Es gibt Bauwerke, die Generationen überdauern.
Die Pyramiden.
Den Kölner Dom.
Die Chinesische Mauer.
Und nun auch den Kreisverkehr am Ortsausgang von Kleinkleckersdorf.
Nach einer monatelangen Prüfung haben Denkmalpfleger offiziell festgestellt, dass inzwischen niemand mehr erklären kann, warum dieses Bauwerk überhaupt existiert.
Genau das sei, so die Experten, das wichtigste Kriterium für einen historischen Ort.
„Wenn keiner mehr weiß, weshalb etwas gebaut wurde, muss es bedeutend sein.“
Die Entscheidung fiel einstimmig.
Bereits am nächsten Morgen rückten Archäologen, Historiker, Verkehrsplaner und drei pensionierte Bauamtsleiter an.
Alle betrachteten den Kreisverkehr ehrfürchtig.
Niemand wagte, ihn zu verändern.
Man hätte schließlich versehentlich Geschichte beschädigen können.
Die erste wissenschaftliche Untersuchung verlief vielversprechend.
Man fand:
- vierzig verwelkte Blumen,
- einen Einkaufswagen,
- zwei verlorene Radkappen,
- eine Socke,
- sieben Wahlplakatreste,
- und einen Einkaufszettel mit den Worten „Milch, Butter, Schrauben“.
Der Fund wurde sofort als bedeutendes Zeugnis spätmoderner Siedlungskultur eingestuft.
Im Rathaus herrschte unterdessen große Aufregung.
Der Bürgermeister trat vor die Presse.
„Wir sind stolz.“
Kurze Pause.
„Worauf genau?“
Er blickte fragend zu seinem Pressesprecher.
Der flüsterte:
„Auf den Kreisverkehr.“
„Natürlich.“
Applaus.
Das Kulturamt richtete sofort eine Arbeitsgruppe ein.
Diese sollte klären, aus welcher Epoche der Kreisverkehr stamme.
Ein Historiker vermutete die frühe Asphaltzeit.
Ein anderer sprach von der mittleren Betonperiode.
Ein dritter erklärte nach intensiver Betrachtung:
„Er könnte auch aus einer Fördermittelphase stammen.“
Dieser Theorie schlossen sich überraschend viele Experten an.
Schließlich lässt sich in Deutschland fast jede bauliche Besonderheit irgendwann auf Fördermittel zurückführen.
Inzwischen pilgern Schulklassen zum Kreisverkehr.
Lehrer erklären ehrfürchtig:
„Kinder, schaut genau hin.“
„Hier sehen wir eines der letzten Bauwerke, dessen ursprünglicher Zweck vollständig vergessen wurde.“
Ein Schüler meldet sich.
„War das vielleicht gegen Staus?“
Der Lehrer schüttelt den Kopf.
„Eine interessante Theorie.“
„Aber dafür fehlen belastbare Quellen.“
Auch Reiseveranstalter entdecken das Potenzial.
Unter dem Motto
„Auf den Spuren des unbekannten Verkehrs“
werden nun Busreisen angeboten.
Im Preis enthalten:
eine geführte Umrundung,
ein Audioguide,
ein Fernglas,
und selbstverständlich eine Sicherheitsweste.
Der Audioguide arbeitet erstaunlich ehrlich.
„Links sehen Sie den Kreisverkehr.“
Kurze Pause.
„Mehr wissen wir leider auch nicht.“
Besonders aktiv zeigt sich inzwischen das Landesamt für Denkmalpflege.
Dort untersucht man jede Bordsteinkante mit hochauflösenden Laserscannern.
Nach sechs Monaten Forschung veröffentlicht die Behörde ein 480 Seiten starkes Gutachten.
Das Ergebnis lautet:
„Der Kreisverkehr ist rund.“
Für diese bahnbrechende Erkenntnis erhält das Forschungsteam später den Preis für angewandte Offensichtlichkeit.
Auch Archäologen graben inzwischen rund um die Anlage.
Sie hoffen auf Hinweise.
Nach mehreren Wochen entdecken sie eine vergessene Zeitkapsel.
Die Spannung steigt.
Der Bürgermeister erscheint persönlich.
Fernsehteams übertragen live.
Langsam wird die Kapsel geöffnet.
Darin befindet sich lediglich ein Zettel.
