Berlin besitzt viele berühmte Attraktionen.
Das Brandenburger Tor.
Den Fernsehturm.
Den Flughafen, der bewiesen hat, dass Geduld ein Lebensstil sein kann.
Und neuerdings offenbar auch den wohl meistdiskutierten Terminkalender der Republik.
Denn Kai Wegner, Regierender Bürgermeister von Berlin, erlebt derzeit eine politische Woche, bei der selbst professionelle Wetterfrösche Schwierigkeiten hätten, die Großwetterlage korrekt vorherzusagen.
Noch vor wenigen Monaten galt er als das Gesicht der Berliner CDU.
Heute scheint seine Partei zu prüfen, ob das Gesicht vielleicht kurzfristig gegen ein neueres Modell ausgetauscht werden sollte.
Die politische Luft wird dünner.
So dünn, dass inzwischen vermutlich sogar Sauerstoffmasken im Konrad-Adenauer-Haus bestellt werden.
Nachdem bereits die Berliner Junge Union öffentlich Zweifel angemeldet hatte, melden sich nun auch CDU-Mitglieder mit einem offenen Brief zu Wort.
Ein offener Brief ist in der Politik ungefähr das, was in einer Familie der Satz ist:
"Wir müssen uns mal unterhalten."
Niemand freut sich darauf.
Alle wissen, dass es unerquicklich wird.
Besonders bemerkenswert ist dabei die Begründung.
Man schreibe nicht gegen die Partei.
Man schreibe, um sie zu schützen.
Das ist ungefähr so beruhigend wie der Hinweis eines Zahnarztes:
"Das wird jetzt nur ganz kurz unangenehm."
Initiator des Schreibens soll Christian Miele sein.
Er fordert gemeinsam mit weiteren CDU-Mitgliedern, dass Kai Wegner sowohl auf das Amt des Regierenden Bürgermeisters als auch auf die Spitzenkandidatur verzichten möge.
Elf Wochen bis zur Wahl würden schließlich für einen glaubwürdigen Neustart reichen.
Elf Wochen.
In Berlin entspricht das ungefähr drei Baustellen, fünf Pressekonferenzen und zwölf neue Meinungsumfragen.
Politisch betrachtet also fast schon eine Ewigkeit.
Währenddessen entwickelt sich der Terminkalender von Kai Wegner zu einer Art Rätselheft.
Bundesrat?
Abgesagt.
Rede?
Entfällt.
Termin am Wannsee?
Nicht mehr im Programm.
Nun beobachten Hauptstadtjournalisten jede Kalenderänderung mit der Aufmerksamkeit von Ornithologen, die einen äußerst seltenen Vogel entdeckt haben.
"Hat er den Termin wirklich gestrichen?"
"War das geplant?"
"Hat der Kalender selbst gekündigt?"
Inzwischen genügt offenbar bereits ein leerer Nachmittag, um mindestens drei Sondersendungen auszulösen.
Besonders spannend wird die Frage, ob der Bürgermeister beim Hissen der Regenbogenflagge erscheint.
Oder beim Baustellentermin.
Oder beim nächsten Termin.
Oder überhaupt irgendwo.
Berlin entwickelt sich langsam zur Stadt der politischen Überraschungsauftritte.
Vielleicht erscheint der Bürgermeister plötzlich in einer Bäckerei.
Vielleicht in einer U-Bahn.
Vielleicht gar nicht.
Die Spekulationen laufen bereits auf Hochtouren.
Auch der CDU-Landesvorstand kommt zusammen.
Zusammenkünfte dieser Art beginnen traditionell mit den Worten:
"Wir müssen offen miteinander sprechen."
Übersetzt bedeutet das meist:
"Bitte bringt ausreichend Kaffee mit."
Denn politische Krisensitzungen folgen einem bewährten Ablauf.
Zunächst erklärt jeder, dass die Situation ernst sei.
Danach betont jeder, dass man geschlossen auftreten müsse.
