Die Vereinigten Staaten verfügen über einige der besten Marineingenieure, Werften, Forschungszentren und Militärtechniker der Welt. Menschen studieren jahrelang Maschinenbau, Elektrotechnik, Strömungsmechanik und Schiffskonstruktion, sammeln Jahrzehnte Erfahrung und entwickeln Systeme, mit denen tonnenschwere Kampfflugzeuge innerhalb weniger Sekunden von einem schwimmenden Flugplatz starten können.
Zum Glück gibt es Donald Trump.
Denn irgendwann muss jemand all diesen Experten erklären, wie ein Flugzeugträger wirklich funktioniert.
Der US-Präsident hat angeordnet, dass Verteidigungsminister Pete Hegseth innerhalb von 60 Tagen einen Plan vorlegen soll, um bei künftigen Flugzeugträgern der Ford-Klasse auf moderne elektromagnetische Flugzeugkatapulte zu verzichten und wieder auf Dampftechnik zu setzen.
Volldampf zurück.
Damit könnte die amerikanische Marinegeschichte vor einer technologischen Revolution stehen: Während andere Staaten an Drohnen, künstlicher Intelligenz, Hyperschallwaffen und autonomen Systemen arbeiten, entdeckt Washington möglicherweise den Charme des Wasserkochers.
Willkommen bei „Trump baut einen Flugzeugträger“
Besonders interessant ist, dass Donald Trump diese Entscheidung nicht etwa nach einer jahrzehntelangen Karriere als Marineingenieur getroffen hat.
Trump war auch kein Marinepilot.
Kein Flugzeugträgerkommandant.
Kein Testpilot.
Kein Schiffbauingenieur.
Seine bekannteste berufliche Nähe zu großen Konstruktionen bestand lange Zeit darin, Hochhäuser bauen zu lassen und seinen Namen möglichst groß daran anzubringen.
Doch offenbar genügt das inzwischen für eine Nebenqualifikation in Flugzeugträgertechnik.
Vielleicht funktioniert technische Expertise im Weißen Haus künftig nach einem einfachen Prinzip:
Gebäude haben Stahl.
Flugzeugträger haben Stahl.
Donald Trump kennt Gebäude.
Also kennt Donald Trump Flugzeugträger.
Nach dieser Logik könnte demnächst ein Zahnarzt das Pentagon beraten, weil sowohl Zähne als auch Flugzeugträger gelegentlich Kronen besitzen.
Mark Kelly wagt die Expertenkarte
Senator Mark Kelly reagierte ausgesprochen deutlich auf Trumps Vorstoß.
Kelly ist ehemaliger Kampfpilot der US Navy, war Testpilot, flog als NASA-Astronaut ins All und sitzt heute im Streitkräfteausschuss des Senats.
Kurz gesagt: Der Mann besitzt einen beruflichen Lebenslauf, bei dem normale Menschen spätestens nach „Astronaut“ aufhören würden, zusätzliche Qualifikationen aufzuzählen.
Und ausgerechnet Kelly sagt, er selbst würde den Ingenieuren der Navy nicht vorschreiben, wie sie einen Flugzeugträger konstruieren sollen.
Über Donald Trump sagte er dagegen unmissverständlich:
„Donald Trump hat davon keine Ahnung.“
Das ist natürlich ein gewagtes Argument.
Denn was sind jahrzehntelange Erfahrung als Marineflieger, Testpilot und Astronaut gegen jene universelle technische Qualifikation, die entsteht, wenn Donald Trump eine Sache lange genug betrachtet und anschließend sagt:
„Ich kenne mich damit sehr gut aus.“
Kelly legte sogar nach und bezeichnete Trump als einen gescheiterten Immobilienentwickler mit mehreren Insolvenzen.
Damit wird der Streit endgültig technisch.
Auf der einen Seite:
NASA-Astronaut, Navy-Kampfpilot, Testpilot.
Auf der anderen:
Mann mit sehr starken Meinungen über Katapulte.
Amerika darf entscheiden.
Kleines Problem: Das Schiff wird bereits gebaut
Die vielleicht schönste Pointe dieser Geschichte heißt USS Doris Miller.
