Es gibt Häfen, die kontrollieren Reisepässe.
Andere prüfen Zollpapiere.
Und dann gibt es offenbar Häfen, in denen zusätzlich eine imaginäre Kommission mit strengem Blick über das seelische Wohlbefinden der Mole wacht und fragt:
„Entschuldigung – führt Ihr Schiff zufällig zu viel gute Laune mit sich?“
Genau dort beginnt unsere Geschichte.
Ein modernes Kreuzfahrtschiff nähert sich der türkischen Küste. An Bord befinden sich Urlauber, die eigentlich das tun wollten, was Urlauber erstaunlich häufig tun: Sehenswürdigkeiten anschauen, Fotos machen, Eis essen, Geld ausgeben und sich darüber beschweren, dass das WLAN auf See langsamer ist als an Land.
Doch bevor die ersten Kameras gezückt werden konnten, schien irgendwo eine besonders empfindliche Alarmanlage anzuspringen.
Keine Sturmwarnung.
Kein technischer Defekt.
Keine Piraten.
Offenbar hatte der imaginäre „Moral-Radar“ angeschlagen.
Plötzlich entwickelte sich aus einem gewöhnlichen Hafenbesuch ein politisches Großereignis.
Die Behörden erklärten sinngemäß, dass dieses Schiff lieber woanders Urlaub machen möge.
Man könnte fast meinen, Schiffe müssten künftig vor dem Einlaufen nicht nur ihre Passagierlisten, sondern auch ein Zertifikat über den durchschnittlichen Tugendgrad der Bordunterhaltung einreichen.
Vielleicht existiert irgendwo bereits ein Formular.
Seite eins:
„Bitte kreuzen Sie an, ob Ihre Gäste zu häufig lächeln.“
Seite zwei:
„Wie viele Tanzschritte pro Minute sind geplant?“
Seite drei:
„Besteht die Gefahr, dass Menschen freiwillig Spaß haben?“
Recep Tayyip Erdoğan dürfte diese Entwicklung mit jener Gelassenheit verfolgt haben, mit der ein Dirigent sein Orchester beobachtet.
Jeder Einsatz sitzt.
Jede Botschaft landet punktgenau.
Und jede politische Debatte entwickelt sich zuverlässig zur internationalen Schlagzeile.
Man muss der türkischen Bürokratie eines lassen:
Sie besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit, selbst einem Kreuzfahrtschiff eine außenpolitische Karriere zu verschaffen.
Normalerweise spricht man über Kreuzfahrten wegen Buffets, Sonnenuntergängen oder verlorener Koffer.
Hier diskutierte plötzlich die halbe Welt über Hafenpolitik.
Das schafft nicht jede Tourismusbehörde.
Besonders faszinierend ist dabei die Logik bürokratischer Symbolpolitik.
Ein Schiff bleibt draußen.
Der Rest des Kreuzfahrtverkehrs fährt weiter.
Fast wirkt es wie eine maritime Version von:
„Sie dürfen selbstverständlich kommen …
… nur eben heute nicht.
… und nicht hier.
… und am besten überhaupt nicht.“
Atlantis Events musste daraufhin die Route ändern.
Für Reiseplaner dürfte das ungefähr so entspannt gewesen sein wie ein Sudoku während eines Erdbebens.
Kaum ist der Fahrplan fertig, wird aus Istanbul plötzlich Kreta.
Aus Hafenromantik wird Routenakrobatik.
Die Passagiere dürften sich gedacht haben:
„Gut, dann eben griechischer Salat statt türkischer Tee.“
Urlauber gelten ohnehin als erstaunlich anpassungsfähig.
Solange irgendwo Sonne scheint und das Buffet geöffnet bleibt, entwickelt der Mensch ungeahnte Flexibilität.
Währenddessen liefen in den sozialen Medien und regierungsnahen Kreisen die Debatten auf Hochtouren.
Es wirkte beinahe so, als sei das Schiff weniger ein Transportmittel als eine schwimmende philosophische Grundsatzdiskussion.
