Die Vereinten Nationen haben wieder einmal Geschichte geschrieben.
Nach jahrelangen Krisen, unzähligen Gipfeltreffen, tausenden Resolutionen und einer kaum noch überschaubaren Anzahl diplomatischer Formulierungen gelang endlich der ganz große Durchbruch:
Der Weltfrieden wurde beschlossen.
Einstimmig.
Mit großer Mehrheit.
Unter Beifall.
Mit Gruppenfoto.
Und selbstverständlich mit einer gemeinsamen Abschlusserklärung, in der die Worte "historisch", "nachhaltig", "gemeinsam" und "international" jeweils mindestens zwölfmal vorkamen.
Eigentlich sollte der Frieden bereits am Dienstag in Kraft treten.
Doch am Montagabend stellte die zuständige Arbeitsgruppe fest, dass der Dienstag terminlich ausgesprochen ungünstig liege.
Mehrere Delegationen hätten bereits andere Verpflichtungen.
Einige Außenminister seien auf Klimakonferenzen.
Andere auf Wirtschaftsgipfeln.
Wieder andere müssten dringend eine Pressekonferenz über den bevorstehenden Weltfrieden vorbereiten.
Nach intensiver Beratung einigte man sich daher auf einen vernünftigen Kompromiss.
Der Frieden wird selbstverständlich umgesetzt.
Allerdings erst am Mittwoch.
Vorbehaltlich einer erneuten Terminprüfung.
Im Hauptquartier der Vereinten Nationen herrschte dennoch ausgelassene Stimmung.
Generalsekretäre, Diplomaten und Delegationen klopften sich gegenseitig auf die Schulter.
Ein Sprecher erklärte stolz:
"Wir haben den schwierigsten Teil bereits geschafft."
Journalisten fragten neugierig:
"Welchen denn?"
"Die Resolution."
"Und der Frieden?"
"Der folgt später."
Niemand wollte die gute Stimmung verderben.
Schließlich war allein die Einigung auf den Titel der Resolution eine diplomatische Meisterleistung gewesen.
Ursprünglich lautete der Entwurf:
"Weltfrieden."
Nach zwölf Verhandlungsrunden entstand schließlich die endgültige Fassung:
"Vorläufige gemeinsame Absichtserklärung zur perspektivischen Vorbereitung eines koordiniert angestrebten weltweiten friedensfördernden Maßnahmenpakets unter Berücksichtigung regionaler Besonderheiten."
Alle Beteiligten waren erleichtert.
Bis auf die Übersetzer.
Sie beantragten unmittelbar nach der Sitzung Sonderurlaub.
Natürlich musste der Weltfrieden zunächst durch verschiedene Gremien.
Eine Lenkungsgruppe.
Eine Steuerungsgruppe.
Eine Expertengruppe.
Drei Unterausschüsse.
Eine Nachhaltigkeitskommission.
Zwei Evaluierungsbeiräte.
Und selbstverständlich den Arbeitskreis "Friedenskommunikation und harmonisierte Konfliktvermeidung".
Dieser tagt traditionell besonders konfliktfreudig.
Währenddessen erreichte die erste Rückmeldung aus der Praxis die UNO.
Ein Delegierter meldete sich höflich:
"Wir würden den Frieden grundsätzlich begrüßen."
"Allerdings nur, wenn zunächst geklärt wird, wer ihn finanziert."
Damit war das Thema beim wichtigsten internationalen Streitpunkt angekommen.
Der Gegenfinanzierung.
Einige Staaten erklärten sich bereit, Frieden zu unterstützen.
Andere wollten zunächst Fördermittel beantragen.
Eine Delegation schlug vor, einen Weltfriedensfonds einzurichten.
Zur Beantragung dieses Fonds wurde ein vereinfachtes Formular entwickelt.
Es umfasst lediglich 612 Seiten.
Ohne Anlagen.
Das gilt bei den Vereinten Nationen bereits als bemerkenswert bürgerfreundlich.
Parallel dazu arbeitete die Pressestelle bereits an der öffentlichen Kommunikation.
Es entstand ein Werbeslogan.
