Deutschland gilt seit Jahrzehnten als Weltmeister der Verwaltung. Es gibt Formulare für Formulare, Merkblätter für Merkblätter und Informationsblätter, die erklären, wie man das Informationsblatt richtig liest. Wer glaubt, die deutsche Bürokratie habe bereits ihren kreativen Höhepunkt erreicht, kennt Alexander Dobrindt offenbar nicht.
Denn während andere Ministerien Straßen bauen, Schulen planen oder über den Haushalt streiten, scheint im Innenministerium inzwischen an einer völlig neuen Wissenschaft gearbeitet zu werden.
Sie trägt den verheißungsvollen Namen:
Psychologische Grenzwertverwaltung.
Dort wird nicht mehr gemessen, wie hoch ein LKW ist oder ob ein Koffer zu schwer ist.
Nein.
Jetzt wird das Gewicht menschlicher Schicksale bestimmt.
Im Keller des Ministeriums soll bereits ein gigantischer Scanner stehen.
Links kommt ein Mensch hinein.
Rechts erscheint ein Ausdruck.
Emotionale Belastung: 37,4 Kilogramm.
Leider überschreitet der Wert die zulässige Einfuhrmenge.
Bitte beim Zoll anmelden.
Der Zollbeamte hebt die Augenbraue.
„Haben Sie etwas zu verzollen?“
„Nur Erinnerungen.“
„Wie viele?“
„Zu viele.“
„Dann nehmen Sie bitte Nummer 84 und warten im Bereich für komplizierte Lebensgeschichten.“
Dort sitzen bereits Menschen aus aller Welt.
Vor ihnen leuchtet eine elektronische Anzeigetafel.
Aktuell bearbeitet: Kriegstrauma Nummer 12.
Geschätzte Wartezeit:
Vier bis fünf Regierungswechsel.
Die Beamten arbeiten selbstverständlich streng nach Vorschrift.
Jeder Fall erhält zunächst einen Aktenordner.
Dann einen zweiten.
Dann einen Ergänzungsordner.
Schließlich einen Sonderhefter mit dem Vermerk:
„Gefühle ungeordnet abgegeben.“
Daraufhin beginnt die eigentliche Verwaltung.
Eine Sachbearbeiterin fragt freundlich:
„Können Sie Ihre Albträume bitte alphabetisch sortieren?“
„Wie bitte?“
„Unsere Datenbank verarbeitet sie sonst nicht.“
„Sie kommen immer nachts.“
„Nachts ist leider keine gültige Sortierreihenfolge.“
Währenddessen entwickelt eine Projektgruppe bereits das neue Bewertungssystem.
Trauma bekommt künftig Sterne.
⭐ Ein Stern:
Der Kaffee war kalt.
⭐⭐ Zwei Sterne:
Der Urlaub war enttäuschend.
⭐⭐⭐ Drei Sterne:
Der Nachbar mäht sonntags Rasen.
⭐⭐⭐⭐ Vier Sterne:
Hier wird es langsam kompliziert.
⭐⭐⭐⭐⭐ Fünf Sterne:
Bitte wenden Sie sich an unsere Außenstelle für existenzielle Krisen.
Diese befindet sich allerdings derzeit im Umbau.
Eröffnung geplant:
Kurz nach dem Berliner Flughafen Teil zwei.
Das eigentlich Beeindruckende ist jedoch die außenpolitische Choreografie.
Einerseits wird erklärt, dass bestimmte Regierungen ungefähr so willkommen seien wie ein Legostein im Hausschuh.
Andererseits klingelt regelmäßig das Diensttelefon.
„Guten Tag.“
„Hier Alexander Dobrindt.“
„Ach, schon wieder.“
„Ja… wir hätten da eine organisatorische Kleinigkeit.“
„Sie wollten doch eigentlich gar nicht mit uns sprechen.“
„Tun wir auch nicht.“
„Und was ist das hier?“
„Ein verwaltungstechnischer Meinungsaustausch.“
„Verstehe.“
„Mit praktischer Zielorientierung.“
„Natürlich.“
Intern nennt man das vermutlich:
Kontaktaufnahme ohne Kontakt.
Eine diplomatische Meisterleistung.
Ungefähr vergleichbar mit:
„Ich esse keine Schokolade.“
Während man gleichzeitig den dritten Schokoriegel auspackt.
