Es gibt Jobs, bei denen man morgens zur Arbeit kommt und zunächst einen Kaffee trinkt.
Es gibt Jobs, bei denen man den Computer einschaltet.
Und dann gibt es den Beruf des britischen Premierministers.
Hier öffnet man morgens die Tür zum Büro und wird zunächst von einem Stapel Akten begrüßt, der ungefähr die Höhe von Big Ben erreicht.
Darauf klebt ein gelber Zettel.
„Viel Erfolg. Wir glauben an Sie. Mit freundlichen Grüßen, Ihre Vorgänger.“
Andy Burnham dürfte genau diesen Zettel gefunden haben.
Kaum hatte König Charles III. ihn offiziell mit der Regierungsbildung beauftragt, überreichte ein Beamter ihm traditionell den Schlüssel für die Downing Street.
Dazu einen Ordner.
Zwölf Zentimeter dick.
Titel:
„Dinge, die dringend erledigt werden müssten.“
Untertitel:
„Band 1.“
Band 2 bis 37 stehen bereits im Regal.
Der erste Eintrag lautet:
„Wirtschaft.“
Der zweite:
„Wohnungsmarkt.“
Der dritte:
„Energiepreise.“
Der vierte:
„Alles andere.“
Andy Burnham blätterte vorsichtig weiter.
Ab Seite 14 beginnen die handschriftlichen Notizen von Keir Starmer.
„Vielleicht findest du dafür eine Lösung.“
„Hier habe ich aufgegeben.“
„Falls du herausfindest, wie das funktioniert, ruf mich bitte an.“
Großbritannien befindet sich derzeit ungefähr in jenem Zustand, in dem Menschen sagen:
„Ach, das renovieren wir am Wochenende.“
Vier Jahre später wohnen sie noch immer zwischen Farbeimern und unverputzten Wänden.
Andy Burnham übernimmt also kein Land.
Er übernimmt eine Dauerbaustelle mit Monarchie.
Schon die erste Kabinettssitzung dürfte bemerkenswert verlaufen sein.
Andy Burnham eröffnet die Runde.
„Wie ist die Lage?“
Der Finanzminister hebt langsam den Kopf.
„Komplex.“
„Die Wirtschaft?“
„Komplex.“
„Wohnungsmarkt?“
„Sehr komplex.“
„Energie?“
„Außerordentlich komplex.“
„Hat heute eigentlich irgendetwas keine Krise?“
Langes Schweigen.
Schließlich meldet sich der Teebeauftragte.
„Der Earl Grey ist hervorragend.“
Die Sitzung endet mit Applaus.
Andy Burnham stammt aus Manchester.
Dort gilt er als äußerst beliebt.
Man nennt ihn sogar den „König des Nordens“.
Ein Titel, der gleichzeitig majestätisch klingt und den Eindruck vermittelt, als könne jederzeit ein Drache über die Pennines fliegen.
In Westminster reagierte man zunächst etwas verwundert.
„Der König des Nordens?“
„Ja.“
„Wir haben doch schon König Charles III.“
„Das macht nichts.“
„Gut.“
Britische Politik löst viele Probleme traditionell dadurch, dass man höflich nickt und anschließend Tee serviert.
Diese Methode funktioniert seit Jahrhunderten erstaunlich zuverlässig.
Nicht unbedingt erfolgreich.
Aber zuverlässig.
Andy Burnham versprach unter anderem stärkere öffentliche Kontrolle über Wasser, Energie und Verkehr.
Schon beim Wort „Verkehr“ brach in London vorsorglich Panik aus.
Die Londoner U-Bahn meldete aus Gewohnheit Verspätung.
Ein Zug blieb sicherheitshalber einfach stehen.
Ein Sprecher erklärte:
„Wir wollten den Reformprozess nicht unnötig beschleunigen.“
Auch das Wasserunternehmen zeigte sich nervös.
Plötzlich kontrollierten Manager hektisch ihre Leitungen.
„Ist das Wasser noch da?“
„Ja.“
„Gut.“
„Aber es läuft weg.“
„Das macht Wasser meistens.“
Währenddessen versuchten Experten herauszufinden, wie Andy Burnham das Land wieder in ruhigere Gewässer führen könnte.
Die BBC stellte die große Frage:
„Wer ist Andy Burnham?“
Die Antworten fielen unterschiedlich aus.
Die einen sahen einen bodenständigen Pragmatiker.
Andere einen geschickten Strategen.
Wieder andere lediglich den nächsten Menschen, der versucht, Westminster zu erklären, dass die Wirklichkeit leider nicht auf Fraktionsbeschlüsse hört.
In den Fluren des britischen Parlaments kursieren inzwischen Wetten.
Nicht darüber, ob Andy Burnham erfolgreich wird.
Sondern darüber, wie viele Krisengipfel er absolvieren muss, bevor ihm erstmals der Satz herausrutscht:
„Hat eigentlich irgendjemand gute Nachrichten?“
Die Antwort lautet regelmäßig:
„Ja.“
Alle schauen gespannt auf.
„Die Kantine hat heute Pudding.“
Erleichtertes Aufatmen.
Keir Starmer dürfte den Regierungswechsel mit einer Mischung aus Erleichterung und Mitgefühl verfolgt haben.
Als ehemaliger Premier kennt er das berühmte Begrüßungspaket.
Ein Lächeln.
Ein Händedruck.
Und ungefähr fünf Minuten später die Erkenntnis, dass sämtliche Probleme des Landes plötzlich einen persönlichen Terminkalender besitzen.
Einige Mitarbeiter der Downing Street berichten sogar von einem besonderen Ritual.
Jeder neue Premierminister erhält am ersten Arbeitstag eine kleine Glocke.
Immer wenn irgendwo eine neue Krise auftaucht, klingelt sie.
Andy Burnham soll nach den ersten drei Stunden gefragt haben:
„Kann man die ausschalten?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Das wäre Verfassungsbruch.“
Auch Reform UK beobachtet die neue Regierung aufmerksam.
Oppositionspolitiker wirken dabei ungefähr wie Menschen, die bei einem Schachspiel jede Bewegung kommentieren.
„Interessanter Zug.“
„Das hätten wir anders gemacht.“
„Natürlich erst, wenn wir selbst am Zug sind.“
Westminster bleibt eben Westminster.
Ein Ort, an dem jede Entscheidung gleichzeitig historisch, umstritten und Gegenstand von mindestens zwölf Fernsehdebatten ist.
Der Buckingham Palace hat sich ebenfalls vorbereitet.
Dort existiert inzwischen vermutlich ein ganzer Keller voller Begrüßungsreden.
„Willkommen, Premierminister.“
„Willkommen, neuer Premierminister.“
„Willkommen, schon wieder ein Premierminister.“
Die Druckerei arbeitet vorsorglich im Drei-Schicht-Betrieb.
Besonders beeindruckend bleibt jedoch der britische Optimismus.
Während andere Nationen bei Problemen hektisch Krisenstäbe bilden, gießt man auf der Insel zunächst Tee ein.
Erst danach beginnt die Diskussion.
Nicht laut.
Nicht hektisch.
Sondern mit jenem typisch britischen Unterton, der selbst einen wirtschaftlichen Ausnahmezustand klingen lässt wie eine leicht verspätete Busverbindung.
Andy Burnham wird nun versuchen, Großbritannien wieder auf Kurs zu bringen.
Ein Land, das gleichzeitig Weltmacht, Inselstaat, Monarchie, Fußballnation, Teeliebhaber und Dauerbaustelle ist.
Keine leichte Aufgabe.
Doch vielleicht ist genau das das Geheimnis britischer Politik.
Man muss nicht jedes Problem sofort lösen.
Man muss lediglich überzeugend wirken, während man den nächsten Wasserkocher einschaltet.
Am Ende des ersten Arbeitstages soll Andy Burnham noch einmal durch sein neues Büro gegangen sein.
Er blickte aus dem Fenster.
Atmete tief durch.
Nahm einen Schluck Tee.
Dann klingelte erneut die Krisenglocke.
Ein Mitarbeiter steckte vorsichtig den Kopf durch die Tür.
„Herr Premierminister…“
„Ja?“
„Es gibt eine neue Herausforderung.“
Andy Burnham lächelte.
„Natürlich gibt es die.“
„Welche diesmal?“
„Das weiß noch niemand.“
„Aber sie ist bereits im Anmarsch.“




