Die Organisatoren des diesjährigen Weltwirtschaftsgipfels wollten endlich einmal frischen Wind in die internationale Politik bringen.
Nach Jahrzehnten mit endlosen Konferenzräumen, identischen Gruppenfotos und Arbeitsessen, bei denen grundsätzlich über Klimaschutz gesprochen wird, während gleichzeitig dreißig Limousinen im Leerlauf laufen, entschied man sich für ein völlig neues Konzept.
Der Gipfel findet erstmals in einem Escape Room statt.
Die Idee klang genial.
„Wenn die Staats- und Regierungschefs gemeinsam aus einem verschlossenen Raum herausfinden“, erklärte der Veranstalter voller Optimismus, „dann schaffen sie das vielleicht irgendwann auch mit den Problemen der Welt.“
Bereits nach fünf Minuten zeigte sich jedoch, dass zwischen Theorie und internationaler Politik ungefähr dieselbe Entfernung liegt wie zwischen einem Haushaltsplan und seiner tatsächlichen Umsetzung.
Schon beim Betreten des Raumes begann die erste Debatte.
Wer übernimmt den Vorsitz der Schlüsselsuche?
Wer leitet die Arbeitsgruppe „Türklinke“?
Wer ist zuständig für den Notizzettel hinter der Zimmerpflanze?
Und weshalb wurde hierfür noch kein Gipfel vorbereitet?
Innerhalb weniger Minuten bildeten sich acht Unterausschüsse, drei Lenkungsgruppen und eine hochrangige Taskforce für die strategische Bewertung verdächtig aussehender Schubladen.
Die Betreiber des Escape Rooms hatten insgesamt zwölf Rätsel vorbereitet.
Die Delegationen entwickelten daraus 486 Tagesordnungspunkte.
Ein großer Umschlag mit der Aufschrift „Erster Hinweis“ lag gut sichtbar auf dem Tisch.
Niemand öffnete ihn.
Man wollte zunächst eine Machbarkeitsstudie über mögliche Auswirkungen des Öffnens erstellen.
Nach vier Stunden wurde eine Expertenkommission eingesetzt.
Sie sollte prüfen, ob Umschläge grundsätzlich geöffnet werden dürfen oder ob zunächst ein multilateraler Konsens erforderlich sei.
Währenddessen fand der Hausmeister den ersten Schlüssel.
Er gab ihn versehentlich an den Catering-Service weiter.
Besonders spannend entwickelte sich die Finanzierungsfrage.
Denn bereits das erste Rätsel lautete:
„Zum Öffnen dieser Tür benötigen Sie einen goldenen Schlüssel.“
Sofort schlug ein Finanzminister vor:
„Vielleicht schaffen wir einfach ein Sondervermögen für Schlüssel.“
Zustimmendes Nicken.
Ein anderer ergänzte:
„Zur Sicherheit noch eines für Ersatzschlüssel.“
Wenig später entstand das Sondervermögen Schlüsselinfrastruktur.
Volumen:
127 Milliarden.
Verwendungszweck:
Noch unklar.
Aber das klingt in Pressemitteilungen erfahrungsgemäß sehr beruhigend.
Kaum war dieser Beschluss gefasst, entdeckte jemand einen zweiten Hinweis.
Darauf stand:
„Den Schlüssel finden Sie unter dem Teppich.“
Die Diskussion dauerte bis in den Abend.
Sollte zunächst ein Teppichbeauftragter bestellt werden?
Müsste der Teppich europaweit ausgeschrieben werden?
Und wer übernimmt die politische Verantwortung, falls sich tatsächlich ein Schlüssel darunter befindet?
Schließlich gründete man den Internationalen Rat für Bodenbeläge.
Der Schlüssel blieb vorerst liegen.
Auch die Wirtschaftsexperten wollten ihren Beitrag leisten.
Sie entwickelten ein neues Wachstumsmodell.
Der Ausgang werde nicht gesucht.
Er werde durch Investitionen motiviert, freiwillig näherzukommen.
