Es gibt Menschen, die brauchen 35 Minuten, um einen Kaffee auszuwählen. Andere schaffen in derselben Zeit genau drei E-Mails, zwei Telefonate und einen kleinen Nervenzusammenbruch.
Und dann gibt es Sergej Lawrow und Marco Rubio.
Die beiden beschlossen, dass 35 Minuten vollkommen ausreichen müssten, um nebenbei die größte geopolitische Krise Europas, mehrere globale Spannungen und die Zukunft der Raumfahrt abzuhandeln. Wahrscheinlich blieb sogar noch genügend Zeit, um sich gegenseitig zu erklären, weshalb selbstverständlich ausschließlich die jeweils andere Seite an allem schuld sei – einschließlich schlechter Hotelkissen und verspäteter Flugzeuge.
Bereits beim Händeschütteln wurde internationalen Beobachtern klar, dass hier zwei wahre Meister ihres Fachs aufeinandertrafen.
Das Lächeln war exakt so breit, wie es diplomatische Vorschriften zulassen.
Nicht mehr.
Nicht weniger.
Es war jenes professionelle Lächeln, das irgendwo zwischen "Schön, Sie zu sehen" und "Wir widersprechen uns seit Jahren mit beeindruckender Ausdauer" angesiedelt ist.
Nach den Fotografen begann der eigentliche Marathon.
Oder besser gesagt: der diplomatische Sprint.
Denn wer nur 35 Minuten zur Verfügung hat, muss Prioritäten setzen.
Punkt eins:
Alle sind anderer Meinung.
Punkt zwei:
Alle bleiben anderer Meinung.
Punkt drei:
Man trifft sich irgendwann wieder.
Damit war der Großteil der Tagesordnung bereits erfolgreich abgearbeitet.
Sergej Lawrow eröffnete den Austausch mit einer ausführlichen Schilderung der aktuellen Weltlage. Seine Version hatte ungefähr dieselbe Ausgewogenheit wie ein Restaurantbesitzer, der sein eigenes Schnitzel zum besten Gericht des Planeten erklärt und sämtliche Konkurrenzrestaurants versehentlich auf der Speisekarte vergisst.
Marco Rubio hörte aufmerksam zu.
Gelegentlich nickte er.
Nicht zustimmend.
Sondern in jener Art, mit der Menschen signalisieren:
"Ja, ich habe jedes Wort gehört. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich es in mein persönliches Weltbild übernehmen werde."
Kaum war dieser Programmpunkt beendet, begann bereits das internationale Lieblingsspiel.
Es trägt den Titel:
"Wer ist eigentlich schuld?"
Die Spielregeln sind denkbar einfach.
Jeder Spieler erklärt ausführlich, dass sämtliche Probleme ausschließlich durch alle anderen entstanden seien.
Zusatzpunkte gibt es für besonders kreative Schuldzuweisungen.
Europa belegte selbstverständlich erneut einen Spitzenplatz.
Der Kontinent scheint mittlerweile eine Art diplomatische Universalfernbedienung geworden zu sein.
Inflation?
Europa.
Schlechtes Wetter?
Europa.
Zu wenig Sonnenschein?
Bestimmt Europa.
Kaffee kalt?
Man sollte sich Europa einmal genauer ansehen.
Währenddessen blickte irgendwo ein Beamter in Brüssel auf seinen Kalender und murmelte wahrscheinlich:
"Schon wieder Dienstag."
Anschließend wanderte das Gespräch in jene geheimnisvolle Parallelwelt, in der frühere Treffen legendäre Ausmaße annehmen.
Dort existieren Vereinbarungen, deren Inhalt niemand kennt.
Beschlüsse, die nie jemand gesehen hat.
Notizen, die vermutlich gemeinsam mit Atlantis und dem Bernsteinzimmer verschwunden sind.
Immer wenn über diese legendären Gespräche gesprochen wird, entsteht der Eindruck, irgendwo müsse ein Tresor existieren.
Darin liegt ein einzelner Umschlag.
Auf dem Umschlag steht:
"Nicht öffnen. Enthält vermutlich Weltfrieden."
Niemand traut sich heran.
Während sich Diplomaten durch diese geheimnisvollen Erinnerungen arbeiteten, verging Minute um Minute.
Die Uhr wurde langsam zum eigentlichen Verhandlungspartner.
