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KOLUMNE

30 Jahre Bürgermeister-Show: Als die Verwaltung zur Dauerbühne wurde

admin · 28.06.2026 · 5 Min. Lesezeit
Grafik: 30 Jahre Bürgermeister-Show in NRW-Kommunen
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Vor rund drei Jahrzehnten verabschiedeten sich die nordrhein-westfälischen Kommunen von einem Modell, das zwar wenig Glamour, dafür aber eine klare Rollenverteilung kannte. Der ehrenamtliche Bürgermeister repräsentierte die Stadt nach außen, während der Stadtdirektor die Verwaltung führte. Der eine durchschnitt Bänder, der andere Aktenberge. Es war eine Arbeitsteilung, die ungefähr so aufregend war wie ein Haushaltsplan – und genau deshalb erstaunlich effektiv.

Dann kam die große Verwaltungsreform.

Fortan sollte alles einfacher werden. Moderner. Bürgernäher. Der Bürgermeister wurde hauptamtlicher Verwaltungschef und gleichzeitig politisches Gesicht der Kommune. Eine Person sollte nun alles können: führen, repräsentieren, moderieren, entscheiden, motivieren, lächeln, Hände schütteln, Schützenfeste eröffnen, Förderbescheide entgegennehmen, Weihnachtsmärkte besuchen, Kindergartenlaternen bestaunen und nebenbei noch eine Verwaltung mit mehreren tausend Beschäftigten steuern.

Die Theorie klang hervorragend.

Die Praxis entwickelte sich... kreativ.

Heute könnte man in manchen Rathäusern den Eindruck gewinnen, dass die wichtigste Organisationseinheit nicht mehr das Hauptamt, das Ordnungsamt oder die Kämmerei ist, sondern die Abteilung "Fototerminmanagement". Ihr Auftrag ist ebenso klar wie überlebenswichtig: Der Bürgermeister muss möglichst oft möglichst sympathisch aussehen.

Kaum wird irgendwo ein Blumenkübel aufgestellt, erscheint ein Fotograf.

Wird ein Fahrradständer montiert, steht bereits das Social-Media-Team bereit.

Erhält der Bauhof neue Warnwesten, dauert es keine zehn Minuten, bis ein Gruppenfoto mit Daumen nach oben veröffentlicht wird.

Der Verwaltungsapparat arbeitet inzwischen nach einer völlig neuen Kennzahl: Anzahl veröffentlichter Lächeln pro Kalenderwoche.

Dabei entstehen wahre Meisterwerke kommunaler Öffentlichkeitsarbeit.

"Der Bürgermeister besucht den Bauhof."

"Der Bürgermeister besucht die Feuerwehr."

"Der Bürgermeister besucht den Bürgermeister."

Letzteres geschieht vorzugsweise beim Blick in den Spiegel vor dem nächsten Pressetermin.

Währenddessen sitzt irgendwo im zweiten Obergeschoss ein Sachbearbeiter und fragt vorsichtig, ob vielleicht noch jemand Zeit hätte, den seit acht Monaten wartenden Organisationsentwicklungsbericht zu lesen.

Die Antwort lautet selbstverständlich:

"Nicht jetzt. Der Bürgermeister muss gleich ein Insektenhotel eröffnen."

Früher sprach man von Verwaltungsmodernisierung.

Heute spricht man eher von Veranstaltungsmanagement mit angeschlossener Behörde.

Kaum vergeht ein Tag ohne Eröffnung, Spatenstich, Jubiläum, Empfang, Bürgerdialog, Pressegespräch, Fotowand, Sponsorenlauf oder symbolische Schlüsselübergabe.

Manchmal entsteht sogar der Eindruck, Projekte würden ausschließlich deshalb umgesetzt, damit es später ein schönes Gruppenfoto gibt.

Der eigentliche Bau beginnt dann irgendwann zwischen zwei Wahlperioden.

Besonders faszinierend ist dabei die Evolution der Pressestellen.

Früher schrieben sie Pressemitteilungen.

Heute produzieren sie Content.

Mit Storytelling.

Authentizität.

Emotionalisierung.

Hashtags.

Drohnenaufnahmen.

Reels.

Zeitraffer.

Musikuntermalung.

Und selbstverständlich der unvermeidlichen Nahaufnahme des Bürgermeisters, wie dieser konzentriert auf einen frisch gepflanzten Baum blickt, als habe er persönlich die Photosynthese erfunden.

Natürlich wird stets betont, dass es ausschließlich um Transparenz gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern gehe.

Zufällig endet jede Veröffentlichung allerdings mit einem Bild, auf dem der Bürgermeister exakt im goldenen Schnitt zwischen Sonnenuntergang und glücklichen Kindern positioniert wurde.

Ein bemerkenswerter Zufall.

