Es gibt Berufe, für die bewirbt man sich.
Es gibt Berufe, in die man hineinstolpert.
Und dann gibt es das Amt des Staatsoberhauptes.
Dort klingelt plötzlich das Telefon.
„Guten Tag, hätten Sie Lust, Präsidentin zu werden?“
„Entschuldigung, ich wollte eigentlich gerade einkaufen.“
„Das können Sie später auch als Präsidentin.“
„Brauche ich dafür Erfahrung?“
„Nein, nur Nerven.“
In Ungarn glaubte Ministerpräsident Peter Magyar, einen genialen Zug gefunden zu haben.
Wenn das Land politisch gespalten ist, warum nicht einfach jemanden fragen, der jahrzehntelang bewiesen hat, dass er mehrere Züge vorausdenken kann?
Die Wahl fiel auf Judit Polgar.
Eine Schachlegende.
Großmeisterin.
Ausnahmetalent.
Eine Frau, die schon Gegner schachmatt setzte, als andere Kinder noch darüber stritten, wer beim Mensch-ärgere-dich-nicht anfangen durfte.
Peter Magyar dürfte sich diesen Moment ungefähr so vorgestellt haben:
„Sie ist unabhängig.“
„Sie ist respektiert.“
„Sie ist weltbekannt.“
„Was könnte da schon schiefgehen?“
Die Antwort kam erstaunlich schnell.
„Nein, danke.“
Damit war die vermutlich kürzeste politische Partie des Jahres beendet.
Ein Zug.
Aufgabe.
Handschlag.
Im Schach nennt man das wohl eine elegante Verteidigung.
Politische Berater hingegen sprechen von einer „kommunikativen Herausforderung“.
Im Regierungsgebäude begann unmittelbar danach hektische Betriebsamkeit.
Ein Berater stürmte ins Büro.
„Sie hat abgesagt!“
Peter Magyar blieb erstaunlich ruhig.
„Hat sie wenigstens lange überlegt?“
„Nein.“
„Vielleicht ein paar Tage?“
„Auch nicht.“
„Hat sie wenigstens die Eröffnung analysiert?“
„Sie hat einfach höflich Nein gesagt.“
Stille.
Selbst die Wanduhr schien kurz nachzudenken.
Judit Polgar erklärte ihre Entscheidung mit bemerkenswerter Gelassenheit.
Sie sehe nicht die Kraft in sich, eine tief gespaltene Nation zusammenzuführen.
Eine Formulierung, die so höflich klingt, dass sie vermutlich sogar in Großbritannien als ausgesprochen direkt gelten würde.
Britische Diplomaten waren beeindruckt.
Ein ehemaliger Botschafter soll anerkennend gemurmelt haben:
„Das ist eine Absage mit Samthandschuhen. Wunderschön.“
In Westminster diskutierte man die Angelegenheit selbstverständlich ebenfalls.
Ein älterer Lord bemerkte trocken:
„Wenn jemand freiwillig auf ein Spitzenamt verzichtet, muss er entweder sehr klug sein oder bereits die Sitzungsprotokolle gelesen haben.“
Zustimmendes Nicken.
Sogar der Tee wurde für einen Moment vergessen.
Dabei klang die Idee zunächst gar nicht schlecht.
Schließlich ist Schach die perfekte Vorbereitung auf Politik.
Man muss vorausdenken.
Fallen erkennen.
Geduldig bleiben.
Und akzeptieren, dass irgendwann garantiert jemand den Tisch umwirft.
Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied.
Beim Schach halten sich alle Figuren an die Regeln.
In der Politik betrachten manche die Regeln eher als unverbindliche Leseempfehlung.
Peter Magyar hatte Judit Polgar ausdrücklich wegen ihrer Unabhängigkeit ausgewählt.
Sie verdanke ihren Erfolg Talent statt politischen Beziehungen.
Eine bemerkenswerte Eigenschaft.
Vor allem in der Politik.
Manche Kommentatoren vermuteten sogar, dies habe für kurze Verwirrung gesorgt.
