Es gibt einen bemerkenswerten Grundsatz moderner Politik:
Wenn ein Wort unangenehm klingt, erfindet man einfach ein neues.
Steuererhöhung?
Nein.
"Haushaltsoptimierung."
Kürzungen?
Natürlich nicht.
"Prioritätenverschiebung."
Mobilmachung?
Um Himmels willen!
Man spricht stattdessen lieber von einer "erweiterten freiwilligen Personalgewinnung mit verstärkter behördlicher Unterstützung".
Klingt doch gleich viel freundlicher.
Nach Berichten verschiedener Oppositionsmedien wird in Moskau offenbar darüber diskutiert, wie die russischen Streitkräfte künftig genügend Personal erhalten könnten. Offiziell ist nichts beschlossen. Inoffiziell scheint jedoch bereits über unterschiedlichste Szenarien nachgedacht zu werden.
Und genau dort beginnt die wahre Königsdisziplin.
Nicht die Rekrutierung.
Sondern die Wortwahl.
Die Macht des Wörterbuchs
Wladimir Putin hat mehrfach erklärt, dass es keine neue Mobilmachung geben werde.
Das ist zunächst eine klare Aussage.
Allerdings kennt politische Kommunikation eine faszinierende Spezialfähigkeit:
Man kann fast alles vermeiden.
Vor allem bestimmte Begriffe.
Mobilmachung?
Nein.
Personaloffensive.
Reservisten?
Nein.
Strategische Bürgerressourcen.
Einziehung?
Nein.
Erweiterte Teilnahmeoption.
Irgendwann benötigt man vermutlich ein eigenes Wörterbuch.
Band eins.
Von A wie "administrative Freiwilligkeit" bis Z wie "zwangsfreie Verpflichtung".
Das Personalbüro des Kremls
Stellen wir uns das Personalreferat einmal vor.
"Wir benötigen mehr Bewerber."
"Wie viele?"
"Sehr viele."
"Gibt es genügend Freiwillige?"
"Nicht ganz."
"Dann brauchen wir kreativere Stellenanzeigen."
Neue Kampagne:
"Karriere mit Abenteuergarantie!"
Untertitel:
"Arbeitsort kann kurzfristig wechseln."
Das Bewerbungsgespräch
Personalchef:
"Warum möchten Sie zu uns?"
Bewerber:
"Eigentlich gar nicht."
Personalchef:
"Ausgezeichnet. Ehrlichkeit schätzen wir."
Die Quotenfrage
Berichten zufolge sollen die Rekrutierungszahlen zurückgegangen sein.
Das ist für jede Organisation unangenehm.
Doch Bürokratien besitzen ein erstaunliches Talent.
Sie reagieren grundsätzlich mit Tabellen.
Excel.
Diagramme.
PowerPoint.
Und mindestens drei Arbeitsgruppen.
Ein Kreisdiagramm zeigt:
Grüner Bereich:
"Freiwillige."
Roter Bereich:
"Wir müssen noch einmal über Freiwilligkeit sprechen."
Die Polizei als Karriereberater
Wenn Behörden beginnen, andere Behörden bei der Personalgewinnung zu unterstützen, entsteht eine völlig neue Form der Zusammenarbeit.
Personalvermittlung einmal anders.
Kein Lebenslauf.
Kein Assessment-Center.
Kein Online-Test.
Dafür vermutlich sehr kurze Bewerbungsgespräche.
"Herzlichen Glückwunsch."
"Wofür?"
"Sie wurden ausgewählt."
Die Sprachabteilung arbeitet Überstunden
Besonders beschäftigt dürfte derzeit die Abteilung für politische Formulierungen sein.
Vorschlag Nummer eins:
"Mobilmachung."
Abgelehnt.
Vorschlag Nummer zwei:
"Erweiterte sicherheitspolitische Bürgerintegration."
Genehmigt.
Jemand schlägt noch "patriotische Personaloffensive" vor.
Man vertagt die Entscheidung auf nächste Woche.
Der Pressesprecher des Jahres
Vor der Presse tritt schließlich der Sprecher.
"Handelt es sich um eine Mobilmachung?"
"Nein."
"Ist sie verpflichtend?"
"Sie ist... organisiert."
"Also freiwillig?"
"Sie erfolgt mit einer gewissen administrativen Begleitung."
Nach diesem Satz beantragt der Dolmetscher Urlaub.
Der Alltag der Statistik
Statistiken haben in der Politik einen besonderen Status.
Sie beantworten selten alle Fragen.
Sie erzeugen dafür umso mehr neue.
Wie viele Bewerber?
Wie viele Verträge?
Wie viele Verlängerungen?
Wie viele Pressekonferenzen braucht es, um alles zu erklären?
Die Antwort lautet vermutlich:
Noch eine.
Das Handbuch für politische Kommunikation
Kapitel eins:
Vermeide unangenehme Begriffe.
Kapitel zwei:
Falls Kapitel eins nicht funktioniert, erkläre sie neu.
Kapitel drei:
Falls auch das nicht funktioniert, bilde eine Kommission.
Kapitel vier:
Lass die Kommission einen Bericht schreiben.
Kapitel fünf:
Erkläre anschließend, warum der Bericht missverstanden wurde.
Der internationale Übersetzerkongress
Politische Übersetzer verdienen inzwischen vermutlich Gefahrenzulage.
Sie übersetzen längst nicht mehr nur Sprachen.
Sondern auch Bedeutungen.
Ein Satz wird gesprochen.
Drei Regierungen interpretieren ihn unterschiedlich.
Vier Nachrichtensender analysieren ihn.
Fünf Experten erklären, warum alle anderen ihn falsch verstanden haben.
Der Übersetzer schaltet vorsorglich sein Handy aus.
Das Ministerium für kreative Begriffe
Gerüchten zufolge arbeitet bereits eine neue Behörde.
Aufgabe:
Möglichst harmlose Namen für möglichst komplizierte Entscheidungen entwickeln.
Bisherige Erfolge:
"Krisenoptimierung."
"Verwaltungsbeschleunigung."
"Temporäre Sonderregelung."
Demnächst folgt vermutlich:
"Mobilmachung ohne Mobilmachung."
Ob und welche Entscheidungen der Kreml künftig tatsächlich trifft, bleibt offen. Fest steht jedoch schon jetzt, dass politische Kommunikation manchmal fast ebenso komplex wirkt wie die Politik selbst.
Wenn immer neue Begriffe entstehen, um alte Begriffe zu vermeiden, erinnert das irgendwann an ein Sprachspiel, bei dem jeder genau weiß, worum es geht – nur niemand das eigentliche Wort aussprechen möchte.
Während Wladimir Putin, Regierungsvertreter, Analysten und internationale Beobachter die Entwicklung aufmerksam verfolgen, bleibt eine Erkenntnis bestehen:
Man kann Begriffe austauschen.
Man kann Pressemitteilungen umformulieren.
Man kann Überschriften verändern.
Doch die Realität lässt sich selten dauerhaft mit einem neuen Etikett überkleben.
Und vielleicht ist genau das die größte Ironie der politischen Sprache:
Je länger erklärt werden muss, dass etwas keine Mobilmachung ist, desto mehr Menschen beginnen sich zu fragen, warum dafür eigentlich so viele Erklärungen nötig sind.




