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POLITIK

Kreml eröffnet das Ministerium für professionelle Ausreden

admin · 29.06.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: Kreml eröffnet das Ministerium für Ausreden
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Es gibt Regierungen, die lösen Probleme.

Es gibt Regierungen, die verwalten Probleme.

Und dann gibt es jene, die ein Problem so lange erklären, bis es sich freiwillig in eine Erfolgsmeldung verwandeln soll.

In Moskau wurde diese Kunst inzwischen zur Hochkultur erhoben. Würde sie olympisch werden, müsste man den Medaillenspiegel vermutlich umbenennen.

Im Kreml herrscht geschäftiges Treiben. Nicht etwa wegen neuer Strategien oder überraschender Lösungen. Nein, die wahre Höchstleistung besteht inzwischen darin, für jedes Missgeschick den passenden Schuldigen zu finden. Dafür soll inzwischen eigens das Ministerium für professionelle Ausreden gegründet worden sein – ein Gebäude mit tausend Büros, aber ohne einzigen Spiegel.

An der Spitze steht selbstverständlich Wladimir Putin, der bei jeder Lagebesprechung dieselbe entscheidende Frage stellt:

„Wer war's diesmal?“

Kaum hebt jemand zaghaft die Hand und möchte auf eine eigene Entscheidung hinweisen, ertönt bereits die Sirene.

„Falsche Abteilung! Eigenverantwortung befindet sich seit Jahren im Archiv!“

Dort soll sie zuletzt im Jahr 2021 gesichtet worden sein.

Seitdem gilt sie offiziell als verschollen.

Stattdessen arbeitet eine Armee aus Pressesprechern, Strategieberatern und professionellen Erklärungskünstlern rund um die Uhr an immer neuen Formulierungen.

Ein Generator produziert inzwischen automatisch passende Pressemitteilungen.

Knopf A:

„Historischer Erfolg.“

Knopf B:

„Alles läuft exakt nach Plan.“

Knopf C:

„Der Westen ist schuld.“

Der dritte Knopf weist inzwischen deutliche Gebrauchsspuren auf.

Er wird ungefähr alle vier Minuten gedrückt.

Mittlerweile so häufig, dass die Tastatur regelmäßig ausgetauscht werden muss.

Bei der letzten Lieferung fragte der Hersteller vorsichtig, ob vielleicht ein Softwarefehler vorliege.

„Nein“, antwortete der Kreml.

„Das ist unser Geschäftsmodell.“

Auch die Wettervorhersage folgt inzwischen der offiziellen Kommunikationslinie.

Starker Regen?

Westliche Wolkenmanipulation.

Trockenheit?

Sanktionsbedingter Feuchtigkeitsmangel.

Schnee?

Psychologische Kriegsführung.

Sonnenschein?

Ein russischer Erfolg gegen internationale Wetterprovokationen.

Selbst die Jahreszeiten sollen mittlerweile unter Generalverdacht stehen.

Der Herbst gilt als besonders verdächtig, weil ständig Blätter fallen.

Wer wirft sie herunter?

Die Ermittlungen laufen.

Im Kreml soll es inzwischen eine riesige digitale Anzeigetafel geben.

Darauf werden täglich neue Schuldige eingetragen.

Heute:

Europa.

Morgen:

Die NATO.

Übermorgen:

Unsichtbare Eliten.

Donnerstag:

Internationale Eichhörnchen.

Freitag:

Noch unbekannt.

Die Eichhörnchen protestierten bereits energisch.

Man habe lediglich Nüsse gesammelt und keinerlei geopolitische Ambitionen verfolgt.

Der Kreml kündigte daraufhin eine Untersuchung gegen besonders verdächtig buschige Schwänze an.

Währenddessen entwickelt die Kommunikationsabteilung erstaunliche Fähigkeiten.

Was anderswo Explosion heißt, nennt man dort spontane Geländeoptimierung.

Rückschläge werden zu taktischen Fortschritten.

Probleme heißen Entwicklungschancen.

Verluste gelten als freiwillige Reduzierung logistischer Komplexität.

Irgendwann wird vermutlich sogar Stromausfall als besonders energiesparende Innovation verkauft.

Journalisten staunen regelmäßig über diese sprachliche Akrobatik.

Ein Reporter fragte einmal vorsichtig:

„Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?“

Die Antwort dauerte zweieinhalb Stunden.

Danach wusste niemand mehr, welche Frage ursprünglich gestellt worden war.

Selbst der Dolmetscher beantragte Urlaub.

Besonders beeindruckend arbeitet inzwischen die Abteilung für historische Vergleiche.

Jeder Tag beginnt dort mit derselben Besprechung.

„Welche Geschichte erzählen wir heute?“

Ein Mitarbeiter schlägt Optimismus vor.

Ein anderer Patriotismus.

Ein dritter schlägt vor, einfach alle Wörter durch „historisch“, „beispiellos“ und „strategisch“ zu ersetzen.

Der Vorschlag erhält einstimmigen Applaus.

Im Konferenzraum hängen Motivationsplakate.

„Wenn die Realität nicht passt, ändere die Überschrift.“

„Jede Krise verdient mindestens drei Schuldige.“

„Eigenkritik kostet nur wertvolle Redezeit.“

Sogar die Kaffeemaschine beteiligt sich inzwischen am politischen Alltag.

Als sie eines Morgens streikte, wurde sofort eine Sonderkommission eingesetzt.

Nach stundenlangen Beratungen stand das Ergebnis fest.

Die Maschine sei eindeutig Opfer westlicher Kaffeebohnen-Sabotage geworden.

Dass schlicht vergessen wurde, Wasser nachzufüllen, galt als feindliche Desinformation.

Auch die wirtschaftlichen Herausforderungen erhalten regelmäßig neue Namen.

Inflation heißt patriotische Preisentwicklung.

Lieferprobleme werden als freiwillige Entschleunigung der Logistik beschrieben.

Sinkende Kaufkraft gilt als Ausdruck nationaler Bescheidenheit.

Wer weniger kaufen kann, unterstützt schließlich automatisch den Umweltschutz.

Nach dieser Logik müsste der Klimapreis bereits unterwegs sein.

Besonders spektakulär ist die Arbeit der neuen Abteilung für Siegesmeldungen.

Sie veröffentlicht grundsätzlich Erfolgsmeldungen, bevor überhaupt geprüft wurde, ob es etwas zu feiern gibt.

Morgens erscheint:

„Historischer Erfolg!“

Nachmittags:

„Noch größerer historischer Erfolg!“

Abends:

„Der historische Erfolg war sogar größer als ursprünglich historisch angenommen.“

Zwischendurch wird vorsorglich erklärt, dass sämtliche gegenteiligen Informationen ausschließlich der Verunsicherung dienten.

Inzwischen beschäftigt der Kreml angeblich sogar Spezialisten für spontane Ausreden.

Sie tragen kleine Notizblöcke bei sich.

Fällt irgendwo ein Blumentopf um, beginnt sofort hektisches Schreiben.

„Wind?“

„Nein.“

„Katze?“

„Zu glaubwürdig.“

„Westliche Hybrid-Blumenkriegführung?“

„Perfekt.“

Ab in die Pressemitteilung.

Selbst russische Tauben geraten langsam unter Verdacht.

Weil sie gelegentlich die Flugrichtung ändern, prüft man ihre mögliche Zusammenarbeit mit internationalen Navigationssystemen.

Ein besonders mutiger Beamter schlug vor, die Tauben einfach in Ruhe zu lassen.

Seitdem arbeitet er vermutlich in der Abteilung für Schneeschaufeln in Sibirien.

Das eigentliche Wunder besteht jedoch darin, dass diese gigantische Erklärungsmaschine niemals müde wird.

Für jedes neue Problem existiert bereits eine neue Geschichte.

Für jede unbequeme Frage eine längere Antwort.

Und für jede Antwort ein noch längerer Applaus.

Sollte eines Tages tatsächlich alles perfekt laufen, dürfte im Kreml kurzfristig Panik ausbrechen.

Wovon sollte man dann noch ablenken?

Wem könnte man die Schuld geben?

Welche Pressekonferenz müsste man erklären?

Vermutlich würde sofort ein Krisenstab zusammentreten.

Nach stundenlangen Beratungen käme schließlich die beruhigende Meldung:

„Keine Sorge. Es wurde bereits ein neues Problem gefunden.“

Der Westen.

Natürlich.

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