Früher war Politik vergleichsweise unkompliziert.
Man gewann eine Wahl.
Man setzte sich an einen Tisch.
Man diskutierte.
Man stritt.
Man einigte sich irgendwann auf einen Koalitionsvertrag, den anschließend niemand freiwillig vollständig las.
Heute beginnt der eigentliche Wahlkampf dagegen bereits mit einer ganz anderen Disziplin.
Dem großen Ausschließen.
Sachsen-Anhalt scheint diese Sportart inzwischen perfektioniert zu haben.
Es erinnert an ein Kindergeburtstagsfest, bei dem alle Gäste gleichzeitig verkünden:
„Mit dem spiele ich nicht.“
„Mit dem auch nicht.“
„Mit denen sowieso nicht.“
Und plötzlich sitzt jeder allein an seinem Tisch und wundert sich, warum niemand Topfschlagen möchte.
Ministerpräsident Sven Schulze machte deutlich, welche Koalitionen für ihn nicht infrage kommen.
AfD?
Nein.
Linke?
Ebenfalls nein.
Politische Beobachter zückten sofort Taschenrechner, Tabellen und farbige Stifte.
Denn Koalitionsbildung in Deutschland ähnelt inzwischen einem Sudoku für Fortgeschrittene.
Jede Zahl muss stimmen.
Aber kaum setzt man eine ein, erklärt jemand, genau diese Zahl dürfe dort auf keinen Fall stehen.
Auf der anderen Seite verfolgt AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund einen deutlich einfacheren Plan.
Warum komplizierte Koalitionen bilden, wenn man am liebsten allein regieren würde?
Das ist ungefähr die politische Version eines Grillabends mit der Einladung:
„Jeder bringt etwas mit.“
Und kurz vor Beginn erklärt einer:
„Ich grille übrigens allein.“
Die Umfragen liefern dazu ein Bild, das Mathematiker begeistert und Koalitionsverhandler regelmäßig in leichte Schnappatmung versetzt.
Rechnerisch geht einiges.
Politisch deutlich weniger.
Das Ergebnis wirkt wie ein Puzzle, bei dem sämtliche Teile vorhanden sind – allerdings weigern sich einige Ecken kategorisch, nebeneinanderzuliegen.
Politikwissenschaftler sprechen von schwierigen Mehrheitsverhältnissen.
Normale Menschen würden vermutlich sagen:
„Das wird kompliziert.“
Währenddessen laufen die Parteizentralen auf Hochtouren.
In jedem Büro stehen Menschen vor großen Whiteboards.
Pfeile werden gezogen.
Farben geändert.
Kreise gemalt.
Nach drei Stunden sieht das Ganze aus wie der Versuch, den Stammbaum einer besonders streitlustigen Großfamilie zu rekonstruieren.
„Mit wem?“
„Nein.“
„Und die?“
„Auch nicht.“
„Vielleicht...“
„Nein.“
„Bleibt noch...“
„Lieber Neuwahlen.“
Sachsen-Anhalt entwickelt sich damit ungewollt zum Austragungsort einer neuen olympischen Disziplin.
Synchrones Ausschließen.
Die Regeln sind einfach.
Jede Partei nennt möglichst viele Partner, mit denen sie keinesfalls regieren möchte.
Extrapunkte gibt es für besonders entschlossene Formulierungen.
Gold gewinnt, wer am Ende zwar keinen Koalitionspartner mehr übrig hat, aber trotzdem überzeugt erklärt, bestens vorbereitet zu sein.
Selbst Wahlplakate könnten künftig deutlich ehrlicher gestaltet werden.
„Unsere Ziele.“
Darunter eine lange Liste.
Und auf der Rückseite:
„Mit wem wir sie allerdings nicht umsetzen möchten.“
Die Druckkosten steigen zwar leicht.
Dafür sinkt der Überraschungseffekt nach der Wahl erheblich.
Besonders leidet inzwischen die Mathematik.
Sie galt jahrhundertelang als nüchterne Wissenschaft.
Zwei plus zwei ergibt vier.
Vierzig plus zwanzig ergibt sechzig.
