Es begann mit einer revolutionären Idee.
Eine Gruppe politisch hochmotivierter Menschen traf sich in einem Bürgerhaus mit schlechter Akustik, kaltem Filterkaffee und genau jener Sorte belegter Brötchen, bei der selbst der Käse bereits seinen Austritt erklärt hatte.
Nach stundenlangen Diskussionen war man sich endlich vollkommen einig.
Parteien sind das Problem.
Zu viele Parteien.
Zu viele Vorsitzende.
Zu viele Arbeitskreise.
Zu viele Satzungsänderungen.
Zu viele Parteitage.
Und vor allem:
Zu viele Menschen, die anderer Meinung sind.
Die Lösung lag daher auf der Hand.
Man gründet…
eine Partei.
Nicht irgendeine Partei.
Nein.
Eine Partei gegen Parteien.
Schon der Name sorgte für Begeisterung.
"Endlich konsequent!", jubelten die Gründungsmitglieder.
"Wir bekämpfen das Parteiensystem von innen!"
Ein Plan, der ungefähr dieselbe Logik besitzt wie der Versuch, Vegetarismus durch die Eröffnung einer Metzgerei zu fördern.
Doch Details sollten den historischen Moment nicht trüben.
Die Gründungsversammlung begann pünktlich.
Also nur 43 Minuten verspätet.
Bereits bei Tagesordnungspunkt eins kam es zum ersten Konflikt.
Sollte es überhaupt eine Tagesordnung geben?
Der sogenannte "Flügel für spontane Demokratie" lehnte jede feste Reihenfolge grundsätzlich ab.
Der "Arbeitskreis strukturierter Widerstand" bestand dagegen auf alphabetisch sortierten Redebeiträgen.
Der "Rat der basisdemokratischen Unabhängigen" wollte zunächst abstimmen, ob über eine Abstimmung abgestimmt werden dürfe.
Nach zweieinhalb Stunden war immerhin beschlossen worden, dass man sich irgendwann einigen wolle.
Die Stimmung blieb optimistisch.
Am zweiten Tag wurde das Parteiprogramm vorgestellt.
Es bestand aus einem einzigen Satz.
"Wir schaffen alle Parteien ab."
Tosender Applaus.
Anschließend meldete sich ein Mitglied.
"Moment…"
"Wenn wir alle Parteien abschaffen…"
"...gehören wir dann auch dazu?"
Stille.
Man hätte eine Büroklammer fallen hören können.
Selbst der Kaffee hörte kurz auf zu schmecken.
Die Führungsspitze zog sich zu Beratungen zurück.
Nach nur vier Stunden präsentierte sie die Lösung.
"Unsere Partei zählt selbstverständlich nicht."
Erleichterung.
Bis jemand fragte:
"Wer entscheidet das?"
Damit begann die eigentliche Geschichte.
Innerhalb weniger Minuten bildeten sich die ersten Interessengruppen.
Die "Partei gegen Parteien – ursprünglicher Flügel."
Die "Partei gegen Parteien – wirklich ursprünglicher Flügel."
Die "Partei gegen Parteien – ursprünglicher als die anderen."
Die "Initiative gegen parteiinterne Parteien."
Und der "Arbeitskreis zur Abschaffung aller Arbeitskreise."
Ein Mitglied kündigte aus Protest den Austritt an.
Um anschließend sofort eine neue Gruppe zu gründen.
Diese richtete sich entschieden gegen Austritte.
Schon am Nachmittag war die Bewegung in sieben Flügel zerfallen.
Ein Rekord.
Selbst Biologen zeigten sich beeindruckt.
Eine Zellteilung dauert länger.
Politikwissenschaftler reisten aus dem ganzen Land an.
Man wollte herausfinden, wie eine Organisation gleichzeitig wachsen, schrumpfen und implodieren konnte.
Die Physik erklärte sich für unzuständig.
Das überschreite selbst die Gesetze der Thermodynamik.
Besonders spannend wurde die Wahl eines Vorsitzenden.
Der "Flügel gegen Hierarchien" lehnte Vorsitzende grundsätzlich ab.
