Im Weißen Haus gibt es bekanntlich für fast alles einen Raum.
Den Situation Room.
Den Cabinet Room.
Den Roosevelt Room.
Und seit Kurzem angeblich auch den Kündigungsraum.
Dort steht ein riesiger Schreibtisch aus glänzendem Mahagoni. Dahinter hängt ein überdimensionales Schild:
„Heute schon jemanden entlassen?“
Direkt daneben befindet sich ein Automat.
Nicht für Kaffee.
Nicht für Snacks.
Sondern für Kündigungsschreiben.
Man drückt einen Knopf.
Das Gerät surrt.
Ein Brief kommt heraus.
Fertig.
Donald Trump betrachtet diese Maschine als eine der größten technischen Errungenschaften seit der Erfindung des Golfschlägers.
Jeden Morgen beginnt der Arbeitstag inzwischen nach demselben Ritual.
„Wen haben wir heute?“
Ein Berater öffnet vorsichtig einen dicken Ordner.
„Niemand Besonderes, Sir.“
Donald Trump wirkt enttäuscht.
„Dann suchen wir eben jemanden.“
Kaum ausgesprochen, beginnt im Weißen Haus hektisches Blättern.
Behördenlisten.
Kommissionen.
Gremien.
Richter.
Berater.
Notenbank.
Irgendwo findet sich schließlich ein Name.
Lisa Cook.
Ein Mitarbeiter räuspert sich.
„Mitglied der Federal Reserve.“
Donald Trump nickt zufrieden.
„Perfekt. Klingt wichtig.“
Ein zweiter Berater wagt einen Einwand.
„Allerdings gibt es da gesetzliche Regeln.“
Im Raum entsteht dieselbe Stimmung wie auf einer Geburtstagsparty, wenn jemand versehentlich den Strom abstellt.
„Regeln?“
Donald Trump schaut irritiert.
„Warum?“
„Nun … wegen der Verfassung.“
Kurzes Schweigen.
Dann folgt die vermutlich amerikanischste Antwort des Tages.
„Kann man die nicht umschreiben?“
Im Hintergrund verschluckt sich der Justizberater beinahe an seinem Kaffee.
Währenddessen herrscht beim Supreme Court erstaunliche Gelassenheit.
Die Richter erscheinen.
Schwarze Roben.
Dicke Akten.
Noch dickere Kommentare.
Und die bemerkenswerte Angewohnheit, vor Entscheidungen tatsächlich Unterlagen zu lesen.
Allein dieser Gedanke sorgt im politischen Washington bereits für Nervosität.
Die Anhörung beginnt.
Donald Trumps Anwälte präsentieren ihre Argumente.
Sie sprechen.
Sie erklären.
Sie argumentieren.
Nach einer Weile hebt ein Richter freundlich die Hand.
„Haben Sie dafür auch eine rechtliche Grundlage?“
Im Saal wird es plötzlich so still, dass man vermutlich das Blättern einer Steuererklärung hätte hören können.
Ein Anwalt hustet.
Ein anderer sortiert hektisch Papier.
Ein dritter beginnt auffallend interessiert, seine Krawatte zu betrachten.
Lisa Cook verfolgt das Geschehen mit bemerkenswerter Ruhe.
Wer jahrelang Geldpolitik analysiert hat, entwickelt vermutlich automatisch eine gewisse Gelassenheit gegenüber kurzfristigen Turbulenzen.
Inflation.
Zinsen.
Märkte.
Und nun eben auch politische Kündigungsversuche.
Im Weißen Haus arbeitet derweil die Kommunikationsabteilung bereits am nächsten Pressepaket.
Dort existieren inzwischen standardisierte Textbausteine.
Version A:
„Historischer Erfolg.“
Version B:
„Historischer Erfolg wird später erklärt.“
Version C:
„Eigentlich wollten wir genau dieses Ergebnis.“
Die dritte Variante erfreut sich wachsender Beliebtheit.
Auch Jerome Powell verfolgt die Ereignisse vermutlich mit vorsichtigem Interesse.
Im Gebäude der Federal Reserve hat man inzwischen ein neues Gesellschaftsspiel erfunden.
Es heißt:
"Wer ist heute dran?"