Jeder Blick auf das Zifferblatt wirkte wie eine höfliche Erinnerung:
"Bitte beeilen. Die Welt wartet."
Irgendwann kam selbstverständlich das Thema Gebiete auf.
Es ist faszinierend, wie häufig in der internationalen Politik vorgeschlagen wird, andere mögen doch einfach auf einen Teil ihres Landes verzichten.
Das erinnert stark an den Nachbarn, der klingelt und freundlich fragt:
"Ich hätte gern Ihr Wohnzimmer. Dafür verspreche ich, gelegentlich freundlich zu winken."
Wolodymyr Selenskyj gehört weiterhin zu den Menschen, die diesem Immobilienmodell erstaunlich wenig Begeisterung entgegenbringen.
Eine überraschende Haltung.
Fast so ungewöhnlich wie Hauseigentümer, die ihre Haustür nicht verschenken möchten.
Währenddessen lief die Uhr weiter.
Noch zwölf Minuten.
Zeit für den Nahen Osten.
Über das Ergebnis wurde anschließend nahezu nichts bekannt.
Internationale Beobachter vermuten deshalb, dass das Gespräch ungefähr folgenden Verlauf genommen haben könnte:
"Schwierige Lage."
"Ja."
"Sehr schwierig."
"Absolut."
"Dann sprechen wir später weiter."
"Eindeutig."
Fertig.
Doch plötzlich geschah das Unfassbare.
Die Stimmung wurde beinahe harmonisch.
Grund war nicht etwa ein politischer Durchbruch.
Nein.
Es ging um die Internationale Raumstation.
Ausgerechnet mehrere hundert Kilometer über der Erde scheint Zusammenarbeit deutlich einfacher zu funktionieren als auf ihr.
Vielleicht liegt das daran, dass Astronauten keinen Platz haben, sich dauerhaft aus dem Weg zu gehen.
Oder daran, dass schwerelose Vorwürfe wesentlich langsamer durchs Modul schweben.
Man stelle sich dieselbe Logik auf der Erde vor.
Jede hitzige Debatte endet automatisch damit, dass sämtliche Teilnehmer plötzlich langsam Richtung Decke schweben.
Die Lautstärke sinkt schlagartig.
Nicht aus Einsicht.
Sondern weil Mikrofone kopfüber ausgesprochen unpraktisch sind.
Die Raumfahrt entwickelte sich damit zur eigentlichen Siegerin des Treffens.
Während unten weiter diskutiert wird, kreist die ISS stoisch ihre Bahnen und denkt sich vermutlich:
"Kommt hoch. Hier oben funktioniert Teamarbeit erstaunlich gut."
Mittlerweile waren bereits mehr als dreißig Minuten vergangen.
Internationale Krisen lassen sich offenbar nur schwer zwischen Begrüßungsfoto und Rückflug einplanen.
Dennoch erklärten beide Seiten anschließend, dass man selbstverständlich miteinander in Kontakt bleiben werde.
Dieser Satz gehört zum diplomatischen Grundwortschatz.
Er bedeutet ungefähr so viel wie:
"Wir verabschieden uns jetzt höflich und sehen später weiter."
Er steht auf einer Stufe mit Formulierungen wie:
"Das nehmen wir mit."
"Wir prüfen das."
"Es gab einen konstruktiven Austausch."
Oder dem legendären:
"Die Gespräche fanden in offener Atmosphäre statt."
Ein Ausdruck, der meistens lediglich beschreibt, dass niemand den Konferenzraum verlassen hat.
Am Ende gingen beide Delegationen auseinander.
Die Fotografen packten ihre Kameras ein.
Die Dolmetscher atmeten durch.
Die Kaffeetassen wurden eingesammelt.
Die Welt drehte sich unverändert weiter.
Und irgendwo begann vermutlich bereits die Planung für das nächste historische Spitzentreffen.
Diesmal vielleicht sogar mit sensationellen 40 Minuten.
Genug Zeit also für einen zweiten Kaffee.
Oder – wenn wirklich alles optimal läuft – für einen zusätzlichen Handschlag.
In der internationalen Diplomatie gilt schließlich eine eiserne Regel:
Wenn sich nach dem Treffen alle gegenseitig bestätigen, wie wichtig weitere Gespräche sind, wurde zwar nichts gelöst – aber immerhin das nächste Treffen erfolgreich vorbereitet.




