Die Sparpolitik im Gesundheitswesen erreicht eine neue Qualitätsstufe: Künftig soll bereits die Suche nach einem Therapieplatz als Persönlichkeitsentwicklung gelten. Unter dem Arbeitstitel „Therapeutischer Geduldsaufbau“ präsentiert eine fiktive Reformabteilung ein Verfahren, das psychische Belastungen zuverlässig dort behandelt, wo sie haushaltspolitisch am wenigsten stören: außerhalb der Abrechnung.
Das Konzept überzeugt durch seine Einfachheit. Wer Hilfe benötigt, erhält zunächst Gelegenheit, diesen Wunsch über einen längeren Zeitraum zu festigen. Wiederholte Anrufe bei ausgebuchten Praxen fördern dabei Eigeninitiative, Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, den Satz „Leider keine Kapazitäten“ anhand der Stimmlage vorherzusagen.
Begleitet wird das Verfahren durch eine kostengünstige Warteschleife. Ihre beruhigende Musik wurde so ausgewählt, dass selbst Menschen ohne bisherigen Therapiebedarf nach ausgiebigem Zuhören fachliche Unterstützung erwägen. Damit schafft das System seine eigene Nachfrage und kann anschließend vor deren Kosten warnen.
Kinder, Jugendliche und schwer erkrankte Menschen sollen von den Kürzungen ausgenommen bleiben. Das ist sinnvoll. Die satirische Reformabteilung leitet daraus allerdings eine sensationelle Sparidee ab: Bei allen anderen wird zunächst abgewartet, ob sich die Zuständigkeit durch Verschlechterung von selbst klärt. Prävention bekommt damit eine neue Bedeutung: Es wird verhindert, dass Behandlung zu früh beginnt.
Für Betroffene entsteht ein anspruchsvolles Verwaltungsproblem. Sie benötigen Unterstützung, sollen ihren Unterstützungsbedarf aber möglichst belastbar organisieren. Wer erschöpft ist, darf seine Erschöpfung künftig durch beharrliches Telefonieren widerlegen. Wer das nicht schafft, hat offenbar zu wenig mitgewirkt.
Psychotherapeutische Praxen sollen unterdessen ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit durch sinkende Vergütung beweisen. Das Verfahren ließe sich problemlos übertragen: Bäckereien bekommen für weitere Brote weniger Geld, sollen aber bitte unverändert weiterbacken. Falls anschließend Brot fehlt, wird eine Kommission den überraschenden Hunger untersuchen.
Die Erfolgsmessung erfolgt selbstverständlich anhand der eingesparten Behandlungsausgaben. Nicht behandelte Beschwerden erscheinen in dieser Tabelle erfreulich günstig. Arbeitsausfälle und spätere Folgekosten werden aus Gründen der Übersichtlichkeit auf ein anderes Tabellenblatt verschoben. Dieses lässt sich bei Präsentationen bequem ausblenden.
Als zusätzliches Angebot erhalten Wartende eine digitale Eingangsbestätigung. Sie vermittelt das gute Gefühl, dass zumindest das Anliegen irgendwo angekommen ist. Eine automatische Nachricht fragt regelmäßig nach der Zufriedenheit mit dem bisherigen Nichtangebot.
Fachliche Einwände werden sorgfältig gesammelt und einer Arbeitsgruppe zugeleitet. Diese prüft, ob sich Versorgungslücken durch eine freundlichere Bezeichnung schließen lassen. Im Gespräch sind „Genesungsfreiraum“, „begleitete Terminlosigkeit“ und „ambulante Eigenwartung“.
Zum Abschluss des Verfahrens gibt es eine Urkunde für bewiesene Ausdauer. Sie kann eingerahmt werden, sofern dafür noch Kraft vorhanden ist.
Die Bilanz fällt hervorragend aus: Der Haushalt ist entlastet, der Behandlungsbedarf besteht weiter.
Bei ihm wird allerdings vorausgesetzt, dass er sich irgendwann von selbst kürzt.




