.
Doch die eigentliche Pointe besteht darin, dass der Brexit etwas geschafft hat, was jahrzehntelange EU-Werbung niemals erreicht hätte.
Er machte den Austritt aus der Europäischen Union unpopulär.
Vor dem Brexit gab es überall Politiker, die von ähnlichen Ideen träumten.
Nach dem Brexit betrachteten viele dieselbe Idee plötzlich wie eine Tiefkühlpizza, die bereits zweimal heruntergefallen ist.
Theoretisch noch möglich.
Praktisch aber eher nicht.
Inzwischen nähern sich London und Brüssel langsam wieder an.
Nicht schnell.
Nicht offen.
Nicht offiziell.
Eher wie zwei ehemalige Partner, die sich zufällig immer wieder im selben Café begegnen.
Man spricht über Handel.
Über Verteidigung.
Über Standards.
Über Zusammenarbeit.
Über alles außer das eigentliche Thema.
Denn niemand möchte als Erster sagen:
„Vielleicht war die Trennung damals doch etwas überstürzt.“
Und so steht Großbritannien heute vor einer bemerkenswerten Situation.
Vor zehn Jahren rannte man voller Begeisterung aus dem Gebäude.
Heute steht man wieder vor der Tür.
Man klingelt noch nicht.
Man klopft noch nicht.
Aber man schaut sehr interessiert durchs Fenster.
Und drinnen sitzt Brüssel mit verschränkten Armen und sagt:
„Na schön. Aber diesmal lest ihr vorher den Mietvertrag.“