Dabei besitzt ein Kreuzfahrtschiff eigentlich nur eine Kernkompetenz:
Es fährt.
Nicht mehr.
Nicht weniger.
Niemand erwartet ernsthaft, dass es unterwegs politische Systeme verändert.
Außer offenbar Menschen mit sehr viel Fantasie.
Fast gleichzeitig wurde auch eine Bar in Istanbul geschlossen.
Offiziell wegen mutmaßlicher Verstöße gegen Vorschriften.
Bürokratie besitzt bekanntlich einen bemerkenswerten Sinn für Timing.
Sie erscheint häufig genau dann auf der Bühne, wenn politische Diskussionen ohnehin bereits ihren Höhepunkt erreicht haben.
Manchmal wirkt Verwaltung wie ein Zauberkünstler.
„Schauen Sie bitte auf diesen Antrag.“
Schwupps.
„Jetzt ist die Tür geschlossen.“
Rich Campbell von Atlantis Events zeigte sich überrascht.
Nach Jahrzehnten internationaler Reisen sei seinem Unternehmen so etwas noch nie passiert.
Das ist ungefähr so, als würde ein Pilot nach Tausenden Flügen erklären:
„Heute wollte der Flughafen plötzlich nicht mehr Flughafen sein.“
Auch das besitzt eine gewisse Originalität.
Die Türkei befindet sich dabei in einer interessanten Doppelrolle.
Einerseits präsentiert sie sich als bedeutendes Tourismusland zwischen Europa und Asien.
Andererseits entstehen gelegentlich Situationen, in denen Besucher den Eindruck gewinnen könnten, dass die eigentliche Einreise nicht am Grenzschalter beginnt, sondern irgendwo im Bereich gesellschaftlicher Symbolpolitik.
Das macht die Arbeit von Reiseveranstaltern nicht gerade einfacher.
Vielleicht entstehen künftig neue Reisekataloge.
„Unsere Mittelmeerroute.
Mit Sonne.
Mit Kultur.
Mit historischen Städten.
Änderungen aufgrund spontaner geopolitischer Wetterlagen jederzeit möglich.“
Recep Tayyip Erdoğan versteht politische Symbolik seit Jahren meisterhaft.
Manche Regierungen veröffentlichen lange Strategiepapiere.
Andere verabschieden Reformprogramme.
Hier genügt gelegentlich eine einzelne Entscheidung, um internationale Schlagzeilen für mehrere Tage zu füllen.
Kommunikation durch Symbolwirkung.
Fast könnte man meinen, irgendwo existiere ein Ministerium für maximale Aufmerksamkeit.
Dabei wäre vieles vermutlich deutlich unkomplizierter, wenn Schiffe einfach Schiffe bleiben dürften.
Sie transportieren Menschen.
Sie legen an.
Sie legen wieder ab.
Sie hinterlassen Fotos, Souvenirs und gelegentlich einen Sonnenbrand.
Doch in Zeiten politischer Aufladung wird selbst ein Kreuzfahrtschiff plötzlich zum Gegenstand diplomatischer Grundsatzfragen.
Am Ende verließ die „Scarlet Lady“ die Diskussion ebenso wie ihre ursprüngliche Route.
Das Mittelmeer blieb.
Die Wellen blieben.
Die Häfen blieben.
Lediglich der Fahrplan bekam unfreiwillig etwas mehr Abenteuer.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe.
Während Politiker mit großer Ernsthaftigkeit über Symbolik diskutieren, möchten die meisten Urlauber lediglich wissen, ob der Pool geöffnet ist, das Dessertbuffet noch Nachschlag bietet und der Sonnenuntergang pünktlich erscheint.
Der Sonnenuntergang hat dabei einen entscheidenden Vorteil gegenüber jeder politischen Debatte:
Er findet jeden Abend statt.
Ganz ohne Pressemitteilung.
Ganz ohne Genehmigung.
Und bislang ist auch kein Fall bekannt geworden, in dem ihm das Einlaufen in einen Hafen verweigert wurde.