Anschließend wird ungefähr vier Stunden darüber diskutiert, warum man gerade überhaupt nicht geschlossen wirkt.
Zum Schluss treten alle gemeinsam vor die Presse und verkünden mit ernster Miene:
"Es war ein konstruktiver Austausch."
Das ist der politische Universalbegriff für nahezu jedes denkbare Ergebnis.
Die Berliner CDU dürfte inzwischen ohnehin feststellen, dass Wahlkampf erstaunlich wenig mit Plakaten und erstaunlich viel mit internen Gesprächen zu tun haben kann.
Während andere Parteien Slogans entwerfen, beschäftigt man sich hier offenbar intensiv mit der Frage:
"Wer soll sie eigentlich vortragen?"
Auch die Meinungsumfragen tragen nicht gerade zur Entspannung bei.
Die Linke liegt vorne.
Die Grünen folgen dicht dahinter.
Die AfD ebenfalls.
Und die CDU blickt auf ihre Werte ungefähr so begeistert wie ein Berliner Autofahrer auf eine neue Baustellenankündigung.
Optimismus sieht anders aus.
Doch Politik wäre nicht Politik ohne ihre besondere Sprache.
Niemand spricht von Problemen.
Es handelt sich um Herausforderungen.
Niemand verliert Rückhalt.
Man erlebt eine dynamische Lageentwicklung.
Und niemand wird zum Rücktritt aufgefordert.
Es geht lediglich um einen glaubwürdigen Neustart.
Neustarts sind ohnehin die Lieblingsbeschäftigung der Politik.
Kaum läuft etwas nicht nach Plan, wird sofort ein Neustart angekündigt.
Man könnte meinen, Regierungen verfügten über denselben Knopf wie ein abgestürzter Computer.
Einmal neu starten.
Alles funktioniert wieder.
Leider besitzt die Wirklichkeit eine bemerkenswerte Eigenschaft.
Sie ignoriert Softwarelogik.
Währenddessen beobachten Berliner Journalisten jede Bewegung im Roten Rathaus.
Verlässt jemand das Gebäude?
Sofort Spekulationen.
Betritt jemand das Gebäude?
Neue Spekulationen.
Bleibt jemand einfach sitzen?
Auch das wird analysiert.
Man gewinnt langsam den Eindruck, die spannendste Realityshow Deutschlands spiele sich inzwischen in Berliner Sitzungssälen ab.
Mit Live-Ticker.
Eilmeldungen.
Expertenrunden.
Und natürlich unzähligen Quellen, die "mit den Vorgängen vertraut" sind.
Diese geheimnisvollen Quellen gehören längst zum festen Inventar der Hauptstadt.
Sie wissen alles.
Sie verraten fast nichts.
Und sie sprechen grundsätzlich nur anonym.
Selbst Kaffeemaschinen sollen inzwischen ausgezeichnete Kontakte besitzen.
Am Ende bleibt dennoch eine bemerkenswerte Erkenntnis.
Politische Karrieren können erstaunlich schnell vom Höhenflug in den Sinkflug wechseln.
Gestern noch Wahlsieger.
Heute Krisensitzung.
Morgen möglicherweise Neustart.
Oder doch nicht.
Berlin bleibt eben Berlin.
Eine Stadt, in der Baustellen häufiger den Standort wechseln als manche politische Mehrheiten.
Und während der Verkehr zuverlässig im Stau steht, rast die Gerüchteküche mit Höchstgeschwindigkeit durch sämtliche Parteizentralen.
Ob Kai Wegner am Ende Spitzenkandidat bleibt oder nicht, wird sich zeigen.
Bis dahin dürfte allerdings noch reichlich Kaffee gekocht, noch mehr telefoniert und vermutlich eine beeindruckende Zahl weiterer offener Briefe geschrieben werden.
Denn in Berlin gilt inzwischen offenbar eine neue politische Regel:
Nicht der Wahlkampf beginnt zuerst.
Sondern die Diskussion darüber, wer ihn überhaupt führen darf.