Doch sobald Wahlergebnisse ins Spiel kommen, beginnt selbst der Taschenrechner nervös zu flimmern.
Er rechnet eine Mehrheit aus.
Politiker schauen darauf.
Dann erklären sie:
„Ja, rechnerisch schon.“
Und genau in diesem kleinen Wort „rechnerisch“ liegt inzwischen vermutlich die größte Karrierechance deutscher Sprachwissenschaft.
Es bedeutet ungefähr:
„Die Zahlen passen.
Alles andere leider nicht.“
Auch Wahlforscher erleben aufregende Zeiten.
Früher analysierten sie vor allem Stimmungen.
Heute gleichen ihre Vorträge einer Mischung aus Geometrieunterricht und Paartherapie.
„Diese Verbindung wäre theoretisch möglich.“
„Diese eher schwierig.“
„Diese scheitert bereits am ersten Kennenlernen.“
„Und diese existiert ausschließlich in Excel.“
Währenddessen entsteht außerhalb der Parteizentralen ein weiterer Wettbewerb.
Strategisches Wählen.
Der Gedanke dahinter ist ebenso faszinierend wie kompliziert.
Viele Wähler möchten nicht nur ihre bevorzugte Partei unterstützen.
Sie überlegen zusätzlich, welche Auswirkungen jede einzelne Stimme auf mögliche Mehrheiten haben könnte.
Manche Wahlzettel fühlen sich inzwischen vermutlich wie Schachpartien an.
„Wenn ich hier ein Kreuz mache, passiert dort etwas.
Falls jene Partei über fünf Prozent kommt, verändert sich wiederum dieses Feld.
Und wenn gleichzeitig...“
Irgendwo hört man einen Mathematiklehrer begeistert applaudieren.
Koalitionsverhandlungen könnten künftig ohnehin vollständig digitalisiert werden.
Man startet ein Programm.
Es fragt:
„Mit Partei A?“
Antwort:
„Nein.“
„Mit Partei B?“
„Nein.“
„Mit Partei C?“
„Auch nicht.“
Nach wenigen Sekunden erscheint eine höfliche Meldung:
„Leider konnte keine kompatible Regierung gefunden werden. Bitte starten Sie das politische System neu.“
Natürlich bleibt Demokratie weit mehr als bloße Rechenkunst.
Am Ende entscheiden Wählerinnen und Wähler über die Zusammensetzung des Landtags.
Und danach beginnt die eigentliche Herausforderung:
Aus unterschiedlichen Positionen tragfähige Mehrheiten zu entwickeln.
Genau das macht parlamentarische Demokratie anspruchsvoll – und manchmal ausgesprochen mühsam.
Bis dahin erinnert der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt allerdings erstaunlich an ein Speed-Dating.
Alle sitzen sich kurz gegenüber.
Tauschen höfliche Sätze aus.
Und erklären anschließend gleichzeitig:
„Vielen Dank.
Aber das wird nichts.“
Vielleicht braucht die Politik künftig einfach eine neue Berufsgruppe.
Nicht Koalitionsverhandler.
Nicht Strategieberater.
Sondern professionelle Ehevermittler.
Mit Erfahrung.
Sehr viel Erfahrung.
Und der Geduld eines Menschen, der zwei äußerst eigensinnige Katzen davon überzeugen möchte, sich freiwillig denselben Kratzbaum zu teilen.
Denn eines zeigt Sachsen-Anhalt derzeit eindrucksvoll:
Eine Mehrheit zu berechnen ist erstaunlich einfach.
Eine Mehrheit zusammenzubringen dagegen ist ungefähr so unkompliziert, wie einen Sack Flöhe zu einer ordentlichen Sitzordnung für die nächste Regierungserklärung zu bewegen.
Und falls irgendwann tatsächlich eine Koalition zustande kommt, dürfte sie allein dafür bereits einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde verdienen.
Nicht wegen ihrer Größe.
Sondern weil sie das scheinbar Unmögliche geschafft hat:
Sie hat aus lauter „Nein“ am Ende doch noch ein gemeinsames „Ja“ gemacht.




