Donald Trump hat eine überraschende Entdeckung gemacht: Richter sind offenbar keine lebenslang beschäftigten Kundenservice-Mitarbeiter des Präsidenten.
Der Supreme Court hatte es gewagt, bei der Briefwahl nicht so zu entscheiden, wie Trump es sich gewünscht hatte.
In normalen Demokratien nennt man das richterliche Unabhängigkeit.
Im Trump-Universum offenbar Vertragsbruch.
Besonders bitter: Auch die von Trump selbst ernannten Richter bekamen anschließend öffentlich Ärger. Sie seien nicht mehr dieselben Menschen, die er einst interviewt habe.
Damit erhält das amerikanische Verfassungsrecht endlich ein neues Auswahlkriterium:
„Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?“
Falsche Antwort: „Als unabhängiger Richter.“
Richtige Antwort: „Natürlich noch exakt dort, wo Sie mich politisch bestellt haben.“
Dabei gibt es allerdings ein kleines Problem: Das Gericht veröffentlichte gar keine vollständige Abstimmungsliste.
Trump wusste also offenbar schon, welche Richter ihn „verraten“ hatten, bevor öffentlich feststand, wer überhaupt wie abgestimmt hatte.
Willkommen in der trumpschen Quantenjurisprudenz.
Dort ist ein Richter gleichzeitig loyal und illoyal, konservativ und linksradikal, unabhängig und ferngesteuert – bis Donald Trump Truth Social öffnet und den Zustand durch Beobachtung festlegt.
In der Physik nennt man das Superposition.
Im Weißen Haus heißt es Personalführung.
Besonders praktisch: Fakten müssen dabei nicht vorliegen. Es genügt, dass das Ergebnis falsch aussieht.
Dann kollabiert die politische Wellenfunktion automatisch in den Zustand:
„Verrat.“
Schuld ist natürlich wieder die „radikale Linke“.
Sie verfügt nach Trumps Darstellung offenbar inzwischen über nahezu übernatürliche Fähigkeiten. Sie kontrolliert politische Gegner, beeinflusst Gerichte und schafft es anscheinend sogar, konservative Richter fernzusteuern, die Trump persönlich ins Amt gebracht hat.
Vielleicht sitzt die radikale Linke inzwischen sogar in Trumps eigener Personalabteilung.
Das würde zumindest erklären, warum seine handverlesenen Richter plötzlich Richter spielen.
Die eigentliche Tragödie liegt tiefer.
Trump scheint Höchstrichter ungefähr so zu betrachten wie Hotelhandtücher mit Monogramm: Wenn man sie selbst bestellt hat, erwartet man eigentlich, dass sie einem gehören.
Doch der Supreme Court weigert sich hartnäckig, ein juristisches Treuebonusprogramm einzuführen.
Keine Präsidentenkarte.
Keine Loyalty Points.
Keine automatische Mehrheitsentscheidung nach dem Modell:
Drei Richter ernannt – eine Verfassung gratis.
Damit entwickelt sich Washington zunehmend zu einem Ort schwer kontrollierbarer Institutionen.
Gerichte urteilen.
Parlamentarier stimmen ab.
Wähler wählen.
Für einen Politiker, der Loyalität besonders schätzt, ist das natürlich organisatorisch kaum zumutbar.
Vielleicht bekommt das nächste Richterinterview deshalb eine zusätzliche Frage:
„Werden Sie die Verfassung unabhängig auslegen?“
Wer „Ja“ sagt, ist sofort raus.
Wer antwortet:
„Welche Version hätten Sie denn gern?“
hat ausgezeichnete Karrierechancen.