Auch innerhalb der Verwaltung verändert sich vieles.

Wer früher Karriere machen wollte, musste komplexe Verwaltungsabläufe verstehen.

Heute hilft zusätzlich die Fähigkeit, innerhalb von drei Sekunden einen roten Teppich faltenfrei auszurollen.

Terminplanung entwickelt sich zur Königsdisziplin.

Nicht etwa wegen wichtiger Ausschusssitzungen.

Sondern weil gleichzeitig eine Kita ihr Sommerfest feiert, der Schützenverein sein 125-jähriges Bestehen begeht, der Kaninchenzuchtverein einen Ehrenpokal vergibt und die neue Sitzbank im Stadtpark feierlich eingeweiht werden möchte.

Die eigentliche Verwaltungsarbeit wartet derweil geduldig.

Akten besitzen schließlich keine Pressefotografen.

Besonders spannend wird es kurz vor einer Kommunalwahl.

Plötzlich entdeckt die Verwaltung ungeahnte Höchstleistungen.

Spielplätze erscheinen quasi über Nacht.

Blumenkübel vermehren sich schneller als Kaninchen.

Radwege erhalten exakt an der Stelle neuen Asphalt, an der das Kamerateam später stehen wird.

Sogar Schlaglöcher scheinen erstaunliches Timing zu besitzen: Sie verschwinden kurz vor dem Wahlkampf und tauchen unmittelbar danach wieder auf, vermutlich aus Respekt vor demokratischen Prozessen.

Auch interne Besprechungen verändern ihren Charakter.

Früher fragte man:

"Wie lösen wir dieses Problem?"

Heute beginnt manches Meeting mit:

"Wie sieht das auf Instagram aus?"

Erst danach folgt eventuell die Überlegung, ob das zugrunde liegende Problem ebenfalls gelöst werden könnte.

Man möchte schließlich Prioritäten setzen.

Die Verwaltung entwickelt sich dadurch zunehmend zu einem bemerkenswerten Hybridwesen.

Ein bisschen Behörde.

Ein bisschen Werbeagentur.

Ein bisschen Eventagentur.

Ein bisschen Influencer-Marketing.

Mit dem Unterschied, dass Influencer meistens wissen, dass sie Influencer sind.

Dabei ist die eigentliche Aufgabe kommunaler Verwaltungen unverändert anspruchsvoll.

Haushaltsplanung.

Personalführung.

Digitalisierung.

Krisenmanagement.

Schulen.

Kindergärten.

Feuerwehr.

Sozialleistungen.

IT-Sicherheit.

Straßenbau.

Vergaberecht.

Datenschutz.

NIS-2.

Fachkräftemangel.

Das alles erledigt sich leider nicht durch einen besonders gelungenen Facebook-Beitrag mit Herzchen-Emoji.

Selbstverständlich wäre es unfair zu behaupten, jeder hauptamtliche Bürgermeister betreibe ausschließlich Selbstvermarktung. Es gibt zahlreiche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, die ihre Verwaltung hervorragend führen, schwierige Entscheidungen treffen und sich bewusst gegen den permanenten Inszenierungsdruck stellen. Doch das System selbst setzt Anreize, die schwer zu ignorieren sind: Wer direkt von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt wird, steht zwangsläufig stärker im politischen Schaufenster. Sichtbarkeit wird schnell zur eigenen Währung – manchmal fast ebenso wichtig wie Verwaltungskompetenz.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Ironie dieser Reform.

Sie sollte Verwaltung und Politik enger miteinander verbinden.

Entstanden ist in manchen Kommunen stattdessen eine permanente Wahlkampfbühne.

Jeder Spatenstich wirkt wie eine Generalprobe.

Jede Pressemitteilung wie ein kleiner Wahlflyer.

Jedes Bürgerfest wie ein Testlauf für den nächsten Urnengang.

Und irgendwo zwischen Fotowand, Luftballons, Eröffnungsrede und Selfie mit Maskottchen sitzt immer noch eine Verwaltungsmitarbeiterin oder ein Verwaltungsmitarbeiter über einer komplizierten Akte und denkt sich:

"Wenn diese Baugenehmigung endlich ein eigenes Sommerfest hätte, wäre sie wahrscheinlich längst erledigt."

Vielleicht wäre das sogar die konsequente Weiterentwicklung der kommunalen Verwaltungsreform.

Die Eröffnung jeder Akte.

Mit Blaskapelle.

Banddurchschnitt.

Sektempfang.

Und selbstverständlich einem professionellen Fotografen.

Denn eines hat die moderne Kommunalverwaltung gelernt:

Ein Vorgang, über den niemand berichtet, ist verwaltungstechnisch zwar abgeschlossen – politisch hat er aber eigentlich nie stattgefunden.

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