Lange Zeit war der amerikanische Traum recht einfach erklärt.
Man hatte eine Idee.
Man arbeitete hart.
Man gründete ein Unternehmen.
Man wurde reich.
Oder man schrieb zumindest irgendwann ein Motivationsbuch darüber, warum man nicht reich geworden war.
Doch dann entstand in Washington eine neue Vision.
Eine Vision für das 21. Jahrhundert.
Eine Vision, die sich irgendwo zwischen Grenzkontrolle, Steuerprüfung und Castingshow bewegte.
Die Grundidee war simpel:
Wenn qualifizierte Fachkräfte ins Land kommen möchten, warum sollte man sie nicht vorher finanziell traumatisieren?
Ein genialer Plan.
Man nehme ein Arbeitsvisum.
Man multipliziere die Gebühren mit einer Zahl, die normalerweise nur bei Luxusjachten, Villen oder Scheidungsverfahren vorkommt.
Und schon hat man eine neue Einwanderungspolitik.
Die Erfinder der Idee waren vermutlich begeistert.
Man stellte sich vermutlich Szenen vor wie:
„Willkommen in Amerika. Haben Sie besondere Fähigkeiten?“
„Ja, ich bin KI-Forscher.“
„Wunderbar. Und haben Sie zufällig einen Koffer mit 100.000 Dollar dabei?“
„Nein.“
„Dann sind Sie leider nicht qualifiziert.“
Im Silicon Valley herrschte daraufhin ungefähr die gleiche Stimmung wie bei einem Veganer-Kongress, auf dem plötzlich nur noch Grillwürstchen serviert werden.
Personalabteilungen liefen hektisch durch Büroflure.
Manager rechneten.
Finanzabteilungen weinten.
Ein Start-up-Gründer soll sogar versucht haben, einen Programmierer gegen drei Teslas und eine Kaffeemaschine einzutauschen.
Ohne Erfolg.
Besonders tragisch war die Situation für Unternehmen, die dringend Spezialisten brauchten.
Plötzlich kostete die Einstellung eines Entwicklers fast so viel wie eine mittelgroße Raumfahrtmission.
Ein Personalchef erklärte:
„Wenn das so weitergeht, programmieren wir unsere Software bald selbst.“
Daraufhin verlor die gesamte IT-Abteilung kurz das Bewusstsein.
Doch die Geschichte nahm eine unerwartete Wendung.
Denn irgendwo saß ein Richter.
Und Richter haben eine unangenehme Eigenschaft:
Sie lesen Gesetze.
Teilweise sogar freiwillig.
Während Politiker kreative Interpretationen entwickeln, sitzen Richter da und fragen völlig unromantisch:
„Steht das da überhaupt?“
Eine Haltung, die schon viele politische Träume vorzeitig beendet hat.
Nach eingehender Prüfung kam der Richter zu einer revolutionären Erkenntnis:
Nur weil man etwas „Gebühr“ nennt, wird daraus nicht automatisch eine Gebühr.
Man könnte schließlich auch einen Elefanten als Hamster bezeichnen.
Das macht ihn weder kleiner noch günstiger.
In Washington war die Enttäuschung entsprechend groß.
Man hatte sich vermutlich bereits ausgerechnet, wie viele Milliarden künftig durch hochqualifizierte Einwanderer in die Kasse gespült würden.
Plötzlich musste wieder gerechnet werden.
Ein Albtraum.
Doch das war erst der Anfang.
Parallel entwickelte sich die nächste Idee.
Und diese war noch ambitionierter.
Wenn Menschen schon einreisen möchten, sollten sie vielleicht nicht nur ihren Namen angeben.
Sondern möglichst alles.
Wirklich alles.
Je mehr Informationen, desto besser.
Irgendwann entstand offenbar der Eindruck, dass die ideale Einreisegenehmigung ungefähr so aussehen sollte:
Bitte nennen Sie Ihre Telefonnummern der letzten fünf Jahre.
Ihre E-Mail-Adressen.
Ihre Social-Media-Konten.
Ihre Familienmitglieder.
Ihre biometrischen Daten.
Ihre Lieblingsfarbe.
Den Namen Ihres ersten Haustiers.
Und die genaue Anzahl der Chicken Nuggets, die Sie im Jahr 2021 konsumiert haben.
Vorsorglich.
Man weiß ja nie.
Datenschützer reagierten darauf mit dem Ausdruck tiefer Verzweiflung.
Einige mussten sich hinsetzen.
Andere mussten sich hinlegen.
Wieder andere schrieben Beschwerden, die so lang wurden, dass sie selbst wieder als Roman veröffentlicht werden könnten.
Besonders beliebt war die Idee, alte Social-Media-Konten auszuwerten.
Plötzlich stellte sich die Frage:
Was passiert eigentlich, wenn jemand 2019 ein Bild einer Katze geliked hat?
Ist das ein Sicherheitsrisiko?
Ein politisches Statement?
Oder lediglich ein Hinweis darauf, dass Katzen niedlich sind?
Niemand wusste es.
Aber irgendjemand wollte die Daten trotzdem haben.
Die Reisebranche bekam unterdessen Schweißausbrüche.
Touristen reisen normalerweise, um Sehenswürdigkeiten zu sehen.
Nicht um vorab einen digitalen Seelenstriptease durchzuführen.
Ein Reiseveranstalter formulierte die Lage treffend:
„Wenn der Antrag länger dauert als der Urlaub, könnte das Geschäftsmodell leiden.“
Auch die Amerikaner selbst wurden zunehmend skeptisch.
Denn irgendwann stellte sich heraus, dass die neuen Regeln nicht nur Ausländer nervös machten.
Sondern praktisch jeden.
Unternehmen.
Touristen.
Verbände.
Datenschützer.
Juristen.
Und vermutlich sogar einige Beamte, die die Formulare hätten bearbeiten müssen.
Es folgten Proteste.
Beschwerden.
Anhörungen.
Gegengutachten.
Widersprüche.
Gegendarstellungen.
Und natürlich weitere Formulare.
Denn nichts bekämpft Bürokratie so effektiv wie zusätzliche Bürokratie.
Schließlich begann das große Zurückrudern.
Langsam.
Vorsichtig.
Fast ehrfürchtig.
Wie jemand, der bemerkt, dass er versehentlich rückwärts auf eine Klippe zugefahren ist.
Plötzlich sollten manche Daten doch nicht mehr von allen verlangt werden.
Vielleicht nur von einigen.
Oder von wenigen.
Oder irgendwann.
Oder vielleicht auch gar nicht.
Die Details verschwammen zunehmend.
Zurück blieb eine bemerkenswerte Erkenntnis.
Die moderne Einreisepolitik hatte sich zwischenzeitlich in eine Mischung aus Steuerprüfung, Bewerbungsgespräch, Persönlichkeitstest und archäologischer Expedition verwandelt.
Wer in die USA reisen wollte, sollte offenbar nicht nur seinen Pass besitzen.
Sondern idealerweise auch ein fotografisches Gedächtnis, einen Steuerberater, einen Datenschützer und einen Anwalt.
Am Ende scheiterte das große Projekt an einem Problem, das Bürokratien weltweit seit Jahrhunderten verfolgt:
Irgendwann fragt jemand nach dem Kleingedruckten.
Und genau dort beginnt meistens die Komödie.