Denn dieser Flugzeugträger befindet sich bereits im Bau.
Und zwar ausgelegt für das elektromagnetische EMALS-System.
Nun könnte man denken, das sei ein kleines Hindernis.
Aber kleine Hindernisse sind bekanntlich nur Herausforderungen, die noch keine ausreichend große Rechnung erhalten haben.
Experten zufolge könnte die Umrüstung auf Dampftechnik Milliarden Dollar kosten.
Milliarden.
Nicht für einen zusätzlichen Flugzeugträger.
Nicht für neue Kampfflugzeuge.
Nicht für bessere Verteidigungssysteme.
Sondern möglicherweise dafür, ein Schiff umzubauen, das bereits für eine andere Technik geplant wurde.
Das ist ungefähr so, als würde jemand ein modernes Elektrohaus mit Wärmepumpe errichten, nach Fertigstellung des Rohbaus hereinkommen und sagen:
„Sehr schön. Jetzt hätte ich aber gern überall Kohleöfen.“
Der Architekt erklärt, dass dafür Wände aufgerissen, Leitungen verändert und das ganze Gebäude umgeplant werden müsse.
Antwort:
„Perfekt. Sie haben 60 Tage für den Plan.“
2034? Vielleicht 2039. Hauptsache Dampf!
Bislang sollte die USS Doris Miller ungefähr 2034 in Dienst gestellt werden.
Ein Umbau könnte die Fertigstellung nach Experteneinschätzung bis ans Ende der 2030er-Jahre verschieben.
Damit hätte die neue Strategie einen beeindruckenden militärischen Vorteil:
Der Gegner weiß nicht, wann der Flugzeugträger kommt.
Die Navy ebenfalls nicht.
Vielleicht nennt das Pentagon diese Methode künftig „strategische Terminunsicherheit“.
China entwickelt bis dahin womöglich seine sechste Generation von Kampfflugzeugen.
Die USA antworten:
„Moment! Unser Dampfkessel ist gleich warm.“
Die Navy behauptet frech, ihre Technik funktioniere
Besonders störend für Trumps Argumentation ist ausgerechnet die US Navy.
Die meldete nämlich nach Tests auf der USS Gerald R. Ford Vorteile der modernen Systeme. EMALS und das neue Fangsystem hätten zu einer höheren möglichen Zahl von Flugzeugstarts beigetragen als bei älteren Trägern der Nimitz-Klasse.
Außerdem benötigt die elektromagnetische Technik laut Berichten weniger Personal und verursacht niedrigere Wartungskosten.
Rund 100 Millionen Dollar jährlich könnten bei einem Flugzeugträger der Ford-Klasse eingespart werden.
Das ist unangenehm.
Denn wenn ein modernes System mehr Starts ermöglicht, weniger Personal benötigt und langfristig Wartungskosten reduziert, könnte ein Laie auf die verrückte Idee kommen, es weiterhin einzusetzen.
Doch ein echter Visionär fragt:
„Aber wo ist der Dampf?“
Trump gegen den Elektromagnetismus
Donald Trump kritisiert EMALS bereits seit Jahren.
Seine Abneigung gegen elektromagnetische Katapulte gehört inzwischen fast zur amerikanischen politischen Folklore.
Andere Präsidenten haben Herzensthemen wie Gesundheitsreformen, Abrüstung oder Bürgerrechte.
Trump hat Flugzeugkatapulte.
Man kann sich förmlich vorstellen, wie nachts um 3.17 Uhr im Weißen Haus ein Licht angeht.
Trump setzt sich im Bett auf.
„Dampf.“
Ein Mitarbeiter kommt herein.
„Sir?“
„Die Katapulte. Dampf.“
„Mr. President, es ist mitten in der Nacht.“
„Elektromagnetisch ist schlecht.“
„Soll ich den Verteidigungsminister anrufen?“
„Sechzig Tage.“
Pete Hegseth bekommt Hausaufgaben
Nun muss Verteidigungsminister Pete Hegseth einen Plan entwickeln.
Man darf gespannt sein, wie dieses Dokument aussieht.
Option A: Moderne Technologie weiterentwickeln.
Option B: Milliarden investieren, Schiff umplanen, Fertigstellung verzögern und alte Technik wieder integrieren.