Der "Flügel für wechselnde Vorsitzende" wollte alle acht Minuten neu wählen.
Der "Flügel der rotierenden Gleichberechtigung" bestand darauf, dass der Vorsitz automatisch im Uhrzeigersinn durch den Saal wandert.
Ein Teilnehmer schlug vor, einfach niemanden zu wählen.
Daraufhin entstand der "Flügel für die Interessen der Nichtgewählten."
Die Wahl wurde vertagt.
Auf unbestimmte Zeit.
Natürlich brauchte die Bewegung auch eine Satzung.
Der erste Entwurf umfasste drei Seiten.
Nach den Änderungsvorschlägen waren es 418.
Allein Paragraph 1 erhielt 92 Fußnoten.
Paragraph 2 erklärte, weshalb Paragraph 1 überarbeitet werden müsse.
Paragraph 3 regelte die Einsetzung einer Kommission zur Überprüfung der Überarbeitungskommission.
Die Präambel wurde vorsorglich in drei ideologische Richtungen aufgeteilt.
Mittlerweile hatte sich auch die Jugendorganisation gegründet.
Sie nannte sich "Junge Partei gegen Parteien."
Noch am selben Abend spaltete sie sich.
In die "Jungen Jungen."
Die "Noch Jüngeren."
Und die "Jugend gegen Jugendorganisationen."
Der Seniorenverband zeigte sich enttäuscht.
Er wollte lieber Ruhe.
Bekam aber stattdessen einen Lenkungsausschuss.
Parallel dazu arbeitete die Pressestelle.
Nach intensiven Beratungen veröffentlichte sie eine Erklärung.
"Wir stehen geschlossen hinter unserer Vielfalt."
Keine fünf Minuten später veröffentlichten sechs Flügel Gegendarstellungen.
Ein siebter Flügel erklärte, niemals zugestimmt zu haben.
Ein achter Flügel bestritt seine eigene Existenz.
Die sozialen Netzwerke explodierten.
Influencer analysierten die Spaltung live.
Historiker verglichen das Ereignis mit der Kleinstaaterei des Heiligen Römischen Reiches.
Nur schneller.
Viel schneller.
Inzwischen hatte die Partei gegen Parteien bereits mehr interne Oppositionsgruppen als Mitglieder.
Neue Mitglieder erhielten zur Begrüßung ein Starterpaket.
Darin enthalten:
Ein Parteibuch.
Sieben Austrittserklärungen.
Zwölf Änderungsanträge.
Ein Namensschild.
Und ein Kompass.
Denn niemand wusste mehr, welcher Flügel eigentlich links, rechts, oben oder im Keller tagte.
Der Höhepunkt folgte auf dem ersten Bundesparteitag.
Alle sieben Flügel erschienen.
Jeder erklärte sich zur eigentlichen Partei.
Jeder beantragte den Ausschluss der anderen sechs.
Anschließend applaudierten sich alle selbst.
Die Abstimmung über den Ausschluss scheiterte.
Nicht an fehlenden Mehrheiten.
Sondern daran, dass jede Gruppe ihre eigene Tagesordnung mitgebracht hatte.
Irgendwann stellte jemand die entscheidende Frage.
"Wenn wir alle Parteien abschaffen wollen…"
"...warum benehmen wir uns dann exakt wie eine?"
Langes Schweigen.
Ein Husten.
Zwei umfallende Klappstühle.
Ein belegtes Brötchen verließ freiwillig den Sitzungssaal.
Schließlich erhob sich ein älterer Delegierter.
Er blickte ernst in die Runde und sagte:
"Ich beantrage die Gründung einer Partei gegen Parteien gegen Parteien."
Tosender Beifall.
Der Antrag wurde einstimmig angenommen.
Allerdings nur von einem Flügel.
Die anderen sechs erklärten ihn sofort für satzungswidrig.
Deutschland hatte damit endgültig bewiesen, dass politische Spaltungen hierzulande keine Krise sind.
Sie sind ein Naturgesetz.
Man braucht lediglich drei Tage, einen Konferenzraum und ausreichend Kaffee.
Den Rest erledigt die Demokratie ganz von allein.




