Berlin ist Opfer eines schweren Hackerangriffs geworden. Das teilte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner nach einer Sondersitzung des Senats mit den Worten mit: „Das Land Berlin wird erpresst.“
Ein Satz, der zunächst dramatisch klingt, aber auch Fragen aufwirft. Vor allem diese: Wie genau erpresst man eigentlich Berlin?
Mit Geldforderungen?
Mit gestohlenen Daten?
Oder mit der Drohung, sämtliche Bürgeramtstermine für die nächsten sechs Monate freizuschalten?
Der Cyberangriff war Mitte August bekannt geworden. Betroffen waren unter anderem die Senatsverwaltungen für Verkehr sowie für Bauen und Wohnen. Also ausgerechnet zwei Bereiche, bei denen viele Berliner vermutlich erst einmal prüfen mussten, ob der Hackerangriff überhaupt eine messbare Veränderung verursacht hatte.
Die Behörden wurden vorsorglich vom Landesnetz getrennt.
Ein Bürger soll daraufhin gefragt haben:
„Und woran erkenne ich jetzt den Unterschied zu vorher?“
Berlin kündigte entschlossen an, auf die Forderungen der Täter nicht einzugehen. Damit wendet die Hauptstadt eine bewährte Verwaltungsstrategie an: Forderungen zunächst nicht bearbeiten.
Die Hacker könnten sich damit den denkbar ungünstigsten Gegner ausgesucht haben.
Denn klassische Cyberkriminelle arbeiten nach einem klaren Prinzip: System verschlüsseln, Lösegeld verlangen, Frist setzen.
Berlin hingegen arbeitet seit Jahrzehnten erfolgreich mit dem gegenteiligen Konzept:
Antrag erhalten, Zuständigkeit prüfen, weiterleiten, neue Zuständigkeit prüfen, Aktenzeichen vergeben, Rückfrage stellen und anschließend drei Monate Urlaubssituation.
Eine Erpressermail mit der Aufschrift „Zahlen Sie innerhalb von 72 Stunden!“ könnte daher problemlos im zentralen Postfach landen und nach vier Wochen mit dem Hinweis beantwortet werden:
„Ihr Anliegen befindet sich derzeit in Bearbeitung.“
Für Hacker ist das psychologisch verheerend.
Möglicherweise sitzen die Täter bereits verzweifelt vor ihren Rechnern und aktualisieren stündlich ihr Bitcoin-Konto.
Berlin aber schweigt.
Nicht aus Angst.
Sondern weil der zuständige Sachbearbeiter dienstags nur von 9.15 bis 11.30 Uhr erreichbar ist.
Das Landeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft ermitteln inzwischen. Über die konkrete Form der Erpressung machte Wegner keine Angaben.
Vielleicht fordern die Täter Millionen.
Vielleicht drohen sie mit Veröffentlichung sensibler Daten.
Vielleicht verlangen sie aber auch etwas wirklich Unmenschliches: einen komplett digitalen Bauantrag ohne Faxgerät.
Sollten die Hacker tatsächlich Verwaltungsdaten gestohlen haben, erwartet sie ohnehin noch eine Überraschung.
Denn irgendwo in Berlin lagert vermutlich weiterhin die entscheidende Sicherheitskopie.
Auf Papier.
In einem grauen Aktenschrank.
Im Keller.
Beschriftet mit „Digitalisierung 2018“.
Und der Schlüssel liegt bei Herrn Krüger.
Herr Krüger ist allerdings bis Montag nicht da.




