Island hat abgestimmt. Und zwar über eine Frage, die für ein Land mit Vulkanen, Gletschern und regelmäßig explodierender Landschaft erstaunlich gefährlich erschien: Soll man wieder mit der Europäischen Union reden?
52,8 Prozent sagten Nein.
Damit bleibt Island vorerst dort, wo es sich offenbar am wohlsten fühlt: nah genug an der EU, um am Binnenmarkt teilzunehmen, aber weit genug weg, damit niemand aus Brüssel dem Kabeljau ein Formular umhängt.
Dabei ging es noch gar nicht um den EU-Beitritt. Es ging lediglich darum, die vor 13 Jahren unterbrochenen Beitrittsgespräche wieder aufzunehmen.
Also praktisch um einen Antrag auf Genehmigung zur Vorbereitung eines Gesprächstermins über einen möglichen Antrag.
Europa in seiner reinsten Form.
Hätten die Isländer Ja gesagt, wären vermutlich zunächst 37 Verhandlungskapitel geöffnet worden. Anschließend hätte Brüssel geprüft, ob isländischer Skyr rechtlich Joghurt, Käse oder ein besonders ehrgeiziger Baustoff ist.
Danach wäre eine EU-Arbeitsgruppe „Nordostatlantische Fermentierterzeugnisse“ eingerichtet worden.
Abschlussbericht: 2.846 Seiten.
Die größte Sorge Islands betrifft jedoch die Fischerei. Kein Wunder: Fisch ist dort nicht einfach Nahrung, sondern Wirtschaftszweig, Kulturgut und vermutlich in einigen Gemeinden stimmberechtigt.
Island möchte weiterhin selbst entscheiden, wer seine Fischbestände nutzen darf.
In Brüssel hätte dagegen irgendwann die Verordnung EU 2041/17 zur nachhaltigen Bewirtschaftung schwimmfähiger Meeresbürger mit Flossenhintergrund gedroht.
Artikel 8 Absatz 4:
„Kabeljau ist vor Entnahme ordnungsgemäß über sein Widerspruchsrecht zu informieren.“
Auch die Sicherheit spielte eine Rolle. Island besitzt keine eigene Armee, gehört aber zur NATO und verfügt über ein Verteidigungsabkommen mit den USA. Angesichts internationaler Spannungen argumentierte Regierungschefin Kristrún Frostadóttir, eine stärkere europäische Anbindung könne zusätzliche Sicherheit bringen.
Die EU bietet schließlich einen nicht zu unterschätzenden Schutzmechanismus:
Wer Island angreifen möchte, muss vorher klären, welche Generaldirektion zuständig ist.
Bis das abgeschlossen ist, hat sich die geopolitische Lage vermutlich dreimal geändert.
Besonders schön: Selbst erfolgreiche Beitrittsverhandlungen hätten Island noch gar nicht in die EU gebracht. Danach wäre ein zweites Referendum vorgesehen gewesen.
Die Isländer hätten also zunächst darüber abgestimmt, ob darüber verhandelt werden darf, später darüber, ob das ausgehandelte Ergebnis angenommen wird.
Fast europäisch.
Allerdings fehlt noch ein Referendum darüber, ob das zweite Referendum ordnungsgemäß durch das erste Referendum legitimiert wurde.
Dafür müsste Island allerdings vermutlich erst der EU beitreten.




