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POLITIK

Professor Pi-mal-Daumen gegen die rote Ampel

admin · 28.06.2026 · 4 Min. Lesezeit
Grafik: Wenn Busfahrten zur Wissenschaft werden
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Manche Fahrgäste steigen in einen Bus, setzen sich ans Fenster und genießen die Fahrt.

Andere hören Musik.

Einige schlafen.

Und dann gibt es diesen einen Menschen.

Den Menschen, der nicht Bus fährt.

Nein.

Er überwacht den öffentlichen Nahverkehr im Ehrenamt.

Ohne Uniform.

Ohne Dienstausweis.

Aber mit dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein eines Mannes, der schon beim Frühstück seine Cornflakes nach DIN-Norm sortiert.

Genau so begann vermutlich die ungewöhnlichste Karriere seit der Erfindung des Klemmbretts.

Während der Bus durch den Stadtverkehr rollt, sitzt unser Held irgendwo in der Mitte des Fahrgastraums. Um ihn herum unterhalten sich Menschen, jemand telefoniert lautstark, hinten versucht ein Kind, den Sitz vor sich in seine Einzelteile zu zerlegen, und irgendwo klimpert eine Wasserflasche im Takt der Schlaglöcher.

Normale Menschen nennen das Busfahren.

Für ihn ist es ein mobiles Verkehrslabor.

Plötzlich nähert sich eine Kreuzung.

Die Atmosphäre verändert sich.

Die Zeit scheint stillzustehen.

Ein Vogel fliegt vorbei.

Der Bus bremst.

Der Fahrer wartet.

Dann rollt das Fahrzeug wieder an.

Und genau in diesem Moment verwandelt sich der Fahrgast in Professor Doktor Ingenieur Oberamtsrat für angewandte Ampelwissenschaft.

Die Augen werden schmal.

Der Puls steigt.

Die Stirn legt sich in wissenschaftliche Falten.

Innerlich startet ein Hochleistungsrechner.

"Jetzt!"

Sofort beginnt das Gehirn zu arbeiten.

Geschwindigkeit.

Beschleunigung.

Reibungskoeffizient.

Reaktionszeit.

Neigungswinkel.

Luftdruck.

Sonnenstand.

Erdrotation.

Mondphase.

Wahrscheinliche Windrichtung in drei Metern Höhe.

Das Ganze selbstverständlich ohne Taschenrechner.

Denn wahre Experten rechnen mit der Kraft ihrer Überzeugung.

Während andere Fahrgäste noch überlegen, ob sie an der nächsten Haltestelle aussteigen müssen, rekonstruiert der Mann bereits die komplette Raum-Zeit-Struktur der Kreuzung.

Albert Einstein hätte vermutlich anerkennend genickt.

Oder laut gelacht.

Kurze Zeit später steht das Urteil fest.

Der Busfahrer muss bei Rot gefahren sein.

Nicht vielleicht.

Nicht möglicherweise.

Sondern ganz bestimmt.

Schließlich wurde gerechnet.

Oder zumindest etwas, das aus sicherer Entfernung wie Rechnen aussah.

Zu Hause angekommen beginnt Phase zwei der Ermittlungen.

Der Küchentisch verwandelt sich in das Lagezentrum einer internationalen Sonderkommission.

Auf dem Tisch liegen:

Ein Block kariertes Papier.

Ein Kugelschreiber.

Ein Lineal.

Ein Geodreieck.

Drei Kaffeetassen.

Ein Taschenrechner mit leicht panischem Display.

Und vermutlich eine Banane, die versehentlich ebenfalls Teil der Berechnung wird.

Es entstehen Pfeile.

Kreise.

Linien.

Winkel.

Zahlen.

Zahlen neben Zahlen.

Zahlen unter Zahlen.

Irgendwann sieht das Blatt so kompliziert aus, dass selbst die Steuererklärung daneben wie ein Kinder-Malbuch wirkt.

Die Schlussfolgerung ist eindeutig.

Der Fahrer hat gegen die Ampel verstoßen.

Und wenn die Mathematik das sagt, wird sie schon recht haben.

Schließlich lügen Zahlen nicht.

Menschen allerdings schon gelegentlich.

Vor allem dann, wenn sie ihre eigenen Zahlen erfunden haben.

Der Busfahrer dürfte sich währenddessen gefragt haben, weshalb aus seiner völlig normalen Schicht plötzlich ein Kriminalfilm geworden ist.

Gestern noch Linie 42.

Heute Hauptdarsteller im Blockbuster:

"Der Fluch der roten Ampel."