„Sie hat ihren Platz ausschließlich durch Leistung erreicht?“
„Ja.“
„Ganz ohne Parteitag?“
„Ja.“
„Ohne Koalitionsverhandlungen?“
„Ja.“
„Das sollten wir dringend untersuchen.“
Auch Viktor Orbán dürfte die Entwicklungen aufmerksam verfolgt haben.
Nicht als aktiver Mitspieler dieser Entscheidung, sondern als politischer Beobachter mit reichlich Erfahrung auf dem ungarischen Schachbrett.
Man stellt sich vor, wie irgendwo eine Schachfigur langsam über das Brett geschoben wird.
„Interessanter Zug.“
„Leider nicht erfolgreich.“
„Neue Partie?“
Währenddessen saß Judit Polgar vermutlich entspannt an einem Schachbrett.
Vor ihr standen 32 Figuren.
Ein ausgesprochen übersichtlicher Arbeitsplatz.
Keine Pressekonferenzen.
Keine Koalitionskrisen.
Keine Haushaltsdebatten.
Lediglich Springer, Läufer und Bauern.
Sie sollen deutlich berechenbarer sein als Politiker.
Ein internationaler Schachverband soll bereits vorgeschlagen haben, politische Verhandlungen künftig nach Schachregeln abzuhalten.
Wer dazwischenruft, verliert einen Bauern.
Wer Fakten verdreht, muss die Dame abgeben.
Wer zum fünften Mal dieselbe Rede hält, wird automatisch ins Endspiel versetzt.
Die Erfolgsaussichten gelten als erstaunlich hoch.
Auch das Präsidentenamt selbst wurde inzwischen neu bewertet.
Früher galt es als repräsentatives Staatsamt.
Heute scheint es gelegentlich wie ein Überraschungspaket.
Man weiß nie genau, welche Herausforderungen sich darin verbergen.
Ein Mitarbeiter des Parlaments soll vorsorglich bereits neue Stellenausschreibungen vorbereitet haben.
Gesucht wird:
Staatsoberhaupt.
Voraussetzungen:
Belastbarkeit.
Geduld.
Humor.
Kenntnisse in Krisenmanagement.
Optional:
Schachgroßmeister.
Falls verfügbar.
Peter Magyar nahm die Absage öffentlich mit bemerkenswerter Gelassenheit.
Das musste er auch.
Ein Ministerpräsident, der beleidigt wirkt, macht selten einen souveränen Eindruck.
Also lächelte man.
Bedankte sich.
Und begann vermutlich sofort mit der Suche nach Plan B.
Politik lebt schließlich von Alternativen.
Oder zumindest von Menschen, die ihre Telefonnummer nicht sofort ändern.
Die eigentlichen Gewinner der Geschichte sind jedoch die Schachfiguren.
Seit Jahrhunderten kämpfen sie gegen das Vorurteil, Politik sei komplizierter als Schach.
Nun stellte sich heraus:
Man kann Weltmeister besiegen.
Man kann Großmeister werden.
Doch ein Präsidentenamt ist offenbar selbst für Schachgenies eine ganz andere Disziplin.
Vielleicht existiert irgendwo bereits ein neues Lehrbuch.
„Schach für Fortgeschrittene – inklusive Einführung in Koalitionsverhandlungen.“
Kapitel eins:
Warum ein Springer manchmal einfacher zu verstehen ist als eine Pressemitteilung.
Kapitel zwei:
Der Turm bewegt sich geradlinig.
Politische Debatten eher nicht.
Kapitel drei:
Das Matt beendet die Partie.
In der Politik beginnt danach meistens die Pressekonferenz.
Und so bleibt von dieser Geschichte vor allem ein wunderschöner Moment britischer Gelassenheit.
Peter Magyar spielte einen mutigen Eröffnungszug.
Judit Polgar antwortete mit einem höflichen, eleganten Konter.
Keine Aufregung.
Keine Dramatik.
Kein Figurenwerfen.
Nur ein respektvolles „Vielen Dank – aber dieses Spiel lasse ich diesmal aus.“
Selbst die Schachuhr dürfte anerkennend getickt haben.
Denn manchmal besteht der klügste Zug eben darin, gar keinen Zug mehr zu machen.




