Es begann an einem gewöhnlichen Dienstagmorgen.
Mehrere Dutzend Journalisten wurden in Berlin zu einer vermeintlich harmlosen Vorstellung des neuen Koalitionsvertrages eingeladen.
Kaffee stand bereit.
Mineralwasser ebenfalls.
Einige Kollegen hatten sogar Croissants entdeckt.
Niemand ahnte, dass dies die letzten glücklichen Momente ihres bisherigen Lebens sein würden.
Um Punkt zehn Uhr schlossen sich die Türen.
Ein Regierungsvertreter trat ans Mikrofon.
„Herzlich willkommen. Ihre heutige Aufgabe lautet: Lesen Sie den Koalitionsvertrag und finden Sie heraus, was tatsächlich beschlossen wurde.“
Anschließend verließ er den Raum.
Die Türen verriegelten sich.
Panik brach zunächst nicht aus.
Viele Journalisten lachten.
Einige hielten die Veranstaltung für eine kreative PR-Aktion.
Andere vermuteten versteckte Kameras.
Ein besonders erfahrener Politikredakteur bemerkte trocken:
„Das ist vermutlich einfacher als die letzte Grundsteuerreform.“
Vier Stunden später war er weinend unter einem Konferenztisch gefunden worden.
Der Koalitionsvertrag bestand aus 894 Seiten.
Zumindest glaubte man zunächst, dass es 894 Seiten waren.
Später stellte sich heraus, dass einige Kapitel gleichzeitig für und gegen dieselbe Maßnahme argumentierten und dadurch physikalisch mehrere Zustände gleichzeitig einnahmen.
Quantenphysiker wurden hinzugezogen.
Nach kurzer Durchsicht erklärten sie:
„Wir verstehen das Universum besser.“
Die ersten Teilnehmer gingen optimistisch an die Arbeit.
Sie markierten Textstellen.
Analysierten Formulierungen.
Verglichen Absätze.
Doch schon bald tauchten die ersten Schwierigkeiten auf.
Beispielsweise Satz 34 auf Seite 17:
„Die Bundesregierung wird die Möglichkeit prüfen, im Rahmen einer möglichen Prüfung denkbare Maßnahmen zur Vorbereitung einer möglichen Umsetzung geeigneter Optionen zu evaluieren.“
Drei Journalisten verloren unmittelbar das Bewusstsein.
Ein Linguist erlitt einen Nervenzusammenbruch.
Ein Verwaltungsrechtler begann plötzlich, laut Wagner-Opern zu singen.
Die Lage eskalierte.
Währenddessen entdeckte eine Gruppe Investigativjournalisten auf Seite 83 eine Passage über Steuerpolitik.
Nach sieben Stunden intensiver Analyse kamen sie zu dem Ergebnis, dass die Passage entweder eine Steuererhöhung, eine Steuersenkung, beides gleichzeitig oder ein Rezept für Kartoffelsalat beschrieb.
Niemand konnte es mit letzter Sicherheit sagen.
Die Bundesregierung verweigerte jede Auskunft.
„Alles steht doch im Vertrag“, erklärte ein Sprecher.
Die Journalisten reagierten darauf mit hysterischem Gelächter.
Im Raum entstand inzwischen eine Art Überlebensgesellschaft.
Teams wurden gebildet.
Arbeitsgruppen entstanden.
Einige spezialisierten sich auf Verkehrspolitik.
Andere auf Sozialpolitik.
Besonders mutige Freiwillige wagten sich in das Kapitel Bürokratieabbau.
Von ihnen wurde nie wieder etwas gehört.
Lediglich ein Zettel wurde gefunden.
Darauf stand:
„Es sind zu viele Arbeitskreise.“
Am zweiten Tag begannen erste Halluzinationen.
Mehrere Reporter behaupteten, einen eindeutig formulierten Absatz gesehen zu haben.
Psychologen stuften diese Berichte als stressbedingte Fantasien ein.
Ein Journalist schwor sogar, er habe einen Satz entdeckt, der exakt beschrieb, wer was bis wann umsetzen soll.
Seine Kollegen organisierten umgehend eine Krisenintervention.
Niemand wollte, dass die Situation außer Kontrolle gerät.
Besonders gefährlich erwies sich Kapitel 14.
Dort fand man einen Abschnitt, der gleichzeitig versprach, Ausgaben zu erhöhen, Schulden zu senken, Steuern zu reduzieren, Investitionen auszubauen und zusätzlich Milliarden einzusparen.
Mehrere Mathematiker wurden eingeflogen.
Nach 36 Stunden Beratung erklärten sie:
„Wir haben keine Ahnung, aber wir würden gern die Formel kaufen.“
Inzwischen hatte sich der Escape Room in eine Expedition verwandelt.
Auf Seite 312 wurden Vorräte angelegt.
Auf Seite 487 errichteten Korrespondenten ein provisorisches Lager.
Ein Ressortleiter beanspruchte die Seiten 600 bis 650 als unabhängige Republik und führte eine eigene Währung ein.
Die Inflation setzte bereits nach wenigen Stunden ein.
Die spannendste Herausforderung blieb jedoch die Suche nach tatsächlichen Beschlüssen.
Immer wieder glaubten Teilnehmer, eine konkrete Entscheidung gefunden zu haben.
Doch bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass die Formulierung lediglich bedeutete:
„Vielleicht irgendwann eventuell möglicherweise unter bestimmten Voraussetzungen.“
Ein erfahrener Hauptstadtjournalist verglich die Erfahrung mit dem Versuch, einen Aal in Vaseline zu fangen.
Mit verbundenen Augen.
Während eines Erdbebens.
Am dritten Tag wurden Rettungsteams vorbereitet.
Die Bundesregierung zeigte sich jedoch optimistisch.
„Die Teilnehmer machen gute Fortschritte.“
Tatsächlich hatten die Journalisten inzwischen herausgefunden, dass die Regierung grundsätzlich etwas tun möchte.
Was genau das war, blieb allerdings offen.
Am vierten Tag geschah das Unfassbare.
Eine Reporterin entdeckte einen Absatz, der tatsächlich eine konkrete Maßnahme enthielt.
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
Menschen jubelten.
Champagner wurde geöffnet.
Sonderausgaben vorbereitet.
Leider stellte sich zwei Stunden später heraus, dass der Absatz versehentlich aus einem Koalitionsvertrag von 1998 kopiert worden war.
Die Stimmung kippte erneut.
Erst nach fünf Tagen gelang schließlich der Durchbruch.
Ein Team aus Journalisten, Juristen, Historikern, Kryptologen, Archäologen und einem pensionierten Kreuzworträtselmeister entschlüsselte den letzten Hinweis.
Die Lösung lautete:
„Es wird Arbeitsgruppen geben.“
Daraufhin öffneten sich die Türen.
Die Teilnehmer verließen erschöpft das Gebäude.
Viele hatten graue Haare bekommen.
Einige sprachen nur noch in Fußnoten.
Andere zuckten nervös, sobald sie das Wort „Evaluierung“ hörten.
Die Bundesregierung wertete die Veranstaltung dennoch als Erfolg.
Schließlich hatten die Journalisten am Ende verstanden, worum es ging.
Oder zumindest verstanden, warum niemand verstand, worum es ging.
Und genau das, so erklärte ein Regierungsvertreter später stolz, sei schließlich der wahre Geist moderner Koalitionspolitik.