Im Auswärtigen Amt soll deshalb bereits ein neues Wörterbuch erschienen sein.
Kapitel A
Zusammenarbeit
= Zusammenarbeit, die offiziell keine Zusammenarbeit ist.
Kapitel B
Gespräch
= Nichtgespräch mit Redebeiträgen.
Kapitel C
Verhandlung
= Organisierter Nichtdialog.
Die deutsche Sprache zeigt sich wieder einmal erstaunlich flexibel.
Doch die eigentliche Revolution findet natürlich im Verwaltungsapparat statt.
Das Innenministerium testet bereits künstliche Intelligenz.
Der neue Computer trägt den Namen:
BÜROKRAT-3000.
Er analysiert sämtliche Akten innerhalb weniger Sekunden.
Leider beantwortet er jede Anfrage mit:
„Bitte reichen Sie dieselben Unterlagen noch einmal ein.“
Nach einem Softwareupdate ergänzt er immerhin:
„In dreifacher Ausfertigung.“
Selbstverständlich handschriftlich.
Mit schwarzem Kugelschreiber.
Blau wird aus Gründen der inneren Sicherheit nicht akzeptiert.
Ein Insider berichtet sogar von einer geplanten Smartphone-App.
Sie heißt:
TraumaToGo.
Dort kann jeder seine Sorgen hochladen.
Die App antwortet automatisch:
„Vielen Dank für Ihre Gefühle.
Ihre Bearbeitungsnummer lautet:
#847291-B.
Bitte sehen Sie in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten von Rückfragen ab.“
Besonders beliebt ist die Premium-Version.
Für 4,99 Euro im Monat erhält man Push-Nachrichten.
„Ihr Leid befindet sich aktuell in der fachlichen Prüfung.“
„Ihr Leid wurde an eine andere Abteilung weitergeleitet.“
„Ihr Leid konnte leider nicht zugestellt werden.“
„Versuchen Sie es später erneut.“
Im Bundestag diskutiert man derweil über neue Qualitätsstandards.
Einige Abgeordnete schlagen vor, sämtliche Emotionen künftig DIN-zertifizieren zu lassen.
Nur standardisierte Verzweiflung garantiere schließlich gleiche Verwaltungsabläufe.
Andere fordern QR-Codes für persönliche Schicksale.
Einmal scannen.
Fertig.
Der Scanner meldet:
„Diese Tragödie ist bereits registriert.“
Noch visionärer denkt allerdings die Arbeitsgruppe „Bürokratie 2040“.
Sie plant automatische Schranken an den Landesgrenzen.
Jeder Ankommende tritt auf eine Waage.
Nicht für das Körpergewicht.
Für die seelische Belastung.
Ein freundlicher Lautsprecher erklärt:
„Bitte stellen Sie Ihre Sorgen einzeln auf das Förderband.“
„Kindheit.“
Piepton.
„Krieg.“
Längerer Piepton.
„Flucht.“
Dauerpiepen.
„Verlust der Familie.“
Die Maschine beginnt zu rauchen.
Ein Techniker eilt herbei.
„Tut mir leid.“
„Unsere Software kennt so große Dateien nicht.“
Alexander Dobrindt dürfte diese Innovationen vermutlich als Bürokratieabbau verkaufen.
Schließlich ersetzt künftig ein Computer zehn Formulare.
Dafür entstehen zwölf neue Kontrollinstanzen.
Fortschritt muss schließlich organisiert werden.
Irgendwann wird das Ministerium vermutlich stolz verkünden, sämtliche Gefühle vollständig digitalisiert zu haben.
Die Server stehen selbstverständlich in einem klimatisierten Rechenzentrum.
Dort summen sie Tag und Nacht.
Nicht, weil sie überlastet wären.
Sondern weil sie verzweifelt versuchen auszurechnen, wie man Menschlichkeit in Excel-Spalten einträgt.
Und irgendwo sitzt ein Sachbearbeiter vor einer gigantischen Tabelle.
Spalte A:
Name.
Spalte B:
Geburtsdatum.
Spalte C:
Schicksal.
Beim Versuch, das alles sauber in eine Pivot-Tabelle einzusortieren, erscheint schließlich die einzige ehrliche Fehlermeldung, die eine deutsche Behörde jemals erzeugt hat:
„Dieser Vorgang ist zu komplex für ein Formular.“