"Weltfrieden – jetzt mit noch mehr Nachhaltigkeit."
Marketingexperten waren begeistert.
Anschließend diskutierte man zwei Stunden darüber, welche Schriftart den Frieden am besten repräsentiere.
Die Sitzung endete ohne Ergebnis.
Besonders intensiv verlief die Debatte über den Starttermin.
Warum ausgerechnet Dienstag?
Ein Vertreter erklärte:
"Montag ist wegen der Anreise ungünstig."
Ein anderer ergänzte:
"Freitag wäre zu nah am Wochenende."
Daraufhin meldete sich eine Delegation mit dem Vorschlag:
"Vielleicht Quartal drei."
Dieser Antrag wurde zur weiteren Prüfung an die Terminfindungskommission überwiesen.
Inzwischen beschäftigten sich Sicherheitsexperten mit der praktischen Umsetzung.
Sie entwickelten einen detaillierten Maßnahmenkatalog.
Punkt eins:
Keine Kriege mehr.
Punkt zwei:
Alle halten sich an Punkt eins.
Der Bericht umfasst 487 Seiten.
Die eigentlichen Inhalte finden sich auf Seite 463.
Zwischen einem Organigramm und der Kaffeepausenregelung.
Auch die Wirtschaft reagierte erfreut.
Hersteller von Weltkarten kündigten Sondereditionen ohne Krisengebiete an.
Rüstungsunternehmen stellten vorsorglich ihre Produktkataloge auf Gartengeräte um.
Ein Panzerhersteller präsentierte den ersten familienfreundlichen Rasenmäher mit NATO-Kompatibilität.
Die Börse zeigte sich optimistisch.
Aktien von Produzenten weißer Friedenstauben stiegen um 300 Prozent.
Gleichzeitig brach der Markt für Sandsäcke dramatisch ein.
Wissenschaftler beobachteten die Entwicklung mit Interesse.
Sie wollten herausfinden, wie lange ein beschlossener Weltfrieden benötigt, bis er tatsächlich bemerkt wird.
Die ersten Berechnungen ergaben:
Zwischen Beschluss und Realität liegen ungefähr dieselben Zeiträume wie zwischen der Eröffnung einer deutschen Großbaustelle und ihrer Fertigstellung.
Auch im diplomatischen Alltag änderte sich einiges.
Botschaften begannen, ihre Krisenräume in Besprechungszimmer umzubauen.
Militärattachés tauschten Planspiele gegen Kochkurse.
Ein General fragte vorsichtig:
"Und was machen wir jetzt?"
Die Antwort lautete:
"Vielleicht endlich Urlaub."
Er wusste mit dieser Information zunächst wenig anzufangen.
Natürlich entstanden sofort neue internationale Konferenzen.
Thema:
"Erfahrungen mit dem erfolgreichen Weltfrieden."
Bereits der erste Tagesordnungspunkt sorgte für Meinungsverschiedenheiten.
Sollte der Weltfrieden alphabetisch oder chronologisch eingeführt werden?
Mehrere Delegationen beantragten eine Vertagung.
Auf Mittwoch.
Mindestens.
Vielleicht liegt genau darin die wahre Stärke internationaler Diplomatie.
Sie beweist immer wieder eindrucksvoll, dass sich selbst das größte Ziel der Menschheitsgeschichte zunächst in eine Tagesordnung verwandeln lässt.
Mit Sitzordnung.
Namensschildern.
Kaffeepause.
Gruppenfoto.
Und einem Abschlusskommuniqué, das alle Beteiligten als historischen Erfolg feiern.
Am Ende wurde der Frieden tatsächlich beschlossen.
Feierlich.
Mit Applaus.
Mit Handschlag.
Mit einem Erinnerungsfoto.
Lediglich die Umsetzung musste leider verschoben werden.
Der Sitzungssaal war nämlich bereits für Mittwochvormittag an den Arbeitskreis "Nachhaltige Optimierung zukünftiger Friedensbeschlüsse" vergeben.
Und Ordnung muss schließlich sein.
Selbst beim Weltfrieden.




