In Sachsen-Anhalt wird gewählt, und die AfD befindet sich offenbar bereits in jener seltenen politischen Bewusstseinslage, in der ein gutes Umfrageergebnis genügt, um innerlich schon die Gardinen im Innenministerium auszumessen.
Spitzenkandidat Ulrich Siegmund träumt von der absoluten Mehrheit. Praktisch. Denn mit absoluter Mehrheit lässt sich Politik ungefähr so komfortabel betreiben wie ein Kindergeburtstag ohne andere Eltern: Man muss weniger diskutieren, weniger Kompromisse machen und kann beim Topfschlagen selbst bestimmen, wo der Topf steht.
Zum geplanten Umbau gehört offenbar auch eine freiwillige Bürgerwacht. Neben Polizei und Ordnungsamt soll sie zur „dritten Säule“ der Sicherheit werden.
Deutschland hätte damit endlich das Sicherheitsmodell eines Baumarkts:
Polizei, Ordnungsamt und jemand in Warnweste, der sehr überzeugt „Hier nicht!“ sagt.
Juristen finden das weniger romantisch. Hoheitliche Aufgaben seien schließlich nicht dafür gedacht, nach dem Prinzip „Wer hat Samstag Zeit und besitzt festes Schuhwerk?“ verteilt zu werden. Auch das Grundgesetz meldet sich störend zu Wort.
Artikel 33 wirkt dabei ungefähr wie der eine pedantische Mensch auf einer Party, der nach vier Stunden Euphorie plötzlich fragt, ob jemand eigentlich die Genehmigung für den Grill hat.
Auch der Name „Bürgerwacht“ sorgt für Unbehagen. Er klingt ein wenig so, als würde zwischen zwei Reihenhäusern bald jemand mit Klemmbrett kontrollieren, ob der Nachbar noch demokratisch genug parkt.
Das Bewerbungsgespräch könnte dann so aussehen:
„Haben Sie Erfahrung im Sicherheitsbereich?“
„Ich beobachte seit 2017 intensiv die Straße.“
„Mit welcher Qualifikation?“
„Gardine.“
„Perfekt. Dienstbeginn Montag.“
Während Verfassungsrechtler noch überlegen, wie viel Bürgerwacht das Grundgesetz verträgt, übt der AfD-Nachwuchs bereits den ganz großen Auftritt.
Beim Kongress der „Generation Deutschland“ in Magdeburg war Sachsen-Anhalt offenbar nur die Vorspeise. Danach soll, so die Kampfansage, ganz Deutschland folgen.
Besonders wichtig: Business-Kleidung.
Denn wenn man schon über den großen nationalen Umbau spricht, sollte wenigstens das Sakko sitzen.
Jeans waren offenbar unerwünscht. Deutschlands Zukunft wird schließlich nicht in Denim gerettet.
Ein Redner zeigte sich begeistert von den vielen „wunderschönen, gut gekleideten Menschen“ und entwickelte daraus gleich ein politisches Konzept: Deutschland müsse wieder ästhetisch und schön werden.
Endlich ein Regierungsprogramm, das sich auch als Staffel von „Germany’s Next Topmodel – Verfassungsschutz Edition“ verkaufen ließe.
Auf dem Laufsteg:
Remigration.
Bürgerwacht.
Businessanzug.
Und Heidi Klum ruft aus dem Off:
„Heute habe ich leider kein Grundrecht für dich.“
Zwischendurch wurde über „verkommene Zustände“, angebliche Verfassungsfeinde und millionenfache Rückführungen gesprochen. Dazu kräftiger Applaus.
Politisches Feinmechanikhandwerk sieht zwar anders aus, aber Lautstärke hat den unschätzbaren Vorteil, dass man Details nicht mehr hören muss.
Die AfD liegt in Sachsen-Anhalt weiterhin deutlich vorn, gleichzeitig wächst die Gegenbewegung.
Vielleicht merken gerade einige Wähler, dass zwischen „Die da oben können nichts!“ und „So, jetzt müssen wir es selbst machen“ ungefähr derselbe Unterschied liegt wie zwischen einem Fußballkommentar vom Sofa und einer Champions-League-Aufstellung.
Denn Regieren bedeutet irgendwann Haushalte, Personal, Gerichte, Gesetze und Verwaltungsverfahren.
Also Dinge, die sich leider nicht zuverlässig durch Applaus, Sakko und den Satz „Deutschland muss wieder schön werden“ lösen lassen.
Und genau dort könnte das größte Problem der geplanten Revolution liegen:
Der Staat ist erschreckend kompliziert.
Man braucht Fachwissen.
Man braucht Regeln.
Man braucht Verfassungsrecht.
Und manchmal sogar Menschen, die tatsächlich wissen, was sie tun.




