Im Landtag von Sachsen-Anhalt beginnt die neue Legislaturperiode mit jener Frage, die Demokratien seit der Antike umtreibt:
Wer sitzt wo – und wie viele Stühle braucht man, damit aus Mathematik plötzlich Machtpolitik wird?
Noch bevor das Parlament richtig losgelegt hat, beschäftigt sich der Vor-Ältestenrat mit Ausschüssen, Räumen und Sitzordnungen. Also mit genau jenen Themen, bei denen Bürger gewöhnlich sofort aufspringen und rufen: „Endlich kümmert sich jemand um die wirklich großen Fragen!“
Besonders beliebt ist derzeit das politische Möbelrechnen.
Die AfD möchte Ausschüsse so groß gestalten, dass sie dort genau die Hälfte der Plätze erhalten könnte. Das wäre keine Mehrheit, aber eine ausgesprochen praktische Form des parlamentarischen Türstoppers: Niemand kommt durch, solange niemand den Fuß wegnimmt.
Damit erreicht die höhere Mathematik endgültig den Landtag.
Früher musste man Wahlen gewinnen, Koalitionen schmieden oder andere überzeugen.
Heute genügt möglicherweise die richtige Anzahl Stühle.
Das demokratische Prinzip könnte künftig also lauten:
Nicht jede Stimme zählt – manchmal zählt vor allem der zwölfte Klappstuhl.
Andere Fraktionen finden diese Konstruktion weniger romantisch und verweisen darauf, dass Ausschüsse die Kräfteverhältnisse des Parlaments möglichst spiegeln sollen. Grüne und SPD erwägen für den Fall einer entsprechenden Regelung sogar den Gang zum Landesverfassungsgericht.
Doch damit nicht genug.
Auch die Sitzordnung soll offenbar revolutioniert werden.
Die AfD möchte künftig nicht mehr am rechten Rand sitzen, sondern in der Mitte des Plenums.
Politikwissenschaftler dürfen damit sämtliche Lehrbücher einstampfen.
Rechts und Mitte sind keine politischen Kategorien mehr.
Sie sind offenbar Fragen der Möblierung.
Wer lange genug einen Stuhl verschiebt, ist irgendwann automatisch Mitte.
Das eröffnet enorme Möglichkeiten.
Eine Partei könnte künftig ihre politische Ausrichtung einfach durch einen Umzug korrigieren.
Radikal? Zwei Sitze nach links.
Zu links? Drei Plätze nach rechts.
Extremistisch eingestuft? Vielleicht hilft ein Sitzkissen in Beige.
Besonders symbolträchtig wird es bei den Büroräumen. Auch über mögliche Umzüge von Geschäftsstellen wird gestritten.
Damit entwickelt sich der Landtag langsam zu einer Mischung aus Parlament und Wohnungsbesichtigung.
„Schöne Fraktion, gute Verkehrsanbindung, allerdings leider außerhalb des Hauptgebäudes.“
Am Ende könnte Sachsen-Anhalt ein völlig neues parlamentarisches System erfinden:
Gesetze werden nicht mehr ausgehandelt.
Sie werden eingerichtet.
Die Mehrheit steht nicht im Wahlergebnis.
Sie hängt vom Grundriss ab.
Und falls künftig doch einmal ein politisches Problem auftaucht, lässt sich auch dafür sicher eine Lösung finden:
Man stellt einfach einen weiteren Stuhl dazu.