Präsidentielle Präferenz: B, weil Dampf.
Das Weiße Haus argumentiert, das Memorandum solle langfristige Probleme beim Bau und bei Reparaturen von Navy-Schiffen beheben.
Das besitzt eine gewisse Logik.
Wenn ein Flugzeugträger durch eine Umplanung mehrere Jahre später fertig wird, muss man ihn in dieser Zeit zumindest nicht reparieren.
Problem gelöst.
Das eigentliche Problem ist die Überheblichkeit
Die wirklich bemerkenswerte Seite dieser Geschichte ist allerdings nicht die Frage, ob Dampf- oder Elektromagnetkatapulte technisch besser sind.
Solche Fragen gehören untersucht, getestet und von Fachleuten bewertet.
Genau dafür existieren Ingenieure, Testprogramme, Marineexperten und wissenschaftliche Analysen.
Problematisch wird es dort, wo politische Macht mit technischer Kompetenz verwechselt wird.
Ein Präsident darf selbstverständlich strategische Vorgaben machen.
Aber die Vorstellung, dass das Amt automatisch Detailwissen über komplexe technische Systeme mitliefert, ist ungefähr so vernünftig wie die Annahme, ein Krankenhausdirektor könne aufgrund seiner Position eine Herzoperation übernehmen.
„Ich bin Chef des Krankenhauses.“
„Aber Sie sind kein Chirurg.“
„Trotzdem weiß ich, wie Herzen funktionieren. Ich habe sehr viele Herzen gesehen.“
Genau hier trifft Mark Kellys Kritik einen empfindlichen Punkt.
Ein ehemaliger Testpilot und Astronaut sagt ausdrücklich, dass selbst er den Navy-Ingenieuren nicht diktieren würde, wie sie ihre Systeme konstruieren sollen.
Das nennt man Respekt vor Fachwissen.
Das Gegenmodell lautet:
Ich bin Präsident, also bin ich automatisch Chefingenieur.
Vielleicht folgt bald die komplette Trump-Navy
Wenn das Konzept erfolgreich ist, warten zahlreiche weitere Modernisierungen.
Radar?
Zu kompliziert.
Fernglas.
Satellitennavigation?
Elektronisch.
Sextant.
Gasturbinen?
Verdächtig modern.
Segel.
Digitale Kommunikation?
Unzuverlässig.
Brieftauben.
Und falls irgendwann jemand fragt, warum der modernste Flugzeugträger der Welt aussieht wie ein Kreuzfahrtschiff von 1912, lautet die Antwort:
„Niemand baut bessere Schiffe als wir.“
Die USS Doris Miller könnte damit zum Symbol einer bemerkenswerten Form politischer Technikbegeisterung werden:
Man besitzt ein modernes System.
Man hat Milliarden in dessen Entwicklung investiert.
Die Navy meldet Vorteile.
Das Schiff wird bereits dafür gebaut.
Also ordnet man an, möglicherweise alles wieder umzubauen.
Weil der Präsident persönlich eine andere Technik besser findet.
Man kann Donald Trump vieles vorwerfen.
Aber mangelndes Selbstvertrauen gehört definitiv nicht dazu.
Vielleicht ist genau das die entscheidende Voraussetzung für seinen neuen Nebenberuf.
Nicht Schiffbauingenieur.
Nicht Elektrotechniker.
Nicht Testpilot.
Sondern etwas viel Mächtigeres:
Donald Trump – staatlich ungeprüfter Chefingenieur der Vereinigten Staaten.
Und während Mark Kelly auf seine Erfahrung als Navy-Pilot, Testpilot und NASA-Astronaut verweisen kann, besitzt Trump letztlich das wichtigste Argument jeder technischen Diskussion:
Er ist überzeugt.
Sehr überzeugt.
Wahrscheinlich sogar stärker überzeugt als sämtliche Ingenieure zusammen.
Und wenn die USS Doris Miller deshalb erst Jahre später und einige Milliarden Dollar teurer fertig wird, lässt sich auch das problemlos erklären:
Das ist kein Rückschritt.
Das ist Fortschritt.
Nur eben mit Dampf.




