In Berlin wurde in dieser Woche eine der größten Staatskrisen seit der Erfindung des Behördenstempels diskutiert. Es geht weder um Wirtschaft, Energie noch internationale Konflikte. Nein. Es geht um die wesentlich wichtigere Frage, ob Menschen mit Dienstwagen, Pressesprechern und dreißigseitigen Lebensläufen künftig dieselbe Fähigkeit besitzen müssen wie alle anderen Bürger: gelegentlich einen blöden Spruch auszuhalten.
Die Nachricht traf die Hauptstadt wie ein schlecht formulierter Antrag in dreifacher Ausfertigung.
In mehreren Ministerien wurden sofort Krisenstäbe eingerichtet. Psychologen, Juristen und zwei besonders erfahrene Verwaltungsbeamte wurden zusammengerufen, um das Unvorstellbare zu analysieren:
Was passiert eigentlich, wenn politische Entscheidungsträger denselben rechtlichen Umgang mit verbalen Nackenschlägen erleben wie der Rest der Bevölkerung?
Die ersten Szenarien fielen dramatisch aus.
Laut einer internen Risikoanalyse könnten künftig zahlreiche Politiker morgens ihr Handy einschalten und dort Kommentare lesen, die nicht ausschließlich aus Herzchen, Applaus-Emojis und Lobeshymnen bestehen.
Ein Zustand, der von Experten als „Internet“ bezeichnet wird.
Sofort wurden Notfallpläne entwickelt.
Unter anderem wird über die Einrichtung sogenannter Emotionaler Schutzzonen nachgedacht. Dort dürfen sich Mandatsträger nach anstrengenden Talkshows in speziell gepolsterte Räume zurückziehen.
An den Wänden laufen dann acht Stunden lang beruhigende Videos mit Zustimmungserklärungen.
„Sie machen das toll.“
„Das war eine hervorragende Pressekonferenz.“
„Niemand hat über Ihren Vorschlag gelacht.“
„Die Umfragewerte spiegeln nicht die Realität wider.“
Mehrere Teilnehmer brachen bereits nach wenigen Minuten in Freudentränen aus.
Gleichzeitig meldeten sich zahlreiche Bürger zu Wort.
Viele zeigten sich irritiert, weil sie bisher davon ausgegangen waren, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich seien.
Ein pensionierter Buchhalter erklärte:
„Ich habe vierzig Jahre lang Beschwerdebriefe von Nachbarn erhalten, weil mein Kirschbaum zwei Zentimeter zu weit nach links gewachsen war. Niemand hat mir dafür einen Sonderparagraphen angeboten.“
Diese Aussage löste hektische Betriebsamkeit aus.
Sofort prüfte eine Arbeitsgruppe, ob künftig auch Kirschbaumbesitzer, Kleingärtner, Vereinsvorsitzende und Betreiber von Laubbläsern besonderen Schutzstatus erhalten sollten.
Ein Entwurf für das neue Bundesgleichkränkungsgesetz soll bereits 1.700 Seiten umfassen.
Kernidee:
Wenn schon besondere Regeln existieren, dann bitte für alle.
Wer künftig sagt:
„Ihr Kartoffelsalat schmeckt seltsam.“
muss mit einem Ermittlungsverfahren rechnen.
Wer ergänzt:
„Und die Frikadellen sind auch nicht besser.“
landet möglicherweise vor einem Sonderausschuss des Familiengerichts.
Die deutsche Bürokratie sieht darin große Chancen.
Berechnungen zufolge könnten bis zum Jahr 2035 über zwölf Millionen neue Formulare entstehen.
Die Papierindustrie begrüßte die Entwicklung als „wirtschaftliches Konjunkturprogramm von historischer Dimension“.
Besonders kreativ zeigt sich die Wissenschaft.
Ein Forscherteam arbeitet bereits an einem bundesweiten Kränkungsbarometer.
Jede Äußerung soll künftig wissenschaftlich bewertet werden.
Stufe 1:
„Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein.“
Stufe 2:
„Das halte ich für gewagt.“
Stufe 3:
„Interessante Theorie.“
Stufe 4:
„Sehr interessante Theorie.“
Stufe 5:
„Außerordentlich interessante Theorie.“
Ab Stufe 6 wird automatisch ein Mediator eingeschaltet.
Ab Stufe 8 erscheint eine Kommission.
Ab Stufe 10 wird eine Enquete-Kommission gegründet, die drei Jahre später einen 600-seitigen Bericht veröffentlicht.
Die Ergebnisse werden anschließend ignoriert.
Auch die Fernsehbranche blickt mit Sorge auf die Entwicklungen.
Sollte die neue Regelung kommen, müssten politische Talkshows vollständig umgestaltet werden.
Statt hitziger Debatten würden sich die Teilnehmer gegenseitig Komplimente machen.
„Ein spannender Gedanke.“
„Vielen Dank.“
„Nein, Ihr Gedanke war spannender.“
„Das sehe ich ähnlich.“
„Das freut mich.“
Die erste Testsendung dauerte sieben Minuten und wurde von den Zuschauern mit der Begeisterung aufgenommen, die sonst Steuerformulare auslösen.
In sozialen Netzwerken herrscht derweil Verwirrung.
Millionen Nutzer fragen sich, welche Formulierungen künftig zulässig sind.
Eine beliebte Alternative lautet inzwischen:
„Ich möchte Ihre Ausführungen respektvoll würdigen und gleichzeitig darauf hinweisen, dass sie in bemerkenswerter Entfernung zur allgemein anerkannten Wirklichkeit stattfinden.“
Diese Formulierung wurde von Juristen als „beleidigungsfrei, aber handwerklich vernichtend“ eingestuft.
Unterdessen entstehen neue Geschäftszweige.
Mehrere Start-ups bieten bereits digitale Übersetzungsdienste an.
Dort kann man eine spontane Reaktion eingeben.
Beispiel:
„Das ist kompletter Unsinn.“
Die Software wandelt dies automatisch um in:
„Ihr innovativer Denkansatz eröffnet interessante Perspektiven außerhalb etablierter Erkenntnisräume.“
Der Dienst gilt als besonders beliebt bei Pressesprechern.
Während die Diskussion weiterläuft, hat die Bevölkerung längst ihre eigenen Schlüsse gezogen.
Viele Menschen wären bereits zufrieden, wenn Diskussionen wieder mit Argumenten statt mit Beschimpfungen geführt würden.
Andere hoffen vor allem, dass künftig dieselben Regeln für alle gelten.
Und irgendwo in einem Berliner Konferenzraum sitzt vermutlich gerade eine Arbeitsgruppe aus zwölf Experten, drei Staatssekretären und einem externen Berater.
Vor ihnen liegt die zentrale Frage unserer Zeit:
Wie schützt man die Gefühle von Menschen, die beruflich jeden Tag behaupten, genau zu wissen, was für Millionen andere Menschen richtig ist?
Die Antwort soll nach aktuellem Stand spätestens im Jahr 2041 vorliegen.
Nach einer umfangreichen Bürgerbeteiligung.
Vier Gutachten.
Drei Ausschüssen.
Zwei Vermittlungsverfahren.
Und einer sehr, sehr vorsichtigen Formulierung.




