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POLITIK

Kreml präsentiert Version 2.0 der Wirklichkeit – Das große Wörter-Update

admin · 06.07.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: Wenn Wörter plötzlich Karriere im Kreml machen
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Es gibt Wörter, die kommen und gehen.

"Selfie."

"Influencer."

"Klimakleber."

Und dann gibt es Wörter, die anscheinend erst einen Termin im Kreml benötigen, bevor sie offiziell verwendet werden dürfen.

Über mehrere Jahre entwickelte sich dort eine bemerkenswerte Disziplin: das sprachliche Kunstturnen. Während überall auf der Welt ein bestimmter Begriff benutzt wurde, wirkte es in Moskau, als hätte jemand sämtliche Wörterbücher mit einem dicken schwarzen Filzstift bearbeitet.

Das Ergebnis war beeindruckend.

Aus einem Elefanten wurde sprachlich ein Hamster.

Aus einem Orkan ein leichter Luftzug.

Und aus einem Krieg eine Formulierung, die ungefähr so dramatisch klang wie ein Sonderangebot für Gartengeräte.

Doch nun scheint selbst die Sprachabteilung des Kremls beschlossen zu haben, dass man Wörter nicht unbegrenzt in den Keller sperren kann.

Dmitri Peskow trat vor die Kameras und erklärte sinngemäß, dass inzwischen eben Krieg herrsche.

Sprachforscher bekamen Schnappatmung.

Lexikonverlage öffneten vorsorglich den Sekt.

Und irgendwo fiel vermutlich ein Handbuch mit dem Titel "Offizielle Formulierungen – Ausgabe 2022" geräuschvoll in den Papierkorb.

Man stelle sich die interne Besprechung vor.

Ein langer Konferenztisch.

Dreißig Berater.

Vierzig Aktenordner.

Sieben PowerPoint-Präsentationen.

Ganz hinten sitzt der Praktikant.

Der Vorsitzende räuspert sich.

"Kolleginnen und Kollegen, wir müssen über das K-Wort sprechen."

Alle schauen nervös auf den Tisch.

Niemand wagt es, den Begriff auszusprechen.

Ein Berater meldet sich vorsichtig.

"Meinen Sie... Kaffeemaschine?"

Der Vorsitzende schüttelt den Kopf.

"Nein."

"Noch schwieriger?"

"Ja."

Betretenes Schweigen.

Schließlich hebt jemand zaghaft die Hand.

"Kr..."

Der Rest bleibt im Hals stecken.

Ein Mitarbeiter kippt vor Schreck seinen Tee um.

Ein anderer beantragt vorsorglich eine Pause.

Nach zwei Stunden Diskussion fasst die Arbeitsgruppe einen historischen Beschluss:

"Wir benutzen jetzt einfach das Wort, das ohnehin jeder kennt."

Erleichterung macht sich breit.

Die Sprachabteilung bestellt Pizza.

Dmitri Peskow begründet den geänderten Sprachgebrauch mit der Unterstützung westlicher Staaten für die Ukraine.

Berlin, Paris, Den Haag, Oslo und Washington tauchen plötzlich in einer Erklärung auf wie Teilnehmer einer internationalen Konferenz mit dem Titel:

"Wer bekommt heute die Schuld?"

Man könnte fast glauben, geopolitische Kommunikation funktioniere inzwischen ähnlich wie Familienfeiern.

Wenn der Kuchen umfällt, war selbstverständlich der Cousin schuld.

Oder die Nachbarn.

Oder das Wetter.

Nur niemals derjenige, der den Tisch schief aufgebaut hat.

Währenddessen zeigt sich die Realität von ihrer gewohnt störrischen Seite.

Sie besitzt eine ausgesprochen unangenehme Eigenschaft:

Sie liest keine Pressemitteilungen.

Tankstellen interessieren sich erstaunlich wenig für Formulierungen.

Zapfsäulen reagieren selten emotional.

Ein leerer Tank bleibt leer – ganz gleich, wie kreativ man ihn beschreibt.

Auch Stromnetze gelten als ausgesprochen sprachresistent.

Sie schalten sich nicht automatisch wieder ein, nur weil ein Begriff geändert wurde.

Kommunikationsberater dürften darüber nicht besonders glücklich sein.

Dabei wäre eine Welt, in der Worte alles lösen, ausgesprochen praktisch.

Der Zahnarzt sagt einfach:

"Das Loch ist jetzt eine zahntechnische Sondervertiefung."

Schon verschwunden.

Der Vermieter erklärt:

"Der Wasserschaden ist lediglich eine feuchtigkeitsbegleitete Wohnraumerfahrung."

Alles trocken.

Der Bäcker verkauft leere Regale als "brotfreie Genusszone".

Niemand beschwert sich.

Leider arbeitet die Wirklichkeit nicht nach diesem Prinzip.

Sie besitzt die schlechte Angewohnheit, sich regelmäßig mit den Fakten abzugleichen.

Währenddessen entwickeln sich die täglichen Pressebesprechungen vermutlich zu einer Art sprachlichem Escape Room.

Journalisten versuchen herauszufinden, welche Begriffe heute gelten.

Pressesprecher versuchen herauszufinden, welche gestern noch galten.

Am Ende wissen beide Seiten ungefähr gleich viel.

Nicht besonders viel.

Aber immerhin mit professioneller Miene.

Wladimir Putin dürfte derweil feststellen, dass Kommunikation zwar ein wichtiges politisches Instrument ist, Ereignisse sich jedoch nicht dauerhaft durch Wortwahl steuern lassen.

Begriffe können Debatten prägen.

Sie können Schlagzeilen beeinflussen.

Sie können Diskussionen auslösen.

Sie ersetzen allerdings weder funktionierende Infrastruktur noch lösen sie die Folgen militärischer Auseinandersetzungen.

Die eigentliche Höchstleistung vollbringen ohnehin die Wörter selbst.

Sie sitzen vermutlich jeden Abend gemeinsam in einem riesigen Wörterbuch.

"Na, Krieg – wie war dein Tag?"

"Anstrengend."

"Wieso?"

"Erst durfte ich jahrelang nicht raus."

"Und jetzt?"

"Jetzt soll ich plötzlich Überstunden machen."

Das Wörterbuch klappt müde zu.

Der Duden seufzt.

Ein Synonym schläft ein.

Und irgendwo gründet ein Ministerium bereits einen Arbeitskreis für semantische Krisenbewältigung.

Die erste Sitzung endet nach sechs Stunden.

Ergebnis:

Man wird sich später noch einmal zusammensetzen.

Mit neuen Begriffen.

Und selbstverständlich einer überarbeiteten Formulierung der bisherigen Formulierung.

Bis dahin bleibt eines sicher:

Man kann Wörter austauschen.

Man kann Überschriften ändern.

Man kann Pressemitteilungen neu schreiben.

Doch die Realität besitzt einen ausgesprochen hartnäckigen Charakter.

Sie erscheint regelmäßig unangemeldet zur Besprechung und verlangt keinen Dolmetscher.

Das macht sie für jede Kommunikationsstrategie zum vielleicht unbequemsten Teilnehmer am Tisch.

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