Die Regeln sind einfach.
Jeder schreibt morgens einen Namen auf einen Zettel.
Wer richtig liegt, bekommt einen Donut.
Nach einigen Monaten musste allerdings ein zweiter Kühlschrank angeschafft werden.
Der Donut-Verbrauch war explodiert.
Unterdessen entwickelt sich die Federal Reserve selbst zu einer Art Hochsicherheitstrakt.
Nicht wegen Geheimnissen.
Sondern wegen der ständig kreisenden Gerüchte.
Ein Mitarbeiter öffnet morgens die Eingangstür.
„Alles ruhig?“
„Bis jetzt.“
„Und heute?“
„Kommt darauf an, wer zuerst postet.“
Im Oval Office präsentiert ein Berater inzwischen den neuesten Organisationsplan.
Er trägt den Titel:
"Projekt Sofortige Lösungen."
Punkt eins:
Entscheidung treffen.
Punkt zwei:
Erklärung veröffentlichen.
Punkt drei:
Nachsehen, ob sie erlaubt war.
Der Praktikant hebt vorsichtig die Hand.
„Sollten wir Punkt drei nicht vielleicht vor Punkt eins setzen?“
Betretenes Schweigen.
Danach wird beschlossen, den Praktikanten künftig ausschließlich für den Drucker zuständig zu machen.
Parallel dazu tagt die Arbeitsgruppe "Verfassungsfreundliche Überraschungen."
Ihre Sitzungen dauern grundsätzlich sehr kurz.
Nach zehn Minuten lautet das Ergebnis meistens:
„So einfach ist das leider nicht.“
Dieser Satz gilt inzwischen als natürliche Nemesis jeder Schnellentscheidung.
Auch Kevin Warsh dürfte die Debatte aufmerksam verfolgt haben.
Nicht unbedingt wegen persönlicher Betroffenheit.
Sondern weil in Washington inzwischen jeder weiß, dass Personalfragen gelegentlich länger diskutiert werden als Haushaltsgesetze.
Im Supreme Court nähert man sich der Entscheidung.
Die Richter beraten.
Sie wägen ab.
Sie diskutieren.
Sie zitieren Präzedenzfälle.
Im Weißen Haus versucht man derweil herauszufinden, ob man Präzedenzfälle möglicherweise durch besonders überzeugendes Auftreten ersetzen kann.
Die Antwort fällt überraschend eindeutig aus.
Nein.
Das Justizsystem besitzt leider keine Lautstärkeregelung.
Schließlich fällt die Entscheidung.
Im Weißen Haus ertönt kurz Alarm.
Nicht wegen der Entscheidung selbst.
Sondern weil plötzlich auffällt, dass der große rote Kündigungsknopf gar keine Verbindung zur Wirklichkeit besitzt.
Ein Techniker untersucht das Gerät.
„Funktioniert er?“
„Einwandfrei.“
„Warum passiert dann nichts?“
„Er ist nur mit der Kaffeemaschine verbunden.“
Donald Trump schaut überrascht.
„Das erklärt einiges.“
Seit Monaten wundern sich Mitarbeiter nämlich über den außergewöhnlich hohen Kaffeeverbrauch im West Wing.
Jede gescheiterte Kündigung produzierte offenbar automatisch einen Espresso.
Zum Schluss sitzt ein alter Hausmeister des Supreme Court allein im Gerichtshof.
Er fegt ruhig den Marmorboden.
Ein Besucher fragt:
„Wie schaffen Sie es eigentlich, hier immer so gelassen zu bleiben?“
Der Mann lächelt.
„Ganz einfach.“
„Warum?“
„Weil hier nicht der lauteste gewinnt.“
Er lehnt den Besen an die Wand.
„Sondern meistens der mit den besseren Argumenten.“
Im Weißen Haus wird unterdessen bereits an einer neuen Maschine gearbeitet.
Sie soll künftig nicht nur Kündigungen ausdrucken.
Sondern gleich automatisch prüfen, ob sie auch rechtmäßig sind.
Der Projektname steht bereits fest:
"Reality Check 1.0".
Insider behaupten allerdings, das Gerät sei noch nie erfolgreich gestartet worden.




