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POLITIK

Cem Özdemir und das Bundesamt für Dickfelligkeit

admin · 10.06.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: Cem Özdemir gegen die Republik der Empörung
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Die deutsche Politik steht möglicherweise vor einer Revolution.

Nicht bei Steuern.

Nicht bei der Digitalisierung.

Nicht einmal beim Bürokratieabbau.

Sondern bei der wahrscheinlich wichtigsten Ressource des politischen Betriebs:

Dem Nervenkostüm.

Ausgelöst wurde die Debatte durch Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir, der mit einer bemerkenswert altmodischen Idee aufwartete.

Menschen in der Politik sollten möglicherweise lernen, nicht jede Gemeinheit persönlich zu nehmen.

Eine steile These.

Geradezu radikal.

In Berlin wurden daraufhin vorsorglich mehrere Krisensitzungen einberufen.

Kommunikationsberater fielen von ihren ergonomischen Bürostühlen.

Drei Lobbyisten mussten mit Baldriantee stabilisiert werden.

Und irgendwo in einer Talkshow-Redaktion fragte jemand nervös:

„Wenn Politiker plötzlich gelassen werden – worüber sollen wir dann noch diskutieren?“

Die Sorge ist berechtigt.

Schließlich hat sich in den vergangenen Jahren eine komplette Empörungsindustrie entwickelt.

Jeden Morgen stehen tausende Menschen auf, öffnen soziale Netzwerke und suchen verzweifelt nach etwas, über das sie sich aufregen können.

Findet sich nichts, wird notfalls über das Wetter diskutiert.

Oder über die Farbe eines Ministeriumslogos.

Oder über die Frage, warum ein Politiker beim Betreten eines Gebäudes drei Sekunden zu lange gelächelt hat.

Die Möglichkeiten sind grenzenlos.

Cem Özdemir scheint hingegen eine Theorie zu vertreten, die in deutschen Debatten inzwischen ungefähr denselben Seltenheitswert besitzt wie ein pünktlicher Regionalzug im Herbst.

Gelassenheit.

Ein Begriff, der in vielen politischen Kreisen inzwischen als exotisches Fremdwort gilt.

Politikbeobachter berichten, dass einige jüngere Mitarbeiter zunächst im Duden nachschlagen mussten.

Andere hielten es für eine neue Bio-Limonade.

Doch Özdemir blieb erstaunlich entspannt.

Offenbar gehört es für ihn zum politischen Alltag, regelmäßig mit kreativen Kommentaren bedacht zu werden.

Und kreativ sind sie.

Die deutsche Bevölkerung besitzt bei der Vergabe politischer Spitznamen eine Fantasie, die normalerweise nur Fantasy-Autoren oder Werbeagenturen kurz vor Abgabeschluss entwickeln.

Würde man sämtliche Bezeichnungen sammeln, könnte man problemlos ein mehrbändiges Lexikon veröffentlichen.

Band 1: Politiker.

Band 2: Politiker, aber mit Bart.

Band 3: Politiker nach Steuererhöhungen.

Band 4 bis 27: Kommentarspalten im Internet.

Währenddessen fragen sich viele Bürger, warum Politiker überhaupt überrascht wirken.

Schließlich gehört Kritik zum Beruf ungefähr so selbstverständlich wie Regen zu einem deutschen Sommerurlaub.

Wer sich freiwillig vor Millionen Menschen stellt und sagt:

„Ich habe einen Plan“,

wird zwangsläufig Millionen Menschen finden, die antworten:

„Das ist der schlechteste Plan seit Erfindung der Tiefkühlpizza.“

So funktioniert Demokratie.

Manche nennen es Diskurs.

Andere nennen es Dienstag.

Die Diskussion erreichte ihren Höhepunkt, als plötzlich die Frage im Raum stand, welche Beleidigungen Politiker aushalten müssen.

Juristen diskutierten.

Politiker diskutierten.

Journalisten diskutierten.

Deutschland diskutierte.

Selbst Menschen, die eigentlich nur tanken wollten, diskutierten.

Es dauerte nicht lange, bis erste Experten die Gründung einer neuen Behörde forderten.

Das Bundesamt für Politische Kränkbarkeit.

Dort sollen künftig sämtliche Beleidigungen geprüft werden.

Die Einstufung erfolgt nach einem wissenschaftlichen System.

Kategorie A:

„Sie haben keine Ahnung.“

Wird ignoriert.

Kategorie B:

„Sie haben wirklich keine Ahnung.“

Wird ebenfalls ignoriert.

Kategorie C:

„Sie haben spektakulär keine Ahnung.“

Hier beginnt eine Vorprüfung.

Kategorie D:

Der Kommentar enthält mindestens sieben Ausrufezeichen, drei Großbuchstabenwörter und den Ausdruck „WACHT AUF!!!“

Sofortige Alarmstufe Rot.

Ein Krisenteam wird entsandt.

Parallel dazu arbeitet eine Expertenkommission bereits an einem verpflichtenden Belastungstest für Politiker.

Wer kandidieren möchte, muss künftig folgende Aufgaben bestehen:

Test 1:

Lesen Sie 1.000 Kommentare auf Facebook.

Bleibt Ihr Blutdruck unter 240?

Bestanden.

Test 2:

Öffnen Sie eine beliebige politische Diskussion auf X.

Keine spontanen Fluchtgedanken?

Sehr gut.

Test 3:

Sie werden innerhalb von fünf Minuten gleichzeitig als links, rechts, liberal, konservativ, elitär, populistisch und ahnungslos bezeichnet.

Beschreiben Sie Ihre Gefühle.

Die Musterlösung lautet:

„Gar keine mehr.“

Besonders bemerkenswert ist dabei die öffentliche Wahrnehmung.

Viele Bürger glauben inzwischen, Politiker würden den ganzen Tag in Limousinen sitzen und wichtige Entscheidungen treffen.

Die Realität sieht häufig anders aus.

Ein erheblicher Teil des Berufs besteht offenbar darin, morgens das Handy einzuschalten und festzustellen, dass man über Nacht von mehreren hundert Menschen für den Untergang der Zivilisation verantwortlich gemacht wurde.

Noch vor dem ersten Kaffee.

Das erfordert tatsächlich ein gewisses Maß an Belastbarkeit.

Cem Özdemirs Vorschlag wirkt deshalb fast schon revolutionär.

Nicht jede unfreundliche Bemerkung muss automatisch zum Staatsakt werden.

Nicht jede Spitze benötigt eine juristische Expedition.

Und nicht jede digitale Unhöflichkeit muss mit der Energie einer mittelgroßen Bundesbehörde untersucht werden.

Natürlich gibt es Grenzen.

Drohungen und Straftaten sind etwas völlig anderes.

Doch irgendwo zwischen berechtigter Strafverfolgung und dem nationalen Notstand wegen eines Spitznamens liegt offenbar ein Bereich, den man früher schlicht als „aushalten“ bezeichnete.

Eine Fähigkeit, die möglicherweise wieder in Mode kommt.

Falls das tatsächlich geschieht, könnte Deutschland vor einer völlig neuen Ära stehen.

Eine Ära, in der Politiker Kritik gelassener nehmen.

Bürger entspannter diskutieren.

Und Kommentarspalten etwas weniger wie ein Vulkanausbruch wirken.

Gut.

Der letzte Punkt ist vermutlich unrealistisch.

Aber man wird ja noch träumen dürfen.

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Wenn Satire die Realität überholt hat, sollte man wenigstens Maut verlangen.
– Unbekannt (aber weise)
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