„Baustelle dauert nur drei Wochen.“
Der gesamte Platz bricht in schallendes Gelächter aus.
Historiker sprechen vom bedeutendsten Witz der kommunalen Baugeschichte.
Die Verkehrsplaner entwickeln derweil neue Theorien.
Vielleicht sollte der Kreisverkehr ursprünglich ein Brunnen werden.
Oder ein Kreis.
Oder ein besonders ambitionierter Parkplatz.
Niemand weiß es.
Genau diese Ungewissheit macht das Bauwerk inzwischen unbezahlbar.
Das Kulturministerium erklärt den Kreisverkehr kurzerhand zum Nationalen Zentrum des infrastrukturellen Rätselwesens.
Jedes Jahr findet dort nun ein internationales Symposium statt.
Professoren aus aller Welt reisen an.
Sie halten Vorträge wie:
„Die philosophische Bedeutung der dritten Ausfahrt.“
„Kreisförmige Identität im öffentlichen Raum.“
„Vom Rechts-vor-Links zum Links-vom-Historiker.“
Besonders beliebt ist der Abendvortrag:
„Hat der Kreisverkehr vielleicht uns gebaut?“
Niemand versteht ihn.
Es gibt Standing Ovations.
Parallel dazu wird die Verkehrsführung angepasst.
Da der Kreisverkehr nun denkmalgeschützt ist, darf er selbstverständlich nicht verändert werden.
Auch das Befahren gilt inzwischen als kulturelles Erlebnis.
Autos müssen deshalb Schrittgeschwindigkeit fahren.
Busse verbeugen sich symbolisch.
Radfahrer erhalten Audiokommentare.
Fußgänger bekommen einen Lageplan.
Sogar Tauben werden offiziell als fliegende Kulturvermittler anerkannt.
Ein besonders engagierter Heimatverein fordert inzwischen den UNESCO-Welterbestatus.
Die Begründung umfasst 780 Seiten.
Darin heißt es unter anderem:
„Dieses Bauwerk verkörpert die zeitlose Frage, wohin man eigentlich wollte.“
Die UNESCO antwortet höflich.
Man prüfe den Antrag.
Allerdings müsse zunächst geklärt werden, welche Ausfahrt offiziell die Hauptrichtung darstelle.
Seitdem tagt eine internationale Expertenkommission.
Voraussichtlicher Abschluss:
Das Tourismusbüro verkauft inzwischen Souvenirs.
Mini-Kreisverkehre.
Schlüsselanhänger.
Schneekugeln.
Tassen.
Und ein Brettspiel.
Es trägt den Titel:
„Finde den ursprünglichen Baugrund.“
Bis heute hat es niemand gewonnen.
Selbst Navigationssysteme geraten regelmäßig ins Grübeln.
„Im Kreisverkehr…“
Kurze Pause.
„…bitte bleiben Sie im Kreisverkehr.“
„Sie befinden sich weiterhin im Kreisverkehr.“
„Möchten Sie hier wohnen?“
Einige Autofahrer antworten mittlerweile mit „Ja“.
Die Mieten seien schließlich günstiger als in der Innenstadt.
Unterdessen veröffentlicht das Bauamt eine sensationelle Pressemitteilung.
Man habe alte Akten gefunden.
Die Freude ist riesig.
Endlich werde das Geheimnis gelüftet.
Feierlich öffnet der Amtsleiter den Ordner.
Die erste Seite lautet:
„Projekt Kreisverkehr.“
Die zweite Seite fehlt.
Die dritte ebenfalls.
Der Rest wurde versehentlich vor Jahren geschreddert, weil der Keller Platz für neue Akten brauchte.
Betretenes Schweigen.
Dann nickt der Denkmalpfleger zufrieden.
„Perfekt.“
„Jetzt ist endgültig bewiesen, dass der Kreisverkehr ein authentisches Zeugnis deutscher Verwaltungsgeschichte ist.“
Der Bürgermeister lächelt stolz.
„Und was machen wir jetzt?“
Der Bauamtsleiter antwortet ohne zu zögern:
„Wir bauen daneben einen zweiten Kreisverkehr.“
„Warum?“
Lange Stille.
Dann zucken alle gleichzeitig mit den Schultern.
In diesem Moment wusste jeder Anwesende:
Der zukünftige Denkmalschutz war bereits gesichert.




