Es gibt Wirtschaftswunder, die niemand bestellt hat. Deutschland hatte einst Waschmaschinen, Autos und Kühlschränke. China bekam Fabriken, Containerhäfen und Smartphones. Und Nordkorea?
Nordkorea hat offenbar Artilleriegranaten.
Seit Russlands Präsident Wladimir Putin seinen Krieg gegen die Ukraine führt, erlebt Diktator Kim Jong-un wirtschaftlich Zeiten, bei denen selbst ein nordkoreanischer Wirtschaftsplaner kurz prüfen müsste, ob der Taschenrechner imperialistisch manipuliert wurde.
Nach einer Analyse von Bloomberg Economics soll Nordkorea zwischen 2022 und 2025 bis zu Viermal so viele Deviseneinnahmen wie in den vier Jahren zuvor erzielt haben.
Mit anderen Worten: Jahrzehntelang versuchte die internationale Gemeinschaft, Kim wirtschaftlich auszutrocknen – und dann kam Putin mit einer Einkaufsliste.
Ganz oben:
Granaten.
Darunter:
Noch mehr Granaten.
Und falls verfügbar:
Granaten.
Aus nordkoreanischen Munitionslagern wurden damit praktisch geopolitische Großmärkte.
Wo früher vermutlich ein Schild hing: "Vorräte für den revolutionären Endkampf", könnte heute stehen:
Großkunden bitte direkt zur Laderampe.
Allein fast 10 Milliarden Dollar soll Nordkorea mit Artilleriegranaten verdient haben. Etwa 2,5 Milliarden Dollar kamen demnach durch schwere Artillerie hinzu und eine weitere Milliarde durch ballistische Raketen.
Nordkoreas Exportkatalog liest sich inzwischen weniger wie eine Handelsbilanz und mehr wie die Inventarliste eines besonders schlecht gelaunten Endgegners.
Hinzu kommen noch hunderte Millionen Dollar für nordkoreanische Soldaten, die nach Russland geschickt wurden.
Damit hat Pjöngjang offenbar sogar einen Geschäftsbereich entdeckt, den Unternehmensberater vermutlich als Human Resources – sehr human optional bezeichnen würden.
Etwa 20.000 Soldaten soll Kim nach Russland entsandt haben.
Man kann sich die nordkoreanische Wirtschaftsplanung inzwischen ungefähr so vorstellen:
Abteilung A verkauft Granaten.
Abteilung B verkauft Raketen.
Abteilung C verkauft Soldaten.
Und Abteilung Controlling fragt anschließend begeistert:
"Können wir daraus ein Abonnement machen?"
Besonders bemerkenswert ist der Umfang der Lieferungen. Nach ukrainischen Geheimdienstschätzungen soll Nordkorea Ende 2025 zeitweise bis zu 50 Prozent des russischen Bedarfs an häufig verwendeter Artilleriemunition der Kaliber 122 und 152 Millimeter gedeckt haben.
Russland, jahrzehntelang selbst einer der größten Waffenproduzenten der Welt, bestellt also inzwischen Munition bei Nordkorea.
Das ist ungefähr so, als würde Bayern plötzlich Weißwürste aus Grönland importieren.
Doch die 22 Milliarden stammen nicht ausschließlich aus Putins Krieg.
Auch Handel mit China, nordkoreanische Arbeitskräfte im Ausland, IT-Dienstleistungen, Exporte und Internetkriminalität sollen Geld in die Staatskasse bringen.
Nordkorea besitzt damit womöglich das ungewöhnlichste Geschäftsportfolio der Welt:
Raketen.
Hacker.
Gastarbeiter.
Tourismus.
Artillerie.
Und irgendwo dazwischen wahrscheinlich ein Souvenirladen.
Westliche Sanktionen sollten eigentlich dafür sorgen, dass Kim wirtschaftlich immer weniger Möglichkeiten besitzt.
Das Ergebnis erinnert inzwischen allerdings an jemanden, der versucht, einen tropfenden Wasserhahn zuzudrehen, während der Nachbar gleichzeitig einen Feuerwehrschlauch durchs Fenster hält.
Putins Krieg hat Kim einen neuen Großkunden beschert.
Und Großkunden erhalten bekanntlich Service.
Vermutlich existiert inzwischen eine nordkoreanische Kundenkarte.
Nach zehn Millionen Granaten gibt es die elfmillionste kostenlos.
Versandkostenfrei ab einer gewissen Eskalationsstufe.
Besonders beruhigend ist natürlich, wofür Kim die zusätzlichen Milliarden verwendet.
Nicht etwa für neue Krankenhäuser.
Nicht für Schulen.
Nicht für ein revolutionäres nordkoreanisches Glasfasernetz.
Sondern unter anderem für sein Atom- und Raketenprogramm.
In den vergangenen Jahren präsentierte Nordkorea neue Kriegsschiffe, modernisierte Raketen und profitierte offenbar zusätzlich vom militärischen Wissensaustausch mit Russland.
Das Geschäftsmodell besitzt damit einen beeindruckenden Kreislauf:
Nordkorea verkauft Waffen.
Nordkorea bekommt Geld.
Nordkorea baut bessere Waffen.
Nordkorea kann anschließend bessere Waffen verkaufen.
Volkswirtschaftler nennen so etwas vermutlich Wachstum.
Der Rest der Menschheit nennt es eher:
Ach du Scheiße.
Auch Südkorea und Japan meldeten erneut einen mutmaßlichen nordkoreanischen Raketenstart Richtung Meer.
Das Meer dürfte inzwischen das am häufigsten beschossene Objekt sein, das überhaupt nichts mit der Sache zu tun hat.
Sollte es irgendwann diplomatisch vertreten werden, dürfte seine erste Forderung lauten:
"Könnt ihr eure Raketentests bitte woanders machen?"
Am Ende bleibt eine besonders bittere Pointe internationaler Sanktionspolitik.
Während der Westen versucht, Russland und Nordkorea wirtschaftlich zu isolieren, haben Wladimir Putin und Kim Jong-un offenbar ihre eigene Handelsgemeinschaft gegründet.
Keine Freihandelszone.
Eher eine Freischießhandelszone.
Und irgendwo in Pjöngjang dürfte Kim inzwischen auf die Bilanz schauen und feststellen:
Der Kapitalismus ist selbstverständlich weiterhin dekadent und verwerflich.
Aber 22 Milliarden Dollar?
Die nimmt man dann doch.