Dazu brauche es selbstverständlich ein weiteres Sondervermögen.
Diesmal für Türvertrauen.
Die Zentralbank versprach unterdessen, genügend symbolische Schlüssel bereitzustellen.
Ob sie passen, werde der Markt entscheiden.
Die Vertreter großer Industrienationen entdeckten schließlich eine verschlossene Holzkiste.
Aufschrift:
„Bitte gemeinsam öffnen.“
Sofort begann die schwierigste Verhandlung des gesamten Gipfels.
Wer darf zuerst anfassen?
Wie viele Hände gelten als gemeinsam?
Muss das Verhältnis Nordhalbkugel zu Südhalbkugel berücksichtigt werden?
Kann ein Beobachterland stellvertretend mitziehen?
Nach sechs Stunden war man sich einig.
Die Kiste blieb ungeöffnet.
Immerhin herrschte Konsens.
Inzwischen hatten die kleineren Staaten den eigentlichen Escape Room längst verstanden.
Sie suchten einfach weiter.
Leider mussten sie regelmäßig warten, weil gerade eine Pressekonferenz den Zugang zur nächsten Tür blockierte.
Journalisten fragten im Minutentakt:
„Wie weit sind die Verhandlungen?“
Die Antwort lautete jedes Mal:
„Konstruktiv.“
Niemand wusste genau, was das bedeutete.
Aber offenbar klang es professionell.
Nach zwei Tagen meldete sich schließlich ein Reinigungskraft zu Wort.
„Haben Sie schon einmal versucht, einfach an der Klinke zu drücken?“
Betretenes Schweigen.
Alle blickten zur Tür.
Tatsächlich bewegte sich die Klinke.
Allerdings nur einen Zentimeter.
Denn inzwischen hatte jemand aus Sicherheitsgründen zusätzlich abgeschlossen.
Ein Sicherheitsberater erklärte, das erhöhe die Resilienz.
Nun begann Phase zwei.
Ein internationales Schlossgutachten.
Kostenpunkt:
Drei Sondervermögen.
Laufzeit:
Bis 2041.
Parallel entwickelte die KI des Gipfels 17.000 Lösungsvorschläge.
Der erste lautete:
„Benutzen Sie den Schlüssel.“
Der Vorschlag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt.
Er sei politisch nicht ausreichend abgestimmt.
Am dritten Gipfeltag bemerkte schließlich ein Praktikant einen kleinen roten Knopf neben der Tür.
Darunter stand:
„Notausgang.“
Er streckte vorsichtig die Hand aus.
Sofort riefen mehrere Delegationen gleichzeitig:
„Nicht anfassen! Dafür gibt es noch kein gemeinsames Abschlusskommuniqué!“
Also wurde zunächst ein Arbeitskreis gegründet.
Titel:
„Perspektiven einer nachhaltigen Notausgangsnutzung unter besonderer Berücksichtigung multilateraler Entscheidungsprozesse.“
Die Abschlussdokumentation umfasst 2.800 Seiten.
Der rote Knopf blieb unberührt.
Zum Ende des Gipfels veröffentlichten die Teilnehmer eine gemeinsame Erklärung.
Man habe erhebliche Fortschritte erzielt.
Die Zusammenarbeit sei intensiver geworden.
Die Tür sei zwar weiterhin geschlossen.
Dafür existierten nun fünf neue Strategiepapiere, zwölf Absichtserklärungen und vier Sondervermögen.
Der Escape Room selbst erhielt anschließend den Friedenspreis der internationalen Veranstaltungsbranche.
Er war der erste Ort der Welt, an dem sämtliche Teilnehmer freiwillig eingesperrt blieben, obwohl der Ausgang die ganze Zeit ungefähr zwei Meter entfernt lag.
Und irgendwo hängt bis heute ein Schild.
„Bitte drücken.“
Es gilt inzwischen als das am längsten ungeprüfte Reformprojekt der Weltgeschichte.




