In Brasilien hat die Demokratie ein schwerwiegendes Problem entdeckt: Sie funktioniert offenbar auch dann, wenn ein Bolsonaro verliert. Während das Land seinen Wahlsieger feiert, hat Flávio Bolsonaro kurzerhand beschlossen, das Wahlergebnis durch eine wesentlich zuverlässigere Methode zu ersetzen: seine persönliche Meinung. Schließlich kann sich eine ganze Nation irren. Ein Bolsonaro hingegen niemals – das ist vermutlich genetisch ausgeschlossen.
Die Wahlkommission erklärte Lula zum Sieger, die eigene Partei räumte die Niederlage ein, internationale Beobachter sahen keinen Beleg für systematischen Wahlbetrug. Für Bolsonaro war die Sache damit eindeutig: Eine derart geschlossene Faktenlage konnte nur das Ergebnis einer gigantischen Verschwörung sein.
Weil sich sein Wahlsieg in Brasilien partout nicht finden ließ, machte sich Bolsonaro auf die Suche danach. Über Argentinien, Ecuador und schließlich nach Florida. Ein politischer Roadtrip nach dem Motto: Wenn das Volk mich nicht will, muss ich eben das Volk wechseln.
In Miami angekommen, erklärte er sich zum rechtmäßigen Präsidenten Brasiliens. Ein bemerkenswertes staatsrechtliches Konzept, das künftig vermutlich auch gescheiterten Bewerbern um einen Schrebergarten helfen dürfte: Einfach nach Mallorca fliegen und sich dort zum Vorsitzenden des Kleingartenvereins erklären.
Besonders interessant ist Bolsonaros Verhältnis zu Beweisen. Die Wahl sei gestohlen worden, behauptet er. Belege dafür? Fehlanzeige. Offenbar gelten Beweise inzwischen als linksextreme Zumutung und müssen aus Gründen der politischen Neutralität vollständig abgeschafft werden.
Sein politisches Vorbild Donald Trump zeigte sich derweil auffallend zurückhaltend. Er wolle sich nicht einmischen, ließ der US-Präsident wissen, nachdem er bereits Zweifel am Wahlergebnis geäußert und Bolsonaro die Einreise ermöglicht hatte. Das ist ungefähr so, als würde jemand einen Grill mit Benzin übergießen, das Feuerzeug reichen und anschließend erklären, mit dem Brand nichts zu tun haben zu wollen.
Auch Argentiniens Präsident Javier Milei erhielt von Bolsonaro ein herzliches Dankeschön. Die internationale Zusammenarbeit der schlechten Verlierer scheint hervorragend zu funktionieren. Während normale Menschen nach einer Niederlage ihre Fehler analysieren, organisieren diese Herren lieber einen grenzüberschreitenden Selbsthilfeverein für gekränkte Egos.
Besonders familiär wird die Geschichte beim Blick auf Vater Jair Bolsonaro. Auch der hatte bekanntlich Schwierigkeiten damit, demokratische Wahlergebnisse als verbindlich anzuerkennen. Offenbar wird in dieser Familie nicht nur der Nachname vererbt, sondern auch eine ausgeprägte Allergie gegen Stimmenauszählungen.
In Brasilien überlegt man inzwischen angeblich, ob man auf Stimmzetteln künftig einen Warnhinweis anbringen sollte: „Achtung! Das Ergebnis kann von Ihrer persönlichen Wunschvorstellung abweichen!“
Bolsonaro möchte unterdessen die Opposition aus den USA anführen. Das hat Vorteile: Sonne, Strand, internationale Aufmerksamkeit und genügend Abstand zur brasilianischen Justiz.
Die Demokratie dürfte diese Entwicklung aufmerksam verfolgen. Denn sollte sich Bolsonaros Modell durchsetzen, könnten bald überall auf der Welt selbst ernannte Präsidenten aus Ferienwohnungen regieren.
Brasilien hat damit vorerst einen gewählten Präsidenten und einen selbst ernannten Präsidenten im Ausland. Der Unterschied? Der eine besitzt das Mandat des Volkes. Der andere vermutlich eine Hotelbuchung in Miami.