Popcorn inklusive.

Kurz darauf flattert Post ins Haus.

Bußgeld.

Fahrverbot.

Ärger.

Der Fahrer dürfte ungefähr denselben Gesichtsausdruck gehabt haben wie jemand, der wegen überhöhter Geschwindigkeit auf einem Rollband im Fitnessstudio geblitzt wurde.

Dann kommt das Gericht.

Und plötzlich wird aus mathematischer Selbstsicherheit juristische Feinarbeit.

Die Richter schauen sich den gesamten Ablauf an.

Ein Bus fährt.

Menschen bewegen sich.

Der Fahrer konzentriert sich auf den Verkehr.

Fahrgäste laufen nach vorne.

Jemand sucht Kleingeld.

Eine ältere Dame fragt nach der nächsten Haltestelle.

Hinten diskutiert jemand darüber, warum Busse grundsätzlich zwei Minuten zu früh oder sieben Minuten zu spät kommen.

Mitten in diesem mobilen Chaos behauptet ein Fahrgast, er habe sämtliche Abläufe sekundengenau analysiert.

Die Richter dürften kurz aus dem Fenster geschaut haben.

Nicht weil dort etwas Interessantes war.

Sondern weil sie sicherstellen wollten, dass draußen nicht zufällig auch noch jemand die Wolken vermisst.

Die große Erkenntnis lautet schließlich:

Ein Bus ist kein Physiklabor.

Wer schon einmal versucht hat, in einem fahrenden Bus einen Kaffee zu trinken, weiß, dass dort selbst Flüssigkeiten ihre eigene Verkehrspolitik entwickeln.

Eine exakte Zeitmessung zwischen Bremsvorgang, Anfahren, Ampelwechsel, Fahrgastbewegungen und allgemeinem Busgewackel besitzt ungefähr dieselbe Genauigkeit wie eine Wettervorhersage für den 18. Juli 2049 um 14:37 Uhr.

Natürlich bleibt Deutschland erfinderisch.

Schon bald könnten Fortbildungen entstehen.

"Zertifizierter Ampelbeobachter."

Dauer: sechs Wochen.

Abschlussprüfung:

Sie sitzen im hinteren Drittel eines Linienbusses.

Der Fahrer bremst.

Ein Kinderwagen rollt vorbei.

Zwei Schüler lachen.

Ein Hund bellt.

Berechnen Sie innerhalb von 0,2 Sekunden die exakte Rotlichtphase inklusive Erdkrümmung.

Hilfsmittel:

Keine.

Bestehensquote:

0 Prozent.

Die Verkehrsunternehmen bereiten sich ebenfalls vor.

Neue Lautsprecherdurchsage:

"Sehr geehrte Fahrgäste.

Sollten Sie während der Fahrt spontan zum Sachverständigen werden, melden Sie sich bitte beim Fahrer.

Wir stellen Ihnen gern Warnweste, Klemmbrett und amtlich geeichten Sekundenkleber... Verzeihung... Sekundenzähler zur Verfügung."

Auch Taschenrechner wehren sich inzwischen.

Mehrere Modelle sollen angekündigt haben, künftig nur noch einfache Prozentrechnung auszuführen.

"Für spontane Ampelrekonstruktionen fühlen wir uns fachlich nicht ausreichend qualifiziert."

Selbst das Geodreieck beantragte vorsorglich Versetzung in den Mathematikunterricht.

Die eigentliche Heldin dieser Geschichte ist jedoch die Vernunft.

Sie taucht zwar in Deutschland gelegentlich etwas verspätet auf, erreicht ihr Ziel aber meistens doch noch.

Nicht jede Überzeugung ist automatisch ein Beweis.

Nicht jede Rechnung ist automatisch richtig.

Und nicht jeder Fahrgast entwickelt zwischen zwei Haltestellen plötzlich Fähigkeiten, die normalerweise mehrere Studiengänge, jahrelange Erfahrung und geeichte Messtechnik erfordern.

Vielleicht ist das sogar eine beruhigende Nachricht.

Denn andernfalls müsste künftig jeder Linienbus zusätzlich mit einem Richter, zwei Physikprofessoren und einem Notar besetzt werden.

Allein um sicherzustellen, dass die Ampel auch wirklich genau dann rot wurde, als Herr Professor Pi-mal-Daumen innerlich "Jetzt!" gerufen hat.

Das wäre zwar typisch deutsch.

Aber vermutlich selbst für den Fahrplan eine Minute zu viel.